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Dieser Artikel: Ausgabe 21/2012 vom 20.05.2012
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Recht und billig

Ein Grundkurs Ethik in 30 Lektionen - Teil 21: Managergehälter und Hartz IV

Von Daniel Dietzfelbinger

Welches Gehalt passt für einen Spitzenmanager, der Verantwortung für 300.000 Mitarbeitende, für Milliarden Umsatz, für Steuergelder im dreistelligen Millionenbereich trägt? Gesetzlich festgelegte Obergrenzen für Managergehälter, drei Viertel aller Deutschen stimmen dafür, aus gutem Grund. Aber wo soll die Grenze liegen? 500.000 Euro - rund 42.000 Euro monatlich? Eine Million? Und umgekehrt: Sind 850 Euro im Monat ausreichend zum Leben in einer immer teurer werdenden Gesellschaft? Wie viel Hochmut, wie viel Demütigung erträgt ein soziales Gefüge? Wie verhält sich eine Gesellschaft zur Spannung zwischen Arm und Reich?

Arm und reich - gesehen in München.
Foto: Derlath
   Arm und reich - gesehen in München.

        

Nach wenigen Minuten kommt die Taxifahrerin vom Wetter auf ihr Thema: Das sei nicht gerecht, sagt die plauderselige Frau, ein Manager, der fünf Millionen verdient, und eine Krankenschwester (die Schwiegertochter!), die knapp 2000 Euro im Monat netto bekommt. Ganz zu schweigen (was ihr schwerfällt) von Hartz IV-Empfängern. Gefühlte Ungerechtigkeit.

Szenenwechsel: Ein später Mittwochabend in einer Kneipe. Bastian Schweinsteiger setzt im Champions-League-Halbfinale zum entscheidenden Elfmeter an, trifft. Die Fußballwelt, so deren Herz für Bayern schlägt, liegt darnieder. »Der ist sein Geld wert«, raunt das bierselige Fußballvolk. Schweinsteigers geschätztes Jahresgehalt mit Werbeverträgen: 14 Millionen Euro.

Gefühlte Ungerechtigkeit? Keine Spur.

Arm und Reich - medialer Dauerbrenner: Bosse, die Gehälter verdienen, mit vielen Stellen vor dem Komma. Dagegen der Armutsbericht der Bundesregierung, nach dem jeder siebte Deutsche von Armut bedroht ist. Darunter rund viereinhalb Millionen Menschen, die im Schnitt 850 Euro monatlich beziehen. Dazwischen: Schweinsteiger. Vor Augen das abgedroschene Bild von der Schere, deren Schneideblätter im 90-Grad-Winkel auseinanderstehen, gehalten durch ein Schräublein, das ob der ungeheuren Spannung zu bersten droht.

Arm und Reich, das hat etwas zu tun mit Gerechtigkeit. Mit gefühlter Gerechtigkeit ebenso wie mit - tja: welcher Gerechtigkeit eigentlich? In den Debatten vagabundieren viele Gerechtigkeiten: Generationengerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, Chancengerechtigkeit und und und.

Der inflationäre Gebrauch macht die Gemengelage aus ethischer Perspektive kompliziert: Was ist das Thema, wenn man die unglaublich hohen Managergehälter Hartz IV gegenüberstellt? Leistungsgerechtigkeit? Legale Gerechtigkeit? Verteilungsgerechtigkeit?

Die Spannung zwischen Arm und Reich gibt es seit Menschengedenken, die Reflexe ewig gleich: Solche, die Reichtum verwerfen (Geld stinkt!), solche, die Reichtum preisen (Geld stinkt eben nicht!), solche, die Reichtum ein bisschen, aber nicht alles zutrauen (Geld kann gar nicht stinken!). Ob vor 2000 Jahren (»Dem Wachsen des Geldes folgt die Sorge«, Horaz), ob in der Sturm- und Drangzeit (»Und es herrscht der Erde Gott, das Geld«, Friedrich Schiller), ob im 20. Jahrhundert (»Der typische moderne Mann betrachtet Geld als ein Mittel, zu mehr Geld zu kommen, damit er protzen kann und Aufwand treiben kann und über diejenigen, die bisher seines gleichen waren«, Bertrand Russell).

Gleichwohl war der Abstand zwischen Arm und Superreich noch nie so groß wie heute. Man kann das mit Zahlen belegen (Spitzenmanager verdienen bis zum 400fachen eines Bandarbeiters), man kann das mit der Spaltung der Gesellschaft belegen (Ghettoisierung auf beiden Seiten), man kann das mit den tiefen Sorgenfalten belegen, die nicht nur Soziologinnen, Ethikern und Vertreterinnen der Kirche auf die Stirn kommen, wenn sie über den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft sprechen.

Dabei sah der Plan anders aus: Die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland baute - in ihrer Grundidee - auf Freiheit und Gerechtigkeit. So viel Freiheit wie möglich, so wenig Staat wie nötig, bei gleichen Ausgangsbedingungen für alle. Dafür hatte die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil das Netz der sozialen Sicherung gespannt: Wer vom Trapez stürzt, landet in den - wenn nicht weichen gleichwohl tragfähigen - Maschen und bekommt eine zweite Chance: Das soziale Netz als Aufbauhilfe, nicht als Gewissensberuhigung einer Gesellschaft. Dazu der Anreiz: Der Unterschied zwischen der Unterstützung und dem Minimallohn sollte so groß sein, dass Erwerbslose von sich aus wieder in Lohn und Brot kommen wollen. Doch hier stimmt nichts mehr: Der Druck auf die Gehälter im Niedriglohnsektor hat den Anreiz pulverisiert, die notwendige Mindestlohndebatte hat auch hier ihren Sitz im Leben.

Reichen 850 Euro zum Leben?

Ebenso am anderen Ende geriet die wohlverstandene Grundordnung der Sozialen Marktwirtschaft von Wettbewerbs- und Sozialpolitik in den Neunzigerjahren zwischen die Mahlsteine der Globalisierung: Manager, die global tätige Unternehmen leiten sollten, waren schwer zu finden, wenn die Bezahlung nicht stimmte. Also stiegen entsprechend Angebot und Nachfrage die Gehälter, meist ausgehandelt jenseits der Öffentlichkeit und mit Zustimmung der Kontrollgremien. Parallel schwoll die Woge der kritischen Stimmen - getragen von einem intuitiven Gerechtigkeitsgefühl. Die Dunkelkammer-Methode müsse ein Ende haben, Topmanager sollten Gehälter offenlegen. Der Staat handelte: 2002 wurde der Corporate Governance Kodex amtlich, der Unternehmenslenker verpflichtete, ihr Jahresgehalt zu nennen. Nur zögernd hingen die Spitzenmanager ihr Salär an die große Glocke. Es brauchte drei Jahre, bis alle DAX-Vorstände publizierten, um wie viel ihr Bankkonto jährlich wuchs.

Doch statt bescheiden zu werden, schielten die Topmanager neidisch in die Geschäftsberichte der Kollegen, um sich für Gehaltsverhandlungen zu rüsten. Wenn der so viel kriegt, will ich auch mehr! Ein Boumerang-Effekt für Wirtschaftskritiker. Hatten sie gehofft, die Veröffentlichung der Gehälter würde Zurückhaltung in die Headquarters bringen, war das Gegenteil der Fall: Bauklötzchenvergleich auf teurem Niveau, Sandkastenspiele in Vorstands­etagen zum Schaden des sozialen Gefüges. Natürlich hat ein Topmanager Verantwortung für das Unternehmen und seine Mitarbeitenden und damit für die Volkswirtschaft. Natürlich zahlt ein Topmanager viel Steuer - bei zehn Millionen Euro etwa 5,3 Millionen. Natürlich ist es legal, wenn Aufsichtsräte - meist aktive oder ehemalige Vorstände - als rechtliches Kontrollorgan mondsummenartige Jahresgehälter durchwinken.

Was bleibt, ist Unbehagen. Nicht nur gefühlte Ungerechtigkeit.

In der ethischen Diskussion um Gerechtigkeit rauscht man ins Labyrinth der Begriffe. Denn die Theorie kennt verschiedene Gerechtigkeitsaspekte: die legale Gerechtigkeit; die zu teilende: jedem das Seine; die austeilende: der Staat soll seine Bürger schützen; die ausgleichende: alle Menschen müssen gleiche Chancen haben, materiell, kulturell, sozial.

Welchen Preis ist eine Gesellschaft bereit, für ihre innere Stabilität zu bezahlen?
Foto: Derlath
   Welchen Preis ist eine Gesellschaft bereit, für ihre innere Stabilität zu bezahlen?

        

Eine Schneise bahnt der Begriff soziale Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit beschäftigt sich mit der sozialen Frage und fordert bei wie auch immer gearteten Ungleichheiten Entschädigung und Ausgleich. Ziel einer sozial gerechten Gesellschaft muss also ein Ausgleich, ein angemessenes Verhältnis zwischen einem Topverdienst und Hartz IV sein.

Was aber heißt angemessen? Welches Gehalt passt für einen Spitzenmanager, der Verantwortung für 300.000 Mitarbeitende, für Milliarden Umsatz, für Steuergelder im dreistelligen Millionenbereich trägt? Gesetzlich festgelegte Obergrenzen für Managergehälter, drei Viertel aller Deutschen stimmen dafür, aus gutem Grund. Aber wo soll die Grenze liegen? 500.000 Euro - rund 42.000 Euro monatlich? Eine Million? Und umgekehrt: Sind 850 Euro im Monat ausreichend zum Leben in einer immer teurer werdenden Gesellschaft? Wie viel Hochmut, wie viel Demütigung erträgt ein soziales Gefüge?

Wie verhält sich eine Gesellschaft zur Spannung zwischen Arm und Reich? Was ist verhältnismäßig? Welchen Preis ist eine Gesellschaft bereit, für ihre innere Stabilität zu bezahlen? Gerechtigkeit setzt unterschiedliche Leistungen, Verantwortungen und Begabungen in einer Gesellschaft voraus - damit auch unterschiedliche Gehälter. Aber wie hoch darf die Differenz an den Rändern sein, um die Mitte noch zu halten?

Jesus macht die Haltung zu Reichtum und Armut zum Thema. Mit dem weidlich genutzten Zitat vom Kamel und Nadelöhr (Matthäus 19,24) schließt Jesus zwar nicht die Himmelspforte für die Dagobert Ducks dieser Welt. Aber die Tür bleibt zu für die, die nicht vom Reichtum lassen können. In der Geschichte von der armen Witwe, die ihr Hab und Gut in den Gotteskasten gibt, während die Reichen etwas »von ihrem Überfluss« (Markus 12,41) einlegen, wird das deutlich: Die Summe, die jeder Reiche spendiert, wird die zwei Cent der Witwe weit übertroffen haben. Der ergebnisorientiert Kalkulierende würde die Münzlein der Witwe müde lächelnd in die Kaffeekasse schnipsen und genüsslich die grünen, gelben und lila Scheine der Reichen zählen. Dennoch bescheinigt Jesus der Witwe sie habe mehr in den Gotteskasten gelegt, als alle anderen zusammen. Worauf es in der Geschichte ankommt, ist die Haltung, aus der heraus Menschen handeln.

Der Linie folgt Luther, der in »Von Kaufshandlung und Wucher« schreibt: »Es sollte nicht so heißen: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich kann oder will, sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll, oder wie es recht und billig ist.« Und weiter: »Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, dass du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst.« Das ist die Option für die Armen: Dass es recht und billig (das heißt: angemessen) ist. Dass der Nächste per Gesetz und Gewissen vor Schaden - Armut ist ein Schaden für eine Gesellschaft - schützt.

Ein Letztes: Matthäus erzählt eine Geschichte, die nachdenklich macht - das Gleichnis von den Weinberg-Arbeitern (Mt 20,1ff). Danach verhält es sich mit der Gerechtigkeit Gottes so: Ein Weinbergbesitzer handelt mit Tagesarbeitern, die früh um sieben antreten, für den Tag 100 Euro aus. Um 9 Uhr kommen weitere Tagelöhner, auch ihnen bietet der Gutsherr 100 Euro. So geht das eine Weile, auch die, die erst um 16 Uhr kommen, kassieren am Abend des Tages 100 Euro. Bei der Auszahlung kommt es zum Streit: Die den ganzen Tag malocht haben, beschweren sich, dass auch die Kurzarbeiter gleichen Lohn einstecken. Gefühlte Ungerechtigkeit! Der Weinbergbesitzer aber wischt die gefühlte Ungerechtigkeit beiseite und pocht auf die Verträge: Habe ich nicht mit dir etwas vereinbart, fragt er die Nörgler, habe ich nicht das Meine gehalten? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

Gibt diese Geschichte Antwort auf manch gefühlte Ungerechtigkeit? Ja, aber eine überraschende.

 

Daniel Dietzfelbinger

 

 

  DANIEL DIETZFELBINGER ist promovierter Theologe, Partner des Instituts persönlichkeit+ethik und Referent für Medien und Erwachsenbildung der bayerischen evangelischen Landeskirche.

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abgerufen 24.09.2014 - 04:22 Uhr

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