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Dieser Artikel: Ausgabe 07/2013 vom 10.02.2013
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Stadtwurst und Klosterbier

Ein ehemaliger katholischer Pfarrer betreibt seit zwei Jahren ein Wirtshaus in Lauf an der Pegnitz


Seit knapp zwei Jahren, betreibt der ehemalige katholische Gesitliche Thomas Kirsch im mittelfränkischen Lauf in der Johannisgasse sein Gasthaus »Zum ehemaligen Pfarrer«. Seelsorger ist er auch nach seinem nach seinem Rauswurf bei der Kirche geblieben.

Thomas Kirsch in seinem Gasthaus »Zum ehemaligen Pfarrer«.
Foto: epd-bild
   Thomas Kirsch in seinem Gasthaus »Zum ehemaligen Pfarrer«.

        

Die übersichtliche Speisekarte im Gasthaus »Zum ehemaligen Pfarrer« ist mit zwei Schraubzwingen auf ein Holzbrettchen geklemmt. Der Gast kann aus 18 verschiedenen bayerischen und fränkischen Bieren wählen und sich dazu Stadtwurst mit Salzkartoffeln, Pfannkuchen mit Marmelade, am Freitag Matjeshering und noch ein paar Gerichte mehr schmecken lassen.

Alle gefüllten Gläser und Teller trägt der Wirt persönlich vom Erdgeschoß eine gewundene Treppe in den ersten Stock hinauf. In der »Jakobus-Stube« warten bereits die Mittagsgäste an rustikalen Holztischen. Die Einrichtung der Gaststube im bayerischen Berghüttenstil wirkt neu und einen Tick zu gepflegt. »Gemütlich, aber etwas steif, die Gäste gesittet, nicht so temperamentvoll«, urteilt der Besucher Günther Gleiß, selbst ein Gastronom.

Seit knapp zwei Jahren betreibt Thomas Kirsch im mittelfränkischen Lauf in der Johannisgasse sein Gasthaus »Zum ehemaligen Pfarrer«, und nicht jeder hätte dem Branchenfremden dieses Stehvermögen zugetraut. Mit einem kleinen Team von sechs Leuten hat er es geschafft. »Es ist kein leichter Beruf«, räumt der 47-Jährige ein, »aber ich wusste, was auf mich zukommt.«

Der Priester hat sein Lokal nach dem eigenen Schicksal benannt, weil Kirsch vor acht Jahren seinen Talar an den Nagel hängen musste. Die Liebe zu einer Frau hat den Geistlichen der Gemeinden Bühl und Troschenreuth erwischt. Als er seine heutige Lebensgefährtin kennenlernte, war für den 47-Jährigen klar: »Eine heimliche Haushälterin - das wäre mein Weg nicht gewesen und der meiner Frau auch nicht.« Er habe immer versucht, aufrichtig und ehrlich durch die Welt zu gehen.

So suspendierte die Kirche den Pfarrer. Er stand ohne Arbeit da. »Eine Berufstätigkeit innerhalb der Kirche war nicht mehr möglich«, sagt er. Kirsch hat kurz überlegt, ob er vielleicht evangelischer Seelsorger werden soll, brachte dann aber den Bruch mit seinen katholischen Traditionen nicht fertig.

Kirsch sagt, er habe damit gerechnet, dass ihn seine Kirche suspendieren würde - aber aus anderen Gründen. Zuvor hatte er einen Rüffel bekommen, weil er unerlaubterweise ein Kind an einem Wasserfall taufte oder weil er Verlautbarungen aus Rom sonntags in seinen Gemeinden kritisch kommentierte. Seine katholische Kirche ärgert ihn noch immer, weil sie den Laien das Mitspracherecht beschneidet und weil Papst und Bischöfe »in einer anderen Welt leben«. Sie müssten ihre Traditionen überdenken und anpassen. Ganz viele Menschen hätten damit ein Problem, meint Kirsch. Am Wirtshaustisch erfahre er, »was den Leuten auf der Seele brennt«.

Die Seelsorge hat ihm gefehlt, als Thomas Kirsch nach seinem Rauswurf bei der Kirche zunächst als »klassischer Geschäftsmann« bei einem Reiseunternehmen arbeitete. Also hat er an einem »Sonderkonzept« für ein Haus gebastelt, in dem er Gastfreundschaft und seelsorgerliche Gespräche anbieten kann. Kirsch unterhält sich furchtbar gerne mit Menschen und er kann mit sehr wenig Schlaf auskommen - für einen Gastwirt sind das zwei fundamentale Voraussetzungen.

Im zweiten Stock unter den freien rohen Dachbalken ist die »Johannis-Stube« entstanden, in der Kirsch tiefergehende seelsorgerische Gespräche führt als sie im Gastraum möglich sind. Er bietet sich als Berater in Krisenzeiten an, hilft beim Vorbereiten von Hochzeiten und steht häufig als Trauerredner auf den Friedhöfen der Umgebung. Er beerdigt »in christlich kirchlicher Tradition«, so steht es auf seinem Werbeflyer, »Verstorbene, die aus der Kirche, aber nicht aus dem Glauben ausgetreten sind.« Ein weiteres Standbein hat sich Kirsch mit der Organisation von Gruppenreisen geschaffen. Dafür hat er sich im Erdgeschoss ein Büro eingerichtet.

Nun aber stellt der »ehemalige Pfarrer« seinem Stammgast Reinold Härtel den Teller mit dem bestellten »Klostertoast« auf den Tisch. Härtel hat die Wartezeit im gut besuchten Lokal mit dem Genuss eines dunklen Bieres abgekürzt. Er findet es gut, dass der Wirt mit seiner Geschichte »offen umgeht«, sagt er. Das müsse er aber auch, fügt er schmunzelnd hinzu, »denn, dass er ein Pastoraler ist, kann er nicht verleugnen«.

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Jutta Olschewski

 


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abgerufen 18.04.2014 - 08:15 Uhr

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