Home Artikel-ID: 2013_37_20_02
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 31.07.2014
Aktuelle Ausgabe: 30 vom 27.07.2014
Dieser Artikel: Ausgabe 37/2013 vom 08.09.2013
Alle Artikel der » Ausgabe 37/2013 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Kostbarkeit ohne Titelblatt

Österreichs älteste Lutherbibel ist das kostbarste Inventar des Wieserhofs in der Ramsau


Die abenteuerliche Beschaffung, die Weitergabe, das Versteck, der Stolz auf die Tradition: In der Geschichte der Bibel vom Wieserhof steckt, genau besehen, der Kern der Geschichte des Protestantismus in Österreich.

österreichs älteste evangelische Bibel gehört seit fast 500 Jahren zum Wieserhof von Hans und Steffi Wieser in der Ramsau am Dachstein.
Foto: Greif
   österreichs älteste evangelische Bibel gehört seit fast 500 Jahren zum Wieserhof von Hans und Steffi Wieser in der Ramsau am Dachstein.

        

Da liegt das Buch auf dem schweren Eichentisch in der Stube. Der lederne Einband wird von zwei Metallschnallen zusammengehalten. Die erste Seite fehlt, es geht gleich mit dem ersten von mehreren Vorworten los. Die Seiten sind brüchig, die Frakturschrift ist nur mit Konzentration lesbar.

Man erwartet auf einem abgelegenen Gehöft wie dem Wieserhof in der Ramsau am Dachstein nicht unbedingt eine Attraktion wie diese. Draußen treibt der Enkel die 18 Milchkühe in den Stall, drinnen blättert Altbauer Hans Wieser das Impressum auf: Wittenberg 1536, gedruckt von Hans Lufft. Es ist eine Lutherbibel, erstmals publiziert 1534 in Wittenberg, eine der ältesten, die es gibt, und die älteste in ganz Österreich.

Die Bibel auf dem Wieserhof wurde von einem Wieserbauern bestellt und bezahlt, wahrscheinlich mit Vogelbeerschnaps. Salzträger aus Gosau bei Hallstatt brachten sie vor beinahe 500 Jahren in Holzkraxen zu Fuß über den Dachsteinkamm. Seither sind dem Bibelkäufer ungefähr 20 Generationen nachgefolgt, noch immer sind der Hof- und der Familienname identisch, und noch immer gehört auch die Lutherbibel zum Hof. Das ist schon deswegen ein Wunder, weil ihr Besitz lange Zeit strafbar und gefährlich war. Beim Abriss des alten Kuhstalls vor gut 90 Jahren, so geht die Familiensage, konnte man das Bibelversteck, ein Stück doppelten Boden unter dem Vieh, noch sehen.

Besichtigung bei Hollersaft und »evangelischen Krapfen« aus feinem Ramsauer Weizen mit Steirerkas: die älteste Lutherbibel Österreichs.
Foto: Tourismusverband Ramsau am Dachstein
   Besichtigung bei Hollersaft und »evangelischen Krapfen« aus feinem Ramsauer Weizen mit Steirerkas: die älteste Lutherbibel Österreichs.

        

Inzwischen hat die Bäuerin Hollersaft und Krapfen mit Steirerkas aufgefahren, evangelische Krapfen übrigens, denn nur oben auf der Ramsau reifte der feine Weizen, dieweil die Katholiken unten im Ennstal mit Roggenmehl backen mussten. Pfarrer Wolfgang Rehner hat beim Durchsehen des Einbands einige handschriftliche Notizen gefunden, die aber entweder noch ganz jung sind - von 1820 - oder nicht lesbar. Sie führen nicht weit genug in die Vergangenheit, um eine Anknüpfung an die Zeit des Drucks herzustellen.

Das fehlende Titelblatt wundert ihn nicht; fast alle alten Druckwerke, die auf den Höfen in der Ramsau seit der Zeit des Geheimprotestantismus im 17. und 18. Jahrhundert aufbewahrt werden, sind derart kastriert. »Die katholischen Religionskommissäre konnten meist nicht lesen, aber den Schriftzug Martin Luther haben sie dann doch erkannt«, weiß Rehner.

Vor einigen Jahren wollte sich Hans Wieser seine Hofbibel versichern lassen. Vergessen Sie es, sagte der Mann von der Versicherung: Dieses Buch ist mehr wert als der ganze Hof. So liegt sie in einem sicheren Banksafe und wird nur für angemeldete Interessenten in der Stube aufgeschlagen.

Wäre es denn denkbar, das kostbare Stück in einer Notzeit zu versilbern? Den Wiesers steht schon beim Gedanken das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Es wäre wohl ebenso abwegig, den Papst nach seinen Heiratsabsichten zu befragen. Hans Wieser schüttelt eindringlich den Kopf: »Da denkt man doch gar nicht dran.«

        

WAS IST PROTESTANTISCH?

Hans und Steffi Wieser, Landwirte, Ramsau am Dachstein: »Der Glaube ist ja fast der gleiche wie bei den Katholischen. Evangelisch, das ist einfach bodenständig. Das gehört zu diesem Hof schon so lange dazu, es könnte gar nicht anders sein.«

        

Iven Benck, Pfarrer in Hallstatt.
Foto: Greif
   Iven Benck, Pfarrer in Hallstatt.

        

Iven Benck, Pfarrer in Hallstatt: »Unseren vielen asiatischen Gästen würde ich es so erklären: Evangelisch sein ist die Variante des Christentums, die vor allem die gute Nachricht betont, dass Gott die Menschen liebt und jeder Einzelne für Gott wichtig ist.«

Wolfgang Rehner, Pfarrer in Ramsau am Dachstein: »Evangelisch: Das ist wie die Luft zum Atmen. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.«

        

Franz Lechner, Altkurator in Gosau.
Foto: Greif
   Franz Lechner, Altkurator in Gosau.

        

Franz Lechner, Altkurator in Gosau: »Den Katholiken wurde früher die Bibel verwehrt, die Evangelischen haben sie versteckt und heimlich gelesen. Dazu mussten die Bauern das Lesen lernen. Das alles haben die unter großen Gefahren gemacht. Das ist natürlich auch für uns heute noch eine Verpflichtung. Es reicht aber nicht, nur aus Patriotismus evangelisch zu sein. Für mich ist das tägliche Bibelstudium sehr wichtig.«

europa reformata

europa reformata

  Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 gilt als Startpunkt der Reformation und Urknall der Neuzeit. Die Reformation war eine europäische Angelegenheit.

  Unter dem Logo »europa reformata« stellen wir in den kommenden Jahren in loser Folge europäische Orte vor, die von evangelischem Denken und Handeln entscheidend mitgeprägt wurden.

ÖSTERREICH

Bibeln für Vogelbeerschnaps. Der »Weg des Buches« folgt den Spuren des österreichischen Geheimprotestantismus. » lesen!

Kostbarkeit ohne Titelblatt. Österreichs älteste Lutherbibel ist das kostbarste Inventar des Wieserhofs in der Ramsau. » lesen!

 

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

thg

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2013_37_20_02.htm
abgerufen 31.07.2014 - 07:21 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2014, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB