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» Thema » WM 2006 » Markus Springer

 

Fieberkurve

Von Markus Springer

In der Vorwoche hat die geschätzte Kollegin von ihr beobachtete WM-bedingte Veränderungen ihrer Umgebung protokolliert: insgesamt ein heiteres Schwanken in einem vor allem schwarz-rot-goldenen Taumel. Nun meldet sich – leicht hitze- und schwer fußballfiebergeschädigt – der von ihr erwähnte Kollege. Derjenige, der an Deutschland-Spieltagen das Franz-Trikot mit dem ausgewaschenen Fünfer auf dem Rücken trägt, weil damals, 1974, als der Franz bei der ersten Fußball-WM in Deutschland zum Kaiser wurde, bei ihm jene Krankheit ausbrach, deren Opfer die Italiener als »Tifosi«, Typhuskranke, bezeichnen, und die den meisten Betroffenen als unheilbar erscheint.

Wenn wir schon von Italien sprechen: Ein zusätzliches Wort zum von der Kollegin ebenfalls erwähnten »Panini-Fieber« scheint angebracht. Es handelt sich dabei mitnichten um typhusartigen Brechdurchfall nach Verzehr von italienischen Weißmehlsemmeln. Vom »Panini-Fieber« gepackt ist, wer leidenschaftlich die Klebebildchen sammelt und tauscht, die eine italienische Firma namens Panini seit gut 40 Jahren herausgibt.

Im Ganzen 597 Aufkleber mit den Spielern der Fußball-WM 2006 hat der Klebebildchen-Weltmarktführer (Sitz: Modena; Ertrag 2005: 405 Millionen Euro) diesmal herausgegeben. Ein Päckchen mit fünf Bildern kostet 50 Cent. Das Forrest-Gump-Problem: Man weiß nie, was man bekommt. Ganz billig ist das »Panini-Fieber«, das in der Redaktion gleich mehrere Familien ergriffen hat, also nicht. Schon ohne die vielen Doppelten, die man erwirbt, kosten alle Aufkleber für das Sammelheft alleine schon 59,70 Euro. Vollständige Alben früherer Weltmeisterschaften werden dafür über die Internet-Börse eBay für bis zu vierstellige Beträge gehandelt. Man tröstet sich also mit der vermeintlichen Geldanlage und damit, dass es ein Spaß für die ganze Familie ist.

Die verschiedensten Tauschbörsen, in der Schule, im Bekanntenkreis, im Internet, helfen dabei, die Lücken zu füllen. Als besonders effektiv hat sich dabei für uns die Schweizer Tauschbörse www.wiggertal.ch erwiesen. Und mit Mails wie dieser auch als unterhaltsam,: »Hallo! Hett für dich 1 und 21, brüchti für mich 18 und 300. Wämer tuschä? Schrieb doch zrugg! Grüss Kolibri«

Die Firma Panini behauptet zwar, von allen der 597 Klebebildchen gleich viele in Umlauf gebracht zu haben. Zweifel scheinen jedoch angebracht. Zwar berichten die Kinder von einer Art Grundschule des Kapitalismus auf den Pausenhöfen, die zu Panini-Börsen mutiert sind. Die Nachfrage nach »Glitzerbildchen« mit silberfarbigem Hintergrund und den Wappen der Fußballverbände, nach Goleo, dem Hosenlosen, ist demnach deutlich höher als die nach »normalen« Kickern, von den deutschen, Ronaldo oder Ronaldinho einmal abgesehen. So verknappt sich natürlich deren Angebot, die Preise steigen: drei Iraner für einen Jens-Lehmann-Sonderdruck, der herausgegeben werden musste, weil das Heft bereits gedruckt war, als sich Jürgen Klinsmann gegen Oliver Kahn als Nummer eins entschieden hatte.

Aber dass es gerade auf dem deutschen Markt eine Schwemme mit Bildchen der niederländischen Fußballer gibt, man sich vor deren Konterfeis förmlich kaum retten kann, das riecht angesichts der deutsch-holländischen Fußballrivalität doch ein wenig nach Niedertracht beim italienischen Hersteller.

Während sich das Turnier mit den ersten Finalspielen in seine heiße Phase voranbewegt und die Fieberkurve bei den »Tifosi« der im Turnier verbliebenen Mannschaften steigt, ist das familiäre Panini-Fieber bereits wieder am Abklingen. Das Heft ist praktisch voll. Die paar noch fehlenden Bilder (unter anderem die »Briefmarke« und – ausgerechnet! – das holländische Verbandswappen, für die wir Angebote gerne entgegennehmen) sind bereits bestellt, werden aber leider erst nach der WM eintreffen.

A propos Fieber: In der recht fiebrigen und irgendwie lustigen Schlussphase der Partie Kroatien-Australien hat der englische Schiedsrichter Graham Poll bedauerlicherweise die Übersicht verloren, der WM in Deutschland aber einen ersten wirklich fußball-historischen Moment geschenkt. Der Kroate Josip Simunic geht nämlich als der erste Spieler in die WM-Geschichte ein, der es in einem Spiel auf drei gelbe Karten brachte, bevor er mit der roten Karte des Feldes verwiesen wurde. Aber da war das Spiel irgendwie eh schon abgepfiffen.

Seine zweite gelbe Karte hatte Hertha-Spieler Simunic ein so genanntes »taktisches Foul« eingebracht: ein kleiner Tritt im Mittelfeld in die Beine des Gegenspielers, der einen schnellen Konter verhinderte. »War ja nicht so schlimm,« meinen die Kommentatoren, wenn sie von »taktischen Fouls« sprechen. Wo Fußball weniger gespielt wird (wie in Brasilien, Ghana, der Elfenbeinküste), sondern häufig mehr gekämpft und gearbeitet wird (trotz Klinsmann: unter anderem in Deutschland), gehört das »taktische«, aber deswegen keineswegs weniger fußballfeindliche Foul schon in Jugendmannschaften zur Grundausbildung.

Auch eine Nation, die selig im Fußballfieber taumelt, und an dieser Stelle der Fieberkurve ist leider Schluss mit lustig, kann offenbar Opfer von taktischen Fouls werden. So wie die Häufung von Panini-Bildchen niederländischer Kicker kein Zufall sein kann, macht während der WM auch die Häufung von fürs Volk ziemlich teuren und schmerzhaften Entscheidungen in Politik und Wirtschaft stutzig.

Die Halbzeitmeldung zum Spiel Kroatien-Australien: Über 7000 Stellen will der Versicherungskonzern Allianz in Deutschland streichen – trotz höchst profitabler Bilanzen: im Vorjahr hat die Allianz 4,4 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet. Ähnliches bei der Bausparkasse Wüstenrot, die 1000 Menschen entlässt. Auch bei Gesundheitsreform und Mehrwertssteuererhöhung scheint man die WM-Partylaune im Land, das derzeit nicht mit Hässlichkeiten behelligt werden möchte, durchaus ins Kalkül gezogen zu haben.

Auf unangenehme Weise könnte sich also auch hier und noch lange nach der großen Sause bewahrheiten, was eine Kreditkarten-Werbung schon lange weiß: Fußballfieber? Unbezahlbar.

   Sonntagsblatt-Redakteur Markus Springer (40), ist vor kurzem zum Trainer der Hinterhofmannschaft »Wilde Wölfe« berufen worden. Der leidenschaftliche Fußball-Kucker und Gelegenheits-Kicker steht heute dazu, dass er in der ersten Klasse (1972) zum Fan des FC Bayern wurde und - trotz Sympathie für den TSV 1860 - immer Bayern-Fan geblieben ist.

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Links:
   Panini im Internet
   Tauschbörse wiggertal.ch

 

 

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abgerufen 02.10.2014 - 12:25 Uhr

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