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Dieser Artikel: Ausgabe 04/2013 vom 20.01.2013
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Mission: Öffnung zur Welt

Straßburg ist Frankreichs einzige Großstadt mit protestantischen Wurzeln

Von Thomas Greif

Straßburg gehörte zu den großen Zentren der Reformation in Europa. Und obwohl 1681 König Ludwig XIV. die Stadt dem strengkatholischen Königreich Frankreich einverleibte, hat sie viel von ihrem protestantischem Erbe bewahrt.

Historischer Ort: Auf dem Altar der Straßburger Thomaskirche wurde 2001 die »Charta Oecumenica« unterzeichnet. Dekan Jean-Jacques Reutenauer will das große Erbe der Kirche für Besucher erlebbarer machen.
Foto: Greif
   Historischer Ort: Auf dem Altar der Straßburger Thomaskirche wurde 2001 die »Charta Oecumenica« unterzeichnet. Dekan Jean-Jacques Reutenauer will das große Erbe der Kirche für Besucher erlebbarer machen.

        

Unter dem Tympanon des Mittelportals betrat, gemessenen Schrittes, der König selbst das gewaltige Münster zu Straßburg: Ludwig XIV., der Sonnenkönig, »Louis le Grand«, in diesen Tagen der zweifellos mächtigste Mann Europas. Der König hatte diese Macht erst wenige Tage zuvor eindrucksvoll unter Beweis gestellt: 30.000 seiner Soldaten waren unter Regie seines Kriegsministers, des Marquis François Michel Le Tellier de Louvois, vor den Toren der Freien Reichsstadt aufmarschiert und hatten binnen weniger Tage die Kapitulation der wehrlosen Stadtrepublik erzwungen.

Doch erst am Donnerstag, den 23. Oktober 1681, nahm der König von Frankreich mit großer Symbolkraft Besitz von Straßburg, das seit den Anfängen der Reformation eine protestantische Stadt gewesen war, und er tat es, indem er im Herzen dieser Stadt, in ihrer größten und berühmtesten Kirche mit dem damals höchsten Turm der Welt, zusammen mit Fürstbischof Franz Egon von Fürstenberg eine Messe feierte. Denn Paragraph 3 der zuvor mit der Stadt geschlossenen Kapitulationsurkunde von Illkirch besagte: »Die Kirche Notre-Dame, bisher Münster genannt, ist den Katholiken zurückzugeben.«

Und so endeten unter den Klängen des »Te Deum« an diesem Tag gleichzeitig die 157jährige evangelische Geschichte des Münsters und, nach 419 Jahren, die Geschichte der Freien Reichsstadt Straßburg.

***

Draußen wird es schon dunkel, und die Thomaskirche ist um diese Zeit eigentlich schon geschlossen. Aber drinnen hält heute Jean-Jacques Reutenauer, inspecteur ecclésiastique (Dekan) der evangelisch-lutherischen Gemeinden in der Stadt und gleichzeitig Thomaskirchenpfarrer, vor dem kleinen Info-Kiosk neben der Eingangstür noch einen kleinen Schwatz mit einem alten Bekannten aus der Stadt, und so steht die Kirche späten Besuchern noch offen.

Der »Temple Neuf«, der zum Stadtführungsprogramm von Fernand Gastebois gehört, wurde 1877 am Platz der ehemaligen Dominikanerkirche erbaut.
Foto: Greif
   Der »Temple Neuf«, der zum Stadtführungsprogramm von Fernand Gastebois gehört, wurde 1877 am Platz der ehemaligen Dominikanerkirche erbaut.

        

Die beiden reden elsässisch, einen alemannisch-fränkischen, mithin deutschen Dialekt, was prompt einen pikierten Dialog mit einigen Kirchenbesuchern provoziert: Einer von ihnen verabschiedet sich nämlich mit einem mühsam formulierten, aber sehr betonten »Auf Wiedrsähn«. Es klingt weniger freundlich als vorwurfsvoll, und Reutenauer beeilt sich mit der Replik, dass man hier selbstverständlich vor allem französisch spreche: »Mais on parle le Francais ici!«.

Ein typischer Moment, sagt Reutenauer: Franzosen aus »Innerfrankreich« (ein politisch korrekter Begriff übrigens) reagieren misstrauisch, wenn Franzosen aus dem Elsass deutsch reden. Weil die meisten Franzosen das nicht können, so wie die meisten Franzosen grundsätzlich keine andere Sprache sprechen als ihre eigene, und weil dann in jedem noch so belanglosen Moment sofort die besondere Geschichte und Mentalität dieses Landes im Raum steht, die vielen Franzosen von jenseits der Vogesen bis heute fremd ist.

Das Elsass hat seit Jahrhunderten eine Mittlerrolle zwischen Frankreich und Deutschland, den beiden großen Kulturen im Herzen Europas. Meist war das kulturell und ökonomisch ein Segen, aber vor allem die jüngere Geschichte hat auch tiefe Narben hinterlassen. »Das Herz schlägt französisch, aber das Gehirn denkt deutsch«, sagt Reutenauer. Die eigentümliche Scharnierfunktion zwischen Frankreich und Deutschland ist jenseits der Sprachenfrage auf vielerlei Weise zu spüren: In Straßburg heißen die Familien Koenig, Oberlin oder Fuchs, der aus Paris kommende TGV fährt ab Saarburg (Sarrebourg) auf einmal auf dem rechten Gleis, und auf der Speisekarte gibt's Sauerkraut und Brezeln.

König Ludwig XIV. empfängt am 23. Oktober 1681 die Stadtschlüssel Straßburgs: ein Gemälde von Constantijn Francken.
Foto: Rama / CC BY-SA 2.5 fr
   König Ludwig XIV. empfängt am 23. Oktober 1681 die Stadtschlüssel Straßburgs: ein Gemälde von Constantijn Francken.

        

Die historisch prägendste Besonderheit aber ist eine konfessionelle: Teile des Elsass haben eine reiche reformatorische Tradition und sind zum Teil bis heute mehrheitlich evangelisch-lutherisch. Rund zwölf Prozent der elsässischen (und auch der Straßburger) Bevölkerung gehören einer protestantischen Kirche an - zwölfmal so viel wie im restlichen Frankreich, das unter Ludwig XIV. zum katholischen Einheitsstaat getrimmt wurde. In keiner Großstadt Frankreichs ist der Protestantismus auch nur annähernd so präsent wie in Straßburg.

***

Freilich: Präsenz ist vielleicht das falsche Wort. Denn der stolzen Tradition, die sich allein auf der von der Ill umflossenen Altstadtinsel in fünf zum Teil imposanten Kirchbauten zeigt, steht eine scheue Zurückhaltung gegenüber, was nicht nur darin liegt, dass sich die Kirche mitten in einem großstadttypischen Strukturwandel befindet. Die Protestanten suchen gerade erst den Kontakt zur Welt, den sie bisher noch nicht gepflegt haben. 2009 fand in Straßburg der erste Evangelische Kirchentag Frankreichs statt. Touristen zu Pilgern machen, Kunstausstellungen, Citykirchen: »Öffnen« lautet das Zauberwort der Evangelischen in Straßburg im Vorfeld des Reformationsjubiläums.

Es ist höchste Zeit, denn auch hierzulande kommt den Kirchen das Volk abhanden. »Für viele Menschen ist das, was wir hier tun, wie Chinesisch«, weiß der Dekan. In der Innenstadt wohnen noch gut 8000 Evangelische, Tendenz fallend; genaue Zahlen gibt es nicht, weil sich in Frankreich jeder Bürger der Kirchengemeinde anschließen kann, die ihm genehm ist.

Um zu verstehen, warum sich die Evangelischen hier so schwer mit der Welt tun, muß man tief schürfen. »Der Protestantismus hat in Frankreich eine Tradition der Verfolgung«, sagt Jean-Sébastien Ingrand, seit drei Jahren Direktor der Médiathèque Protestante neben der Thomaskirche, der größten evangelischen Bibliothek Frankreichs: »Alles, was man tat, war von Angst begleitet.« Die Médiathèque verfügt über prächtige Bücherschätze, 80.000 Bände, darunter Drucke aus dem 15. Jahrhundert, handschriftliche Notizen von Martin Bucer, barocke Enzyklopädien, daneben über einen riesigen Bestand an zeitgenössischer Literatur für Wissenschaftler und Pädagogen. Für die breite Öffentlichkeit war das alles nicht gedacht, bisher. »Man zeigte nicht, was man hat, vor lauter Angst, dass es einem genommen wird«, sagt Ingrand, ein reformierter Pfarrer.

Es ist sein großes Projekt, unter diesem mentalen Schutzschirm herauszukriechen und die Einrichtung ins Licht der Welt zu rücken. Heute präsentiert die Médiathèque sechs Ausstellungen pro Jahr und wirbt, nicht zuletzt virtuell, um Nutzer. Der Direktor bietet Führungen in das historische Stiftsgewölbe, wo die Regale bis unter die Decke mit dicken Folianten in braunen Ledereinbänden gefüllt sind, die man nur mit Ehrfurcht und Handschuhen herausnimmt - Fausts Studierzimmer muss ungefähr so ausgesehen haben. Und immer wieder hat er mit dieser Methode Erfolgserlebnisse wie neulich beim Besuch einer koreanischen Pastorengruppe, die voller Ehrfurcht Originalausgaben von Jean Calvin bestaunten: »Die sind abgehoben vor Begeisterung«, erinnert sich der Bibliothekschef.

Doch die vornehme evangelische Zurückhaltung, die nun so sehr nach »Öffnung« schreit, hat noch einen anderen Grund. Luthers Sprache war das Deutsche. Als das Elsass 1871 zum Deutschen Reich kam, erfuhr der Protestantismus einen gewaltigen Aufschwung. Die preußischen Kaiser verstanden sich als Schutzherrn der Evangelischen; in Berlin schwadronierte man vom »Heiligen Evangelischen Reich Deutscher Nation«, dessen ungeliebte preußische Verwaltungsbeamte denn auch im Elsass meistens Protestanten waren.

Die meisten von ihnen mussten das Land zwar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verlassen. Dennoch blieb der Protestantismus desavouiert; den Streit der Elsässer mit Paris um Autonomie für die ferne Provinz fochten in erster Linie Vertreter des katholischen Klerus aus. Das Trauma der NS-Zeit mit ihren bizarren Versuchen der Zwangs-Germanisierung hatte zwar, anders als die Kaiserzeit, keine konfessionellen Vorzeichen mehr. Dennoch hatten auch diesmal die Protestanten nach Kriegsende das größere Imageproblem. Das Luthertum war aus der deutschen Kulturwelt erwachsen, und mit der deutschen Kulturwelt, die doch zuletzt zur Barbarei mutiert war, wollte man nun erstmal gar nichts mehr zu tun haben. Das Elsässische landete als deutscher Dialekt im Folklorezimmer, in das viele Elsässer ihre Kinder nicht mehr schicken wollten, und es ist nicht genau zu sagen, ob es dort noch einmal herausfindet.

Den sprachlichen Wandel spürt auch Bibliotheksdirektor Ingrand: Die deutschsprachige Literatur, viele tausend Bände von der 1726er Bibelausgabe bis zu Friedrich Blumes »Geschichte der Kirchenmusik«, wird immer weniger gefragt. Ein gut versteckter Nachweis für den Schwund der elsässischen Doppelsprachigkeit findet sich nach einem Marsch durch künstlich beleuchtete Kellergänge und feuerfeste, doppelt gesicherte Türen, wenn Ingrand aus einem riesigen Magazinschrank den »Almanach de l'Eglise Lutherienne« herauskurbelt. 1972 wurde noch fast ausschließlich in deutscher Sprache publiziert, 1985 war das Verhältnis zum Französischen halbe-halbe. Heute ist der Almanach durchwegs französisch, vereinzelte Erbauungs- oder Heimattexte ausgenommen. Zum deutschsprachigen Gottesdienst in Saint Thomas kommen vor allem Touristen.

Fernand Gastebois hat sich über die Vorbehalte vieler Franzosen gegenüber Luther und dessen Sprache schon oft geärgert: »Dass die Leute noch so kreuzblöd sind.« Der 85jährige pensionierte Postbeamte stammt aus Sessenheim, einem jener Orte, die an die kulturelle Bindung des Elsass gen Osten erinnern - hier hatte sich der junge Goethe unsterblich in die Pfarrerstocher Friederike Brion verliebt und ihr das Lied »Sah ein Knab ein Röslein stehn« gewidmet. Heute steht Gastebois vor dem Temple Neuf, jener Kirche, die 1877 am Platz der alten Dominikanerkirche im neugotischen Stil errichtet wurde, und setzt mehrfach an, um ihre spannende Geschichte zu erzählen. Es kommen aber zu viele Bekannte vorbei, die ihn davon abhalten, und so führt Monsieur Gastebois hier ein Gespräch im gemütlichen Elsässerdeutsch, dort eines auf Französisch, manchmal geht's auch durcheinander. Man kann richtig neidisch werden auf diese mühelose Doppelsprachigkeit und sich gleichzeitig wundern, wie tief die Wunden des Krieges gesessen haben müssen, dass die Elsässer diesen Schatz schon so weitgehend aus der Hand gegeben haben.

Gastebois' Vater war ein Dachdecker aus Nancy, der in französischer Uniform in den Ersten Weltkrieg gezogen war und das Trauma der Schützengräben nie mehr los wurde. Erst musste er den Beruf aufgeben, zuletzt saß er nur noch gelähmt im Ohrensessel. Sein Tod im Jahr 1939 war eine Art Gnade, findet Gastebois: »Wenn er erlebt hätte, dass es schon wieder Krieg gibt, wäre er verrückt geworden.«

In diesem Krieg hatte nun Sohn Fernand auf deutscher Seite zu kämpfen, wobei sich der NS-Staat nicht mit dem Blut der Elsässer zufrieden gab - sie mussten auch noch ihre Namen hergeben. In deutscher Gebirgsjägeruniform hieß Gastebois auf einmal Ferdinand Oswald, und als er im Sommer 1945 aus russischer Kriegsgefangenschaft heim kehrte, war ihm nichts sicherer als das tiefe Misstrauen der Franzosen, die inzwischen wieder die Herrschaft im Elsass übernommen hatten. Das Schreckenswort Auschwitz überdeckt manchmal, wie viel Unheil Hitler & Co. sonst noch in Europa angerichtet haben.

Kehren wir zurück zum Temple Neuf, der eindrucksvoll bestätigt, wie notwendig die Straßburger Protestanten das Zauberwort »Öffnung« haben. Die ausladende Treppe zu den Portalen ist von einem massiven Eisengitter versperrt, selbst der Schaukasten der Gemeinde ist leer. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass hier irgendein Gemeindeleben stattfindet, geschweige denn, dass es sich für einen Besucher lohnen könnte, diese Kirche anzusehen. Es hängt nicht mal irgendwo das Schild »fermé« (geschlossen). Den Namen der Kirche erfährt man nur, weil sie sich auf dem »Place du Temple Neuf« befindet und das Straßenschild an ihrer Fassade prangt. Leben herrscht nur auf dem Platz vor der Kirche - er ist dicht mit Autos beparkt, von denen immer gerade eines kommt oder losfährt.

Dabei lohnt es sich! Gastebois hat sich beim jungen Sakristain einen Schlüssel besorgt und führt im Inneren, wie sollte es anders sein, wieder auf die Spuren französisch-deutscher Geschichte: Im Krieg von 1870/71 wurde der Temple Neuf, die alte Straßburger Dominikanerkirche, nämlich von preußischer Artillerie zerstört, danach im neoromanischen Stil wiederaufgebaut. Unter den Trümmern fand man den Grabstein des berühmten Dominikanerpredigers Johannes Tauler; hinter den verschlossenen Türen ist eine berühmte Merklin-Orgel zu bewundern und ein harmonisch-schlichter, historistischer Innenraum mit einem in Frankreich seltenen Kanzelaltar. Der eigentliche historische Erinnerungsort aber steht nebenan: Dort erzählt eine Gedenktafel vom einstigen protestantischen Gymnasium, das der Reformator Johannes Sturm 1538 gründete. Es war die Keimzelle der Universität Straßburg, eine der renommiertesten Hochschulen des Kontinents.

***

Vor 500 Jahren gehörte Straßburg zu den großen Schrittmachern der Reformation. Die Bedingungen waren ideal: Hier hatte Johannes Gutenberg, vor dem sich die Straßburger heute mit einem großen Denkmal in 1a-Lage verbeugen, seinerzeit begonnen, mit dem Druck mit beweglichen Lettern zu experimentieren, und im frühen 16. Jahrhundert war die Stadt eines der Zentren des Buchdrucks im Reich. Das Oberrheingebiet war das Kernland des Humanismus; und den Ärger über die Zustände der Alten Kirche teilten die Straßburger mit dem Rest Europas. Ihre Proteststimme war der wortgewaltige Prediger Johann Geiler von Kaysersberg, der seit 1478 in der Stadt wirkte, zuletzt auf der Münsterkanzel. Er gilt als einer der prominentesten Wegbereiter Luthers.

Wichtigster Kopf der Reformation wurde dann, nachdem bereits 1519 sechs Schriften Luthers in der Stadt gedruckt worden waren, der vormalige Dominikaner Martin Bucer, der Luther 1518 in Heidelberg getroffen hatte und ab 1523 in Straßburg wirkte. Sechs Jahre später wurde in der Stadt offiziell die Messe abgeschafft; 1534 feierte Bucer im Münster die erste Konfirmation der protestantischen Geschichte.

Religionspolitisch ging die Stadt einen Sonderweg: Beim Augsburger Reichstag 1530 unterschrieben die Räte nicht die »Confessio Augustana«, sondern präsentierten zusammen mit Lindau, Memmingen und Konstanz eine eigene »Confessio Tetrapolitana«. Erst Jahre später kam es zur Verständigung zwischen den Wittenbergern und den Oberdeutschen.

Die mächtige Reichsstadt wurde zum Zufluchtsort von bedrängten Protestanten aus ganz Europa. Der prominenteste von ihnen war Jean Calvin, der nach seiner Vertreibung aus Genf drei Jahre als Prediger einer kleinen französischen Gemeinde wirkte. Weniger tolerant agierte der Rat gegenüber dem Täuferführer Melchior Hofmann, der gleich nach seiner Ankunft 1533 ins Gefängnis wanderte und dort nach zehn Jahren starb. Zum fürchterlichen »himmlischen Jerusalem« der Täufer wurde nicht Straßburg, wie von Hofmann prophezeit, sondern Münster.

Bis zur Einnahme der Stadt durch Ludwig XIV. war Straßburg ein fast ausschließlich protestantisches Gemeinwesen. Die Rücknahme des Ediktes von Nantes, die 1685 den Exodus von Hunderttausenden Hugenotten aus Frankreich auslöste, galt im Elsass nicht. Die Evangelischen sahen sich zwar allerlei Repressalien ausgesetzt, die dazu führten, dass die Stadt bereits am Ende des 18. Jahrhunderts eine katholische Bevölkerungsmehrheit hatte, sie durften aber ihren Glauben und ihren Besitz behalten, darunter die Kirchen. Allerdings verpflichtete sie der König in allen Orten, an denen mindestens sieben katholische Familien wohnten, ihre Gotteshäuser einem Simultaneum zu öffnen: Künftig durften die Katholiken den Chorraum der evangelischen Kirchen nutzen, den Protestanten blieb das Hauptschiff.

An manchen Orten im Elsass gilt diese Konstruktion bis heute, was einen Besucher schon mal verwirren kann. In Straßburg kann man zum Beispiel binnen weniger Minuten gleich vier Peterskirchen besichtigen (wenn sie denn alle geöffnet wären). So ist die Kirche Saint-Pierre-le-Vieux (Alt-Sankt-Peter) bis heute in zwei Komplexe geteilt: Den (tagsüber geöffneten) Chor, im 19.Jahrhundert erheblich vergrößert, bekamen die Katholiken, das Schiff, tagsüber geschlossen und gar von einem auch wieder versperrten Zaun umgeben, blieb protestantisch.

Ein paar Straßenbahnhaltestellen stadteinwärts steht die ungleich sehenswertere Kirche Saint-Pierre-le-Jeune (Jung-Sankt-Peter), die ebenfalls simultan genutzt wurde, bis Ende des 19. Jahrhunderts am Rande der Altstadt eine neue, katholische Kirche Saint-Pierre-le-Jeune entstand. Die alte Kirche Saint-Pierre-le-Jeune mit ihren prächtigen Wandfresken und der berühmten Silbermann-Orgel ist seitdem wieder ganz evangelisch. Fernand Gastebois hätte auch hier viel zu erzählen. Doch es ist Vorsaison, und die Kirche geschlossen.

Der Weg von Saint-Pierre-le-Jeune hinüber nach Saint Thomas führt durch das Herz der Stadt, die großstädtisches Flair (als immerhin siebtgrößte Stadt Frankreichs) mit einem Hauch von ländlicher Gemütlichkeit verbindet. Vorbei an schmucken Fachwerkbauten in allen Farben rauscht die supermoderne Trambahn, viele stolze Bürgerhäuser haben ihre eigene Geschichte und viele Straßen und Gassen zwei Namen: So heißt die »Grande Rue« laut dem Kleingedruckten auf dem Schild auch »Langestrooß« oder die »Rue des Aveugles« auch »Blindengässel«. Wenn die Touristen vom Münster ins Stadtviertel »Petite France« spazieren, um die beiden Hauptsehenswürdigkeiten Straßburgs miteinander zu verbinden, gelangen sie durch verwinkelte Nebengäßchen vorbei am »Place St. Thomas«, von dem, ungewöhnlich für Frankreich schon allein dies, eine »rue Martin Luther« abzweigt. Rund 180 000 Gäste betreten auf diesem Wege Jahr für Jahr Saint Thomas, die evangelische Hauptkirche der Stadt und eine der großen evangelischen Kirchen Europas.

Hier verdichtet sich die Geschichte des evangelischen Straßburg: Albert Schweitzer spielte als Thomasstift-Direktor auf der Silbermann-Orgel, Martin Bucer predigte. Vor allem aber ist Saint Thomas ein Erinnerungsort der Ökumene. 1988 sprach hier Papst Johannes Paul II. - es war einer der ersten Besuche eines Papstes in einer evangelischen Kirche. Auf dem Altar wurde am 22. April 2001 von evangelischen, katholischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen die »Charta Oecumenica« unterzeichnet, in der sich alle Vertragspartner zu ökumenischem Handeln und Denken verpflichten.

Die spannendste Ökumene-Geschichte aber steckt hinter dem bedeutendsten Kunstwerk von Saint Thomas. An der Ostseite des Chors, wo normalerweise der Altar steht, ist hier ein Kriegsherr bestattet, Moritz von Sachsen, der sich im Dienste von König Ludwig XV. in zahlreichen Schlachten bewährte, nach seinem frühen Tod im Jahr 1750 aber nicht, wie vorgesehen, in der königlichen Abteikirche St. Denis beigesetzt werden konnte, weil er Protestant war.

Dem König war aber ein prominenter Bestattungsort für seinen bewährten Marschall ein Herzensanliegen, und so ordnete er die Beisetzung in Saint Thomas an, die damals - und heute - prominenteste protestantische Kirche Frankreichs. Erst 1777 hatte der berühmte Bildhauer Jean-Baptiste Pigalle das allegorienreiche Monument fertiggestellt, und die Beisetzung des Sachsenkriegers im Rahmen eines Gottesdienstes war en passant ein frühes und bemerkenswertes Signal: »Die Gemeinde war evangelisch, die königlichen Beamten waren katholisch, es war der erste ökumenische Gottesdienst«, freut sich Dekan Reutenauer. Etwa einmal pro Jahr predigt er im Münster, aber es fällt nicht mehr als Besonderheit auf.

***

Unter den vielen Weichenstellungen, die die Reformationszeit für Straßburg brachte, hat sich eine als besonders wirkungsreich erwiesen. Unter dem Stiftspropst Wolfgang Fabritius Capito wandelte sich das reiche St.-Thomas-Stiftskapitel, dessen Wurzeln bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen, mit all seinem Vermögen vollständig zu einer evangelischen Einrichtung. Weil man über die Jahrhunderte klug wirtschaftete und alle historischen Brüche der Stadtgeschichte gut überstanden wurden, gibt es heute unter dem Dach des Thomaskapitels elf verschiedene Stiftungen, die das evangelische Leben in der Stadt mit einem Etat von sechs Millionen Euro unterstützen. Zum Besitz des Kapitels gehören rund 25.000 Quadratmeter Wohnungen in der Stadt, 1600 Hektar Land in bester Lage und ein stolzer Gebäudekomplex am Quai St. Thomas, direkt neben der Thomaskirche, der neben der Médiathèque Protestante auch das Thomasstift (mit 100 Studentenwohnungen, von denen aber nur noch sieben mit Theologiestudenten belegt sind) und den Sitz der Union des Églises protestantes d'Alsace et de Lorraine beherbergt, in der sich Evangelisch-Lutherische und Reformierte Kirchen zusammengeschlossen haben.

Ein kleines Detail illustriert, wie gut es - vergleichsweise - den Straßburgern finanziell geht: Zwischen den schweinsledernen Einbänden der wertvollsten Bücher der Médiathèque prangen Lücken und kleine weißen Zettel. Es sind jene Bände, die sich gerade in Frankreichs letzte Spezialwerkstatt für Buchrestauration befinden. Direktor Ingrand kann in jedem Jahr acht bis zehn kostbare Folianten dort hin geben, ohne dafür, wie alle anderen Einrichtungen der Republik, zuerst mit der Spendenbüchse herumziehen zu müssen - der ganz reguläre Haushalt der Thomasstiftungen macht's möglich.

Finanziell vergleichsweise gut dran sind die Protestanten im Osten Frankreichs übrigens noch aus einem anderen Grund. 1905, als Frankreich die strikte Trennung von Staat und Kirche beschloss, gehörten Elsass und Teile Lothringens gerade zu Deutschland. Das damals eingeführte Gesetz gilt daher bis heute hier nicht, weshalb alle evangelischen und katholischen Geistlichen hierzulande (und auch die Rabbiner), ebenso der theologische Lehrbetrieb an der Universität Straßburg, vom Staat bezahlt werden.

Ob es mit der Mission »Öffnung« klappt? Jean-Jacques Reutenauer ist ein notorischer Optimist. Ein erster Anlauf in den frühen 1970ern ist gescheitert, doch damals herrschte noch keine Not. Den Schlüssel zum Erfolg haben, so ist der Dekan überzeugt, die jüngeren Kollegen in der Hand. »Jetzt seid ihr dran, macht nicht alles so wie wir«, gibt er ihnen beim Start ins Berufsleben gern mit: »Ihr sollt Volkskirchler werden, keine High Church.«

Wichtigster Baustein ist die Spezialisierung der Innenstadtgemeinden, bei der Lutheraner und Reformierte zusammenarbeiten: Die reformierte Eglise du Bouclier soll für Kinder- und Jugendarbeit umgebaut werden, In Saint Nicolas wirkt seit den 1990ern eine charismatische Gemeinde, die Aureliuskirche soll die Diakonie zu ihrem Schwerpunkt machen, die Thomaskirche den Empfang der Touristen. Das im deutschen Kirchensprech beliebte Wort vom »niederschwelligen Angebot« soll im Temple Neuf verwirklicht werden, »um zu zeigen, dass der Protestantismus offen ist für die Menschen«, wünscht sich der Dekan.

Man könnte ja mal mit einem Hinweisschild anfangen.

(März 2012)

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  Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 gilt als Startpunkt der Reformation und Urknall der Neuzeit. Die Reformation war eine europäische Angelegenheit.

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abgerufen 01.10.2014 - 18:15 Uhr

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