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Dieser Artikel: Ausgabe 19/2012 vom 06.05.2012
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Schweigen der Lämmer?

Über den Verlust des Singens und das Projekt »Evangelischer Liederschatz«

Von Manuel Ritter

Der Spiegel stichelte schon vor Jahren: »Vom Heulen der Trauerklöße. Die Deutschen verlernen das Singen«. Der - vielfach nachweisbare - Befund trifft vor allem die evangelischen Kirchen: gehört doch das Singen zu ihren innersten Wesensmerkmalen.

Ein Gemeindeglied durchläuft verschiedene Liedsozialisationen: Konfirmanden singen andere Lieder als Kindergottesdienst-Kinder oder Senioren.
Foto: epd
   Ein Gemeindeglied durchläuft verschiedene Liedsozialisationen: Konfirmanden singen andere Lieder als Kindergottesdienst-Kinder oder Senioren.

        

Übersehen lässt es sich nicht mehr: Selbst in besser besuchten Gottesdiensten wirkt der Gesang oft erschreckend dünn. Ein beträchtlicher Anteil der Gottesdienstgemeinde scheint beim Singen fast unwillkürlich auf das Modell »Nationalmannschaft« umzustellen, wo sich nicht wenige darauf beschränken, zu den Klängen der Nationalhymne in rhythmischen Abständen die Lippen zu öffnen und zu schließen wie die Fische. Bei mancher Taufe stellt der Liturg während eines von den Taufeltern selbst ausgesuchten Liedes plötzlich erschrocken fest, dass er als Einziger noch mitsingt.

Gottesdienst feiern bedeutet nach Martin Luthers berühmter Definition bei der Einweihung der Torgauer Schlosskirche, »dass nichts anderes darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang«.

Für Luther ist die Musik in ihrer Wirkung dem Wort Gottes vergleichbar: »Gott predigt das Evangelium durch die Musik«, heißt es in den Tischreden. War im Mittelalter das Singen im Gottesdienst vor allem dem Klerus vorbehalten gewesen, so sollte es nun Sache und Anliegen der ganzen Gemeinde werden. Geschah es zuvor fast ausschließlich auf Lateinisch, was die Gemeinde weitgehend in eine Zuschauerrolle zwang, sollte es nun in der Muttersprache erfolgen.

Reformation bedeutete demnach nicht allein eine Neujustierung der Rechtfertigungslehre, sondern führte auch zu einer Neuermächtigung des gemeindlichen Singens. Unbestreitbar ist: Die Reformation entwickelte sich von Anfang an auch als eine Singbewegung.

Der »demokratisierende« Beitrag des Singens zum Gottesdienstgeschehen spielte dabei eine wichtige Rolle: Denn in den Liedern (und im Wechselgesang der Liturgie) werden alle, die sonst am Gottesdienst vor allem zuhörend teilnehmen, aus einer Passivität stummer Anteilnahme befreit und zugleich ermächtigt zu einer aktiven Mitgestaltung und Mitverantwortung im Gottesdienst.

Für etwa 38 Prozent der Gottesdienstbesucher gehört die Musik zum Wichtigsten im Gottesdienst.
Foto: epd
   Für etwa 38 Prozent der Gottesdienstbesucher gehört die Musik zum Wichtigsten im Gottesdienst.

        

Auch die Gemeinschaft der Gläubigen im Gottesdienst wird - abgesehen von der Feier des Heiligen Abendmahls - wohl nirgends so selbstverständlich anschaulich wie im gemeinsamen Gesang einer Gemeinde. Die 2007 vom Gottesdienst-Institut in Auftrag gegebene Untersuchung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zur Kirchenmusik erhob, dass für etwa 38 Prozent der Gottesdienstbesucher die Musik zum Wichtigsten im Gottesdienst gehört.

Angesichts der heutigen Misere des Singens wird weithin nur achselzuckend auf den angeblich unaufhaltsamen Traditionsabbruch verwiesen, der sich ja auch trefflich nachzeichnen lässt. Die Frage aber ist: Gibt es wirklich keine Möglichkeiten, hier gegenzusteuern? Wurde schon alles versucht?

Mancherorts fristet das Singen eine Nischen-Existenz

Beim - zugegeben pauschalen - Blick auf eine x-beliebige Durchschnittsgemeinde fallen gleich mehrere unabhängig voneinander bestehende Bezugsrahmen für das Singen auf, die oft fast nichts mehr gemeinsam haben: Im Kindergarten werden liebevoll kindgerechte Lieder eingeübt, die aber schon bei Grundschülern auf Ablehnung stoßen. In der Grundschule werden dann vor allem Lieder gesungen, die genau zur aktuellen Unterrichtseinheit passen, aber sonst nirgendwo wieder vorkommen.

Bei den Liedern im Kindergottesdienst steht nicht selten das Feiern als solches vor den Inhalten, bleibt dann also gebunden an die Situation im Kigo. Im Konfirmandenunterricht werden bisher kennengelernte Lieder samt der Kindheit abgeschüttelt, »erwachsene« Lieder aber erscheinen fremd und wenig anziehend.

Bemühte Vermittlungsversuche werden hier schonungslos entlarvt. Wo die musikalischen Möglichkeiten fehlen, fristet das Singen hier bestenfalls eine Nischen-Existenz. Die Kirchenmusik wiederum bedient nicht selten weitere Segmente. Wer sich als wackeres Gemeindeglied vom Kindergarten über Grundschule, Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht bis zum Kirchenchor und zur sonntäglichen Erwachsenengemeinde vorgearbeitet haben sollte, wird dann also vielleicht sechs verschiedene Formen von Lied-Sozialisationen erlebt haben!

Was er oder sie trotz weltweit fast einzigartiger religiöser Sozialisationsmöglichkeiten dabei aber meist nicht erlebte, war eine wiederkehrende Begegnung mit Liedern, die auch in verschiedenen Altersstufen immer neu Ausdruck gebend und Sinn stiftend wirken können. So wichtig für jede Altersgruppe passende Lieder sein mögen, so bedeutend ist, dass es dabei immer auch Lieder gibt, die nicht unterwegs einfach verloren gehen, sondern die in der Biografie als ein fester Schatz für Glauben und Leben verbleiben. Da es eine häusliche Sing-Tradition fast nicht mehr gibt, kommt es hier auf eine Konzeption von Kirchengemeinde und Schule an, die mit Augenmerk darauf achtet, wie eine »Vernetzung im Singen« wirksam werden kann.

Auf Initiative des damaligen Nürnberger Dekans Michael Bammessel bildete sich im Gefolge der Landessynode 2008 eine Arbeitsgruppe aus verschiedensten Bereichen kirchlicher Arbeit, von der Kindertagesstätte bis zum Gottesdienstinstitut. Gemeinsam wurden zunächst Kriterien erarbeitet, die ein gemeinsamer Liederschatz haben sollte: von inhaltlicher Qualität (theologisch und textlich), gut singbar und einprägsam, wiederholbar und generalisierbar (verwendbar in verschiedenen Altersgruppen und unterschiedlichen Situationen und mehrere Anlässe abdeckend), emotional ansprechend, musikalisch wertvoll, repräsentativ für Kirchenjahrsfeste, populär-volkstümlich, ökumenisch bekannt.

Im Mittelpunkt stand die Frage: »Welche 20 Lieder aus dem EG sollten evangelischen Christenmenschen vertraut sein und ihnen deshalb möglichst schon in ihrer Jugend wiederholt begegnen?«

Das müssen fröhliche Lieder sein, ja! Aber doch auch Lieder, die antworten auf Leiderfahrung, auf Sorge und Angst. In mehreren Schritten, die allen Beteiligten einige Verzichtanstrengung abnötigte, entstand schließlich die Sammlung »2+22« (22 Lieder und zwei Kanons, siehe hier). Sie versteht sich als eine Art Vorschlag und Grundstock für einen in der Zukunft weiter fortzuschreibenden »Evangelischen Liedschatz«. So wenig es dabei nur um Lieder des 16. Jahrhunderts gehen kann, so wenig dürfen nur Lieder des 20./21. Jahrhunderts darin dominieren.

Auch »Selbstläufer« können verloren gehen

Aber auch scheinbare »Selbstläufer-Lieder« sind nicht ungefährdet, wie der Blick etwa in Internet-Rankings zeigt. Dort belegt etwas »Danke für diesen guten Morgen« einen einsamen Spitzenplatz. Dies Lied, das gerade seinen 50. Geburtstag feierte, erfreut sich bei Traupaaren und Taufeltern größter Beliebtheit, scheint auf Traditionsbildung demnach nicht angewiesen zu sein, ist faktisch aber aus dem Singen der Jugend leider schon wieder fast verschwunden.

Es braucht eine große Breite und Vielfalt, damit eine so kleine Sammlung »22+2« noch einigermaßen repräsentativ sein kann. Flankierendes Begleitmaterial soll das Projekt beflügeln (siehe hier), das aber nur gelingen kann, wenn Pfarrerinnen, Diakone, Jugendleiter oder Erzieherinnen auch mal über ihren Schatten springen und im Sinne eines Aufbaus von gemeinsamer Liedtradition solche Lieder in den Fokus rücken, die sie sonst als für »ihre Klientel« angeblich ungeeignet immer überblättert hatten. Das Jahr 2012 als Jahr der Kirchenmusik innerhalb der Lutherdekade ist es wert, hier einen Neuansatz zu wagen.

 

Manuel Ritter

 

 

  MANUEL RITTER ist Referent für Spiritualität und Kirchenmusik der bayerischen Landeskirche.

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abgerufen 29.11.2014 - 00:53 Uhr

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