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Dieser Artikel: Ausgabe 21/2012 vom 20.05.2012
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Ohrfeigen ja, Prügel nein

Der Regisseur Hans W. Geissendörfer und Werner Ertel verteidigen den Windsbacher Chorgründer Hans Thamm


Gegen den Gründer des Windsbacher Knabenchores, Hans Thamm (1921-2007), sind in den letzten Jahren heftige Vorwürfe laut geworden (wir berichteten). Ehemalige Schüler behaupteten, sie seien von Chorleiter Thamm körperlich und seelisch misshandelt worden. In einer Mahn- und Erinnerungstafel würdigte das Kuratorium des Chores im vergangenen Sommer die musikalische Leistung Thamms, distanzierte sich aber sehr deutlich von seinen pädagogischen Methoden. Zahlreiche ehemalige »Windsbacher« sehen in der Tafel und im Umgang mit den Vorwürfen eine ungerechte Behandlung des Gründervaters. 95 von ihnen haben Thamm inzwischen in einer Unterschriftenaktion in Schutz genommen (die Liste liegt dem Sonntagsblatt vor). Mit dem Sonntagsblatt sprachen Werner Ertel (69), promovierter Chemiker aus Wuppertal, und der Film- und Fernsehregisseur Hans W. Geissendörfer (71), die beide in den 1950er-Jahren im Windsbacher Internat lebten.

Hans Thamm (1921-2007), Gründer des Windsbacher Knabenchors.
Foto: Archiv
   Hans Thamm (1921-2007), Gründer des Windsbacher Knabenchors.

        

  Herr Ertel, Herr Geissendörfer, auf der Thamm-Tafel in Windsbach ist von »physischer und psychischer Gewalt« die Rede (Bild siehe unten). Die Kernbotschaft lautet: »Der Windsbacher Knabenchor ehrt seinen Gründer und dessen außerordentliche Leistung. Die dafür eingesetzten Mittel sieht er kritisch. Sie dürfen keine Verwendung mehr finden.« Was stört Sie an der Formulierung?

Ertel: Es ist keine Gedenktafel, sondern eine Schmähtafel, die nicht hängen bleiben darf.

  Sie hängt ja im Augenblick auch gar nicht, weil sie schon zweimal geklaut wurde.

Ertel: Sie wird auch in der alten Form nicht mehr angebracht, das wurde uns in Gesprächen mit dem Landesbischof und dem Kuratorium des Windsbacher Knabenchors zugesichert. Auf einer neuen Tafel wird es eine Distanzierung von den alten Erziehungsmethoden geben, ohne dabei persönliche Bezüge zu Thamm herzustellen. Das halten wir für angemessen. Allerdings müsste man dann konsequenterweise an vielen Schulen und Internaten solche Tafeln anbringen.

Geissendörfer: Die disziplinarischen Maßnahmen damals waren derb, aber sie waren weit weg von Misshandlung. Und Windsbach lag eher noch unter der damals üblichen Härte.

  Manche Beteiligten haben von »Prügelexzessen« gesprochen. Sowas fantasiert man sich doch nicht zusammen?

»Ohrfeigen waren üblich, Prügel gab es nicht«: Werner Ertel (links) sang in den 50er-Jahren im Windsbacher Knabenchor. Neben ihm der »Lindenstraßen«-Regisseur und frühere Windsbacher Hans W. Geissendörfer.
Foto: Frank
   »Ohrfeigen waren üblich, Prügel gab es nicht«: Werner Ertel (links) sang in den 50er-Jahren im Windsbacher Knabenchor. Neben ihm der »Lindenstraßen«-Regisseur und frühere Windsbacher Hans W. Geissendörfer.

        

Geissendörfer: Ich verstehe nicht, warum diese Sachen erst jetzt öffentlich werden, da Thamm sich nicht mehr wehren kann. Ich habe damals viele meiner Wochenenden mit meiner Windsbacher Pfadfindergruppe verbracht, die ich gegründet habe, und in der wir sehr, sehr offen über alle Probleme geredet haben, auch über Gewalt. Von all diesen Dingen war dort niemals die Rede. Ich selber habe nie derartige Erfahrungen gemacht und auch nicht davon gehört. Manche Vorwürfe bewegen sich fast schon auf einem kriminellen Verleumdungsniveau.

Ertel: Ich frage mich manchmal, ob ich damals in einer Parallelwelt gelebt habe. Hier wird doch einem Toten durch Lügen die Ehre abgeschnitten. Es waren Ohrfeigen üblich, das stimmt; aber nicht nur in Windsbach. Aber das hat doch nichts mit einem regelrecht sadistischen Schreckensregiment zu tun, das hier beschworen wird. Ein Beispiel: In einem Zeitungsbericht ist die Rede davon, dass »das Zimmer des Rektors schalldicht isoliert war, damit die Schreie der geprügelten Knaben nicht nach draußen dringen konnten«. Natürlich war die Türe des Direktorzimmers mit einem Lederpolster isoliert, aber doch nur deswegen, damit der Lärm der Schüler auf den Gängen nicht ins Rektorenzimmer vordrang. Und diese Maßnahme erfolgte lange vor der Zeit des angegriffenen Direktors. Mit solchen Verdrehungen werden vollkommen falsche Bilder gezeichnet.

  Also: Ohrfeigen ja, Prügel nein.

Ertel: Ich habe nur Ohrfeigen erlebt. Die Ohrfeigen reichten für mich, um Thamm als Kind zeitweise zu hassen, obwohl ich, wie viele andere, von Thamm nie geschlagen wurde. Ich erinnere mich an die ersten Reisen des Chores. Wir waren bei Gasteltern untergebracht und mussten für uns selber sorgen. Wer zu spät zur Probe oder zur Abfahrt kam, konnte schon mal mit einer Ohrfeige begrüßt werden. Es waren die damals üblichen Methoden, übrigens auch bei den Pfarrern, und wir wünschen sie uns nicht zurück ...

»In Windsbach wurde ich ernst genommen«: Der Regisseur Hans W. Geissendörfer lebte in den 50er-Jahren im Windsbacher Internat.
Foto: Frank
   »In Windsbach wurde ich ernst genommen«: Der Regisseur Hans W. Geissendörfer lebte in den 50er-Jahren im Windsbacher Internat.

        

  ... und Sie haben sie auch schon mal kritisiert.

Ertel: Ich habe diese Methoden schon zu Thamms Lebzeiten öffentlich kritisiert. Er hat übrigens absolut souverän reagiert. Niemand will Thamm zu einem weißen Ritter machen. Es wurden von seinen Anklägern sechs Fälle in 31 Jahren vorgebracht, die sie als Misshandlungen ansehen. So sieht kein »Prügelpädagoge« aus. Man muss doch auch die ungeheure Leistung dieses Mannes sehen: Er hat diesen Chor aus dem Nichts an die Spitze geführt, er hat in diesem Chor fast alles selber machen müssen und auch noch in der Schule unterrichtet, und das in ganz schwierigen Zeiten und selber traumatisiert von schrecklichen Kriegserlebnissen! Wenn der Chor in den Jahren nach dem Krieg eine Reise machen wollte, musste Thamm beim Regierungspräsidenten in Ansbach persönlich ein paar Kanister Benzin erbetteln. Aber die Choristen konnten die Reise machen, und sie war für alle ein unvergessliches Erlebnis, für das ihm bis heute alle dankbar sind.

Geissendörfer: Für seine Leistung haben ihn auch seine Kritiker bewundert.

Ertel: Ja, aber in der Kritik haben sie jedes Augenmaß verloren!

  Wie haben Sie Thamm persönlich in Erinnerung?

Geissendörfer: Ich stand mit ihm in einer Art Vater-Sohn-Freundschaft. Er hat mich gefördert, obwohl ich nicht im Chor war. Er ließ mir zum Beispiel einen Raum zur Verfügung stellen, damit ich meine Ölbilder malen konnte. In Windsbach hatte man schon damals erkannt, dass Gehorsam allein kein Mittel zur Erziehung ist. Ich wurde ernst genommen! Das war ein Ausnahmefall unter vergleichbaren Einrichtungen.

Das Kuratorium des Windsbacher Knabenchors ließ im Sommer 2011 vor dem Chorsaal diese Tafel anbringen. Mittlerweile wurde die Tafel zwei Mal abmontiert und gestohlen, sie soll nun nicht mehr ersetzt werden.
Foto: sob
   Das Kuratorium des Windsbacher Knabenchors ließ im Sommer 2011 vor dem Chorsaal diese Tafel anbringen. Mittlerweile wurde die Tafel zwei Mal abmontiert und gestohlen, sie soll nun nicht mehr ersetzt werden.

        

  Windsbach war besonders liberal?

Geissendörfer: Ich kann mich erinnern, an den Wochenenden viel persönlichen Freiraum gehabt zu haben - ganz anders als die armen Mädchen bei den Neuendettelsauer Diakonissen, die gezwungen waren, all ihre Sünden in zwei Stunden am Samstagnachmittag zu begehen. Ich habe diese Freiheiten und die persönliche Förderung sehr genossen, und man kann vielleicht überspitzt sagen, dass es ohne Hans Thamm keinen Regisseur Hans W. Geissendörfer gegeben hätte.

  Manche Ehemaligen klagen heute über ungeheuren psychischen Druck, den Thamm ausgeübt habe.

Ertel: Ein Internat verträgt nicht jeder. Der größte Druck ging aber nicht von Thamm aus, sondern von einigen Präfekten und von den älteren Mitschülern. »Pennalismus« ist der Fachausdruck dafür. Ein Direktor wollte dagegen vorgehen, aber die Schüler selber wehrten sich: Sie seien geschunden worden, nun wollten sie selber auch schinden. Inzwischen hat sich da sehr viel geändert. Der jetzige Direktor kämpft gegen diese »Tiefenströmung«, wie er es nennt, aber noch heute an. Windsbach konnte also auch eine Last sein. Aber das Glück und die Lebenschance haben doch weit überwogen.

 

  EIN INTERVIEW mit einem ehemaligen Schüler, der die Ära Hans Thamm kritischer bewertet, finden Sie hier.

HANS THAMM

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Interview: H. Frank, T. Greif

 


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abgerufen 27.11.2014 - 23:44 Uhr

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