Fußballgott, Fußballpfarrer, Fußballkult, Fußballgottesdienst – irgendwie fangen die Dinge an, zu verschwimmen. Aber ich möchte hier ausnahmsweise mal nicht über die Frage der Wesensverwandtschaft von Kicken und Kirche räsonieren. Sondern über die bemerkenswerten Verwandlungen in meiner Nachbarschaft.
Irgendwie ist alles leichter und besser, seit diese WM endlich begonnen hat. Inklusive Wetter und Wade und Stimmung.
So entspannt habe ich meine manchmal als spießig und oft als steif gescholtenen Landsleute lange nicht erlebt. In der Mittagspause begegnen mir die üblichen anthrazitgrauen Banker, nur diesmal im Deutschland-Trikot und mit Lausjungen-Gesicht. Der Kollege trägt eine ausgewaschene Nummer 5 und darf Franz genannt werden. Das Panini-Bildchen-Fieber grassiert. Aus den Festern hängt neben Deutschland-Fahnen auch das komplette WM-Fähnchen-Sortiment von Tengelmann. Die Stimmung ist italienisch und gar nicht dumpf-national.
Irgendwann beschleicht mich das merkwürdige Gefühl, verkleidet zu sein, weil ich kein Fußballhemd trage. Zwei Freundinnen rufen mich an, Panik in der Stimme: Wo ich denn das Spiel anschaue? Es ist wie an Sylvester: Alleine WM gucken ist wie allein Raketen anzünden. Wir verabreden uns zum WM-Weiberabend in eine türkische Eckkneipe mit Großbildleinwand.
Während ich, Sonne im Gemüt und Fußball im Herzen, auf die Mädels warte, defiliert ein sympathisches Fußball-Deutschland an mir vorbei. Ein Ehepaar, beide Mitte fünfzig, flaniert Händchen haltend im Trikot-Partnerlook über das Trottoir. Ein junger Radler hat sich ein Banner in Schwarzrotgold um die Schultern geschlungen, das dramatisch hinter ihm herweht. Ein Mädchen führt drei Hunde Gassi, die jeweils mit Deutschland-Halsband und schwarzrotgoldener Kapitänsbinde an der Vorderpfote verziert sind.
Ein neuer Nachbar schwankt, mit Sixpack und Weinkarton beladen, heran. Ich halte ihm die Haustür auf und zwinkere ihm verschwörerisch zu: »Na, wie viele kommen denn?« Er schaut entgeistert auf das Werkzeug, das statt den erwarteten Flaschen aus dem Karton ragt, und stammelt: »Nein, nein – das ist für mich.« Oje. Ein Fußballwaise. Der muss wohl auf den 10. Juli hoffen. Alle anderen üben sich im optischen Schulterschluss und ausgelassenen Feiern – und bleiben der Welt hoffentlich auch dann Freunde, wenn die deutsche Elf doch nicht bis ins Finale kommt.
Susanne Petersen, 30 Jahre, früher aktiv in Abwehr und Tor, heute aktiv beim Gucken von sportlichen Großereignissen wie Olympia und Fußball-WM, ist Redakteurin beim evangelischen Sonntagsblatt für Bayern.