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Dieser Artikel: Ausgabe 22/2012 vom 27.05.2012
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Erfrischendes Durcheinander

NEUE SERIE: In Bayern gibt es rund 150 evangelische Tagungs- und Gästehäuser

Von Thomas Greif

Fast 150 Tagungs- und Gästehäuser gibt es im evangelischen Bayern. Die Bandbreite ist atemberaubend - von der 800-jährigen Burg bis zum ausrangierten Krankenhaus, vom vornehmen Hotelbetrieb bis zur Blockhütte für Selbstversorger. Doch welches Leitwort gilt nun: Varietas delectat (Vielfalt erfreut)? Oder doch confusio turbat (Durcheinander verwirrt)? Mit diesem Titelthema und einer mehrmonatigen Artikelserie widmet sich das Sonntagsblatt einer völlig unterschätzten Scharnierstelle zwischen Kirche und Gesellschaft.

Burg Rieneck im Spessart, die Jugendburg des Verbandes Christlicher Pfadfinder (VCP).
Foto: Burg Rieneck
   Burg Rieneck im Spessart, die Jugendburg des Verbandes Christlicher Pfadfinder (VCP).

        

Ist das wahr? Kann die Welt denn so schön sein?

Drüben plätschert die Tauber vor sich hin, im Park unterhalten sich die Amseln; frisches Grün rahmt das Schloss ein, dessen Türme, Erker und Balustraden in der strahlenden Morgensonne liegen. Dornröschen, der Gestiefelte Kater und Froschkönig, alle Märchen könnten hier und jetzt auf der Stelle verfilmt werden. Nicht nur die Außenszenen - auch im Inneren des Hauses gibt es alles, was Märchenträume begehren, ausladende Treppenhäuser, lichtdurchströmte Säle unter Kronleuchtern und behagliche Salons mit offenem Kamin.

Doch in dem Schloss wohnen keine Prinzessinnen, sondern Kirchenchöre, Auszubildende, Jakobspilger oder wissenshungrige Theologen, und alle nur auf Zeit. Denn das Wildbad in Rothenburg ob der Tauber, im 19. Jahrhundert als Kurhotel erbaut, ist seit 1978 ein evangelisches Tagungshaus. Die Kirche nahm das Jugendstiljuwel nicht ganz freiwillig unter ihre Fittiche, denn damals war der Kauf vor allem eine Verhinderungsstrategie, weil das Wildbad zum Zentrum einer obskuren Sekte zu werden drohte, die allen Ernstes mit Meditation die Schwerkraft bezwingen wollte.

Tauberfränkisches Idyll: Das zuckerbäckerhafte Wildbad Rothenburg.
Foto: PD
   Tauberfränkisches Idyll: Das zuckerbäckerhafte Wildbad Rothenburg.

        

Man möchte jetzt weiter erzählen, Geschichten aus der Geschichte dieses Hauses, vom zu klein geratenen Erbauer Friedrich Hessing, der darauf achtete, dass die Balkonbrüstungen so niedrig ausfielen, dass er noch bequem drüberschauen konnte; von der Zeit des Hauses als Reichsmusikschule, aber um all das geht es gar nicht, sondern es geht um Tagungshäuser und damit um die Frage, warum, überspitzt gesagt, evangelische Kirchenchöre ihre Kantionalsätze unter Jugendstilstuck einstudieren sollten und nicht im eigenen Gemeindehaus.

Die Antwort ist ganz einfach. »Unser Haus tut einfach gut«, sagt Pfarrer Herbert Dersch, seit 2003 Chef im Wildbad.

Angenehme Atmosphäre und Gastlichkeit wirken beschwingend, entspannen und erleichtern das Lernen. Menschen wollen zusammen nachdenken, zusammen arbeiten, zusammen verreisen, sie wollen für ein paar Tage ihre Ruhe von der Welt, im besten Fall von früh bis spät umsorgt werden, um sich einmal aufs Wesentliche konzentrieren zu können.

Kirchliche Häuser haben hierfür eine uralte Tradition. Und kirchliche Häuser, das weiß Dersch bei jedem Blick in die Belegungspläne, sind auch außerhalb der evangelischen Welt Bayerns gefragt. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Herren Anzugträger vom Unternehmerverband einen Kulturschock erleben, weil das Mittagessen mit einem Kanon beginnt. Denn im gleichen Speisesaal nimmt gerade ein Chor seine Plätze ein. »Gegensätze zusammenbringen«, sagt Dersch. Das ist die Aufgabe von Häusern wie dem Wildbad.

Das evangelische Dekanatsjugendheim »Effelter Mühle« bei Kronach in Oberfranken.
Foto: Effelter Mühle
   Das evangelische Dekanatsjugendheim »Effelter Mühle« bei Kronach in Oberfranken.

        

Man ahnt schon bei zwei, drei kleinen Geschichten wie diesen, welches Potenzial in diesen Häusern schlummert für eine Institution wie die Kirche, die sich manchmal mit dem Gang der Welt schwertut und darum ringt, den Kontakt in diese Welt nicht zu verlieren. Auf dem Hesselberg, wo mit dem EBZ (Evangelisches Bildungszentrum) eines der größten evangelischen Tagungshäuser Bayerns steht, kann man der Jugendmannschaft von Borussia Mönchengladbach beim Joggen begegnen oder dem frischen Azubi-Lehrgang von Daimler in Stuttgart: Für manche der Jungs ist das der erste biografische Kontakt mit einer kirchlichen Einrichtung.

Wenn in Bad Alexandersbad, wo ebenfalls ein EBZ steht, über die Zukunft Oberfrankens diskutiert wird oder im oberbayerischen Tutzing über den Euro, werden kirchliche Häuser zu Drehscheiben gesellschaftlichen Diskurses. Und dass ein evangelisches Haus wie die Familienbildungsstätte Sulzbürg in der Oberpfalz schwerstbehinderte Menschen auch dann noch Urlaub machen lässt, wenn sie anderswo wegen Gästeprotesten nicht mehr erwünscht sind, ist ein eigenes Loblied wert.

Zusammen ein Riese in der Übernachtungsbranche

Was also lässt sich über diesen Wirkungsriesen kirchlicher Arbeit sagen? Wie viele Menschen beherbergen evangelische Häuser und wie viele beschäftigen sie, welche Ziele und Absichten eint sie, nach welchen Richtlinien funktionieren sie, welche Themen treiben sie um? Warum fördert sie der Staat nicht so freundlich wie die Jugendherbergen?

Heimleiter Karl Körber vor dem »Kreativzentrum Sachsenmühle« in der Fränkischen Schweiz.
Foto: Sauerbeck
   Heimleiter Karl Körber vor dem »Kreativzentrum Sachsenmühle« in der Fränkischen Schweiz.

        

Man kann all diese Fragen im Grunde nicht beantworten. Schon die schnöde Frage nach der Zahl der Häuser bleibt vage: Die landeskirchliche Internetpräsenz www.bayern-evangelisch.de kennt eine Liste mit 143 Adressen, von denen wiederum bei den Dekanaten vor Ort nur ein Teil bekannt ist. Sicher ist nur eines: Die Liste ist nicht vollständig.

Auf der EKD-website evangelische-haeuser.evangelisch.de, auf der man sich gleich online einbuchen kann, finden sich 57 bayerische Häuser, wobei es allen freisteht, dort mitzumachen oder nicht. Man kann sogar die kuriose, aber korrekte Feststellung treffen, dass nicht alle bayerischen Tagungshäuser in Bayern liegen. Sieben österreichische Berghäuser stehen unter bayerischer Trägerschaft, und die »Laichinger Hütte« auf der Schwäbischen Alb gehört der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Deutschland, ohne dass überhaupt ein bayerischer Bezug zu erkennen ist.

Hier ist das Dekanat Gunzenhausen zuständig, dort der CVJM-Landesverband, hier die »Gesellschaft zur Inneren und Äußeren Mission im Sinne der Lutherischen Kirche«, dort das Diakonische Werk Schweinfurt oder der Pfadfinderclub VCP.

Der Verein »Christliches Haus Bergfrieden« in Oberstdorf besteht eigens zum Unterhalt des gleichnamigen Hauses (Adresse: Haus Bergfrieden). Der Träger des CVJM-Feriendorfes Wildflecken in der Rhön sitzt 500 Kilometer weit weg in Wilhelmshaven an der Nordsee. Sicher ist: Die Häuser haben Zehntausende von Betten und Hunderttausende von Übernachtungen pro Jahr. Zusammengenommen sind sie ein Riese in der Übernachtungsbranche.

»Unser Haus tut einfach gut«, sagt Pfarrer Herbert Dersch, seit 2003 Chef im tauberfränkischen Wildbad Rothenburg.
Foto: Sauerbeck
   »Unser Haus tut einfach gut«, sagt Pfarrer Herbert Dersch, seit 2003 Chef im tauberfränkischen Wildbad Rothenburg.

        

Untereinander sind sie nicht organisiert, ja: Kirchenorganisatorisch sind die Häuser im Grunde nicht da. Weil die Landschaft der Gästehäuser über Jahrzehnte gewachsen ist, weil es ganz viele unterschiedliche Träger mit unterschiedlichen Zielsetzungen gibt und kaum einer vom anderen weiß, gibt es etwa im Landeskirchenamt kein Referat, das sich für die Gästehäuser zuständig fühlt. Dafür lädt einmal im Jahr das Nürnberger Amt für Jugendarbeit (AfJ) zum Erfahrungsaustausch der »Arbeitsgemeinschaft Hausleitungen Evangelischer Tagungs- und Übernachtungshäuser in Bayern«, ohne aber zu wissen, warum: »Das ist eine wichtige Sache, hat aber mit unserem Arbeitsfeld überhaupt nichts zu tun«, wundert sich AfJ-Referent Ulli Geißler. Die Zuweisung ins Jugendressort rührt noch aus der Zeit, als Gästehäuser eine Domäne für Jugendfreizeiten mit Lagerfeuer und Klampfenromantik waren.

Eine kleine Begebenheit am Rande illustriert die vollkommene Desorganisation der Szene. Geißlers Tagungen richten sich qua Idee an alle Einrichtungen, die großen mit eigenem Bildungsprogramm und die kleinen Selbstversorgerhäuser. Es kommen aber nur die Kleinen, die nach Aussage eines Heimleiters auch glauben, das Treffen sei nur für sie gemacht.

Einmal mehr wunderte sich Ulli Geißler bei der letzten Tagung allerdings, warum die Großen nicht kamen. Die Antwort ist einfach: Die Großen haben ihren eigenen Club. Er heißt »Häuser unter einem Dach« und ist ein selbst­organisierter, loser Verbund. Geißler erfuhr erst vom Sonntagsblatt, dass es diesen Verbund gibt. Bei den »Häusern unter einem Dach«, deren Sprecher Wildbad-Chef Dersch ist, weiß man wiederum nichts von der »AG Hausleitungen« aus dem Amt für Jugendarbeit.

Dabei ist das Geschäft nicht so einfach, dass sich die Beteiligten leisten könnten, sich selbst genug zu sein. Der Wind bläst den Häusern hart ins Gesicht: Jüngste Opfer der klassischen Klemme aus Investitionsbedarf und mangelnden Buchungszahlen war das traditionsreiche »Hesselberghaus«, ein Selbstversorgerhaus des Dekanates Ansbach, das zum Jahreswechsel dichtmachte. Von den drei Einrichtungen, die allein die Evangelische Jugend Nürnberg bis vor einigen Jahren unterhielt, ist mit dem »Kreativzentrum Sachsenmühle« in der Fränkischen Schweiz nur eine übriggeblieben.

»Bei uns steht der Mensch im Vordergrund«

Die Überlebensstrategie liegt für den dortigen Heimleiter Karl Körber auf der Hand: »Die Öffnung in die Gesellschaft«.

Längst buchen bei ihm nicht mehr nur kirchliche Gruppen, um auf der Wiesent Kanu zu fahren oder hinauf nach Gößweinstein zu wandern. Schulklassen, Fortbildungskurse oder Hochzeitsgesellschaften sorgen für eine ganzjährig gute Auslastung. Sogar der Sommer 2013 ist in der Sachsenmühle schon fast ausgebucht. Die weltlichen Gäste bekommen die gleichen Preise, und wenn es ein Gruppenleiter partout wünscht, hängt Körber auch mal die Bibelverse von den Wänden ab. Auf dem freien Markt bestimmt der Wille des Kunden.

Der hat freilich auch seine Grenzen. An der Glastür zur Familienbildungsstätte Sulzbürg steht zum Beispiel unmissverständlich geschrieben: »Wir vermieten nicht an Nazis«. Obwohl die immer sich mal wieder gerne in der Idylle des Oberpfälzer Berggipfels versammelt hätten, weiß Heimleiterin Anneliese Weidinger. Sie kann ganz rigoros sein, wenn sie die christlichen Grundwerte ihres Hauses in Gefahr sieht. Weil ein Tagungsleiter der Mormonen auf einem Begrüßungsritual mit Umarmung auch dann noch bestand, nachdem eine 16-jährige Teilnehmerin es zweimal abgelehnt hatte, kündigte sie der Gruppe alle Buchungen. Wer sich lästerlich über die Nachbarschaft von Schwerstbehinderten äußert, kann am besten gleich die Koffer packen: »Wo sollen die denn Urlaub machen, wenn nicht in einem kirchlichen Haus?«

Für Ulli Geißler ist dies der Garant für die Zukunft der kirchlichen Häuser auch auf einem härter umkämpften Markt. Das christliche Profil aus Hauskapelle, Angeboten zur geistlichen Begleitung und betont menschlichen Umgangsformen spreche auch viele nichtkirchliche Gruppen an. Alle Modernisierungen, Zertifizierungen und Qualifizierungen müssten daher, glaubt Geißler, einer zentralen Botschaft dienen: »Bei uns steht der Mensch im Vordergrund«.

TAGUNGSHÄUSER

  Mit dieser Ausgabe beginnt im Sonntagsblatt eine Artikelserie über evangelische Tagungs- und Gästehäuser in Bayern (Erste Folge in dieser Ausgabe: Josefstal). Wegen der Vielzahl der Häuser hat sich die Redaktion entschlossen, die Serie auf diejenigen Einrichtungen zu beschränken, die auch ein eigenes Bildungsprogramm anbieten. Neben einem Kurzporträt des Hauses und einigen zentralen Daten gehört auch eine landschaftliche oder kulturelle Impression aus dem Umland dazu.

  Alle Tagungs- und Gästehäuser sind verzeichnet im Internet unter der Adresse  www.bayern-evangelisch.de (engagiert/tagungsstaetten).

  57 bayerische Häuser sind im Internet auch auf der Seite  www.evangelische-haeuser.evangelisch.de vertreten, auf der man sich auch online einbuchen kann. Fast alle Häuser verfügen über eigene Seiten im Internet.

 

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abgerufen 21.12.2014 - 23:13 Uhr

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