Gerade hat das Bundeskriminalamt wieder seine jährliche Kriminalstatistik veröffentlicht. Und wer die Berichterstattung vieler deutscher Medien dazu verfolgt, muss den Eindruck gewinnen, dass alles ganz schlimm ist und immer schlimmer wird. Und DIE AUSLÄNDER!!!

Die Gewaltkriminalität etwa sei im Vergleich zum Vorjahr um 8,6 Prozent gestiegen, hieß es in vielen Berichten. Sogar 18,3 Prozent mehr Straftaten soll es im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 gegeben haben. Und zur klammheimlichen Freude gewisser Kräfte in Staat und Gesellschaft wurde auch kolportiert, dass der Anteil nichtdeutscher Straftäter*innen mal wieder zugenommen habe.

Nur: Stimmt das alles überhaupt? Die Antwort ist geradezu erschreckend einfach: Nein, überhaupt nicht. Es ist nicht überraschend, aber immer wieder schockierend, wie viele deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht nachkommen und unsauber berichten. Das gilt vor allem für Statistiken. Denn die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) erfasst nicht, wie viele Straftaten tatsächlich begangen wurden. Sie misst lediglich, wie viele und welche mutmaßlichen Straftaten bei der Polizei angezeigt wurden. 

Ja und? Es werden doch sicher fast alle Straftaten angezeigt, oder? Nein, keineswegs. Und bei der Frage, wer angezeigt wird und wer nicht, gibt es zum Teil starke Verzerrungseffekte.

Vorsicht bei der Interpretation von Zahlen

So erklärt Tobias Singelnstein, Professor für Strafrecht und Kriminologie, in einem Interview mit der "Zeit", dass man bei der Interpretation der Zahlen darauf achten müsse, welche Taten der Polizei bekannt werden - und welche nicht. Aus der Forschung wisse man, "dass Menschen eher angezeigt werden, die als nicht zur eigenen Gruppe gehörig wahrgenommen werden". Zum Beispiel sogenannte Nichtdeutsche.

Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse bei der Interpretation von Statistiken einfach außer Acht zu lassen, führt naturgemäß zu falschen Schlüssen. Genauso wie das hartnäckige Mitzählen von Straftaten, bei denen nur Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit angezeigt werden können, zum Beispiel Verstöße gegen das Ausländerrecht. Immerhin wird das mittlerweile mitberücksichtigt.

Nichtdeutsche Straftäter*innen: Verzerrte Statistik

Singelnstein erklärt auch, warum die Zahlen zu Straftaten, die angeblich von Nichtdeutschen begangen wurden, noch problematisch sind:

"Ein Teil der Fälle wurde zum Beispiel in Sammelunterkünften erfasst, da ist die soziale und behördliche Kontrolle deutlich intensiver. Da rufen meist nicht die Bewohner, sondern Betreuer und Leiter der Unterkunft die Polizei. Das ist eine ganz andere Kontrollintensität als in einem Mietshaus, wo viele Konflikte informell geregelt werden."

Aber auch das wird in der Statistik nicht berücksichtigt. Solange aber solche Verzerrungen in der PKS nicht beseitigt werden, ist sie völlig wertlos. Hinzu kommt, dass der Begriff "nichtdeutsche Tatverdächtige" viel zu weit gefasst ist. Er umfasst alle, von Tourist*innen über Geschäftsreisende bis hin zu Fernfahrer*innen auf der Durchreise. Weite Teile der Öffentlichkeit denken bei diesem unpräzisen Begriff jedoch an den Archetyp des "kriminellen Migranten". 

Kriminologisch sei die Kategorie "nichtdeutsch" ohnehin bedeutungslos, betont Singelnstein. Entscheidend für die Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden, sei nicht die Herkunft, sondern die soziale Lage. Das ist längst gesichertes kriminologisches Wissen. 

Kriminologe: Zahlen der PKS sagen nichts über Kriminalität aus

Der Kriminologe kommt zu dem Schluss, die Zahlen der PKS sagten kaum etwas über die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung in Deutschland aus: "Es ist bizarr, wie sie Jahr für Jahr in der öffentlichen Debatte überinterpretiert wird." Sie sei ein Tätigkeitsbericht der Polizei und gebe nur das wieder, was die Polizei sehen könne und erfassen wolle.

Der Kriminologe findet deutliche Worte:

"Die PKS wird behandelt wie der Goldstandard der Kriminalitätsmessung. Sie ist aber nur der Blechstandard."

Wer also in den letzten Tagen apokalyptische Schlagzeilen über dramatisch steigende Kriminalität gelesen hat, kann aufatmen. Das Abendland steht wohl doch nicht vor dem Untergang. Und die armen Deutschen werden auch nicht von bösen kriminellen Ausländer*innen überrannt. Hätte man sich fast denken können. 

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