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Dieser Artikel: Ausgabe 19/2012 vom 06.05.2012
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Einheit unter Sünde und Gnade

Der Neutestamentler Wolfgang Stegemann zum »Pro multis«-Brief des Papstes


Papst Benedikt XVI. hat in einem Schreiben an die deutschen katholischen Bischöfe angemahnt, dass es auch in der deutschen Eucharistiefeier bei der Konsekration des Weins heißen soll, Jesu Blut sei »für euch und für viele« vergossen worden - und nicht mehr, wie es bisher hieß, »für alle«.

Professor Wolfgang Stegemann lehrte bis zu seiner Emeritierung 2010 Neues Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.
Foto: pr
   Professor Wolfgang Stegemann lehrte bis zu seiner Emeritierung 2010 Neues Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.

  Hat der Papst recht? Was hat Jesus denn wirklich gesagt bei der Einsetzung des Abendmahls?

Wolfgang Stegemann: Zunächst: Es ist schon bemerkenswert, wie theologisch gelehrt der gegenwärtige Papst ist. Das ist auch in der »Pro multis«-Frage um die Einsetzungsworte wiedererkennbar. Doch was Jesus selbst gesagt hat, weiß keiner von uns, auch der Papst nicht. Niemand war mit der Kamera beim Abendmahl dabei oder mit dem iPhone. Die Überlieferungen in den Evangelienschriften sind spätere Überlieferungen. Aus den Unterschieden in den Texten können wir das ablesen.

  Zum Beispiel, dass Matthäus und Markus die Formulierung »für viele« verwenden, Paulus und Lukas aber nur »für euch«?

Stegemann: Ja. Wir wissen heute, dass die Formulierungen an den gottesdienstlichen Gebrauch angepasst wurden. Wir haben in den Texten immer nur Rezeption, was zugleich immer Interpretation bedeutet.

Was da nun aus dem Vatikan kommt, ist ein Versuch, eine Originalität in die Texte zu bringen, die so nicht zulässig ist. Papst Benedikt müsste es eigentlich besser wissen. Doch sein theologisches Denken zeigt sich in der Exegese immer wieder erstaunlich unmodern. Seine ganze Argumentation, das zeigt auch sein Jesusbuch, steckt im Denken der 70er-Jahre und der sogenannten »Zweiten Suche nach Jesus«. Sie hatte die wissenschaftlich irrige Voraussetzung, man könne die historischen Worte Jesu rekonstruieren. Doch: »Jesus remembered«, wie der englische Forscher James Dunn das treffend formuliert hat - das ist alles, was wir haben.

  Dann kommt es umso mehr auf die Interpretation an, die in der Formulierung »für alle« steckt - und die dem Papst zu weit geht?

Stegemann: Was den Papst letztlich bewegt, weiß ich nicht. Ich finde es jedenfalls theologisch falsch. Christus ist für alle gestorben, nicht nur für die Reichen oder die Armen oder die Afrikaner oder die Europäer.

Ich denke, wir Protestanten haben bei den Einsetzungsworten die bessere Lösung, weil wir die Frage offenlassen und die Heilsbedeutung Jesu nicht festlegen. »Für alle« - das ist die Idee des Paulus: die Einheit der Menschheit unter der Sünde und die Einheit der Menschheit unter der Gnade. Die Universalität des Heilsangebots Gottes ist ein Grundzug des christlichen Glaubens. Das würde ich niemals aufgeben, auch wenn es empirisch so ist, dass nicht alle dieses Angebot annehmen.

        

Wolfgang Stegemann, Jesus und seine Zeit, Kohlhammer, Stuttgart 2010. ISBN 978-3-17-012339-7, 38 Euro.

 

 

  Buchtipp: Wolfgang Stegemann, Jesus und seine Zeit, Kohlhammer, Stuttgart 2010. ISBN 978-3-17-012339-7, 38 Euro.

»PRO MULTIS«

Für viele oder für alle? Der Papstbrief zum Kelchwort in der deutschen Eucharistiefeier. Kommentar von Markus Springer. » lesen!

Einheit der Menschheit unter Sünde und Gnade. Interview mit dem Neutestamentler Wolfgang Stegemann zum »Pro multis«-Brief des Papstes. » lesen!

 

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Interview: ms

 


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abgerufen 30.07.2014 - 23:14 Uhr

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