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Dieser Artikel: Ausgabe 16/2012 vom 15.04.2012
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Neun Jahre statt neun Monate

Nach langem Warten bekommt das Ehepaar G. dank künstlicher Befruchtung endlich Nachwuchs


Barbara G. ist zwölffache Tante. Sie hat ein Geschwister, ihr Mann Martin fünf. Wenn die 40-Jährige »Baby« sagt, klingt ihre Stimme weich, behutsam, fast ehrfürchtig. »Wir sind absolute Familienmenschen«, gesteht das Paar. Doch um ihre eigene zu gründen, brauchte es neun Jahre - und die Hilfe künstlicher Befruchtung.

Grenzenloses Familienglück dank künstlicher Befruchtung: Barbara und Martin G. mit den Zwillingen Max und Anderl.
Foto: mck
   Grenzenloses Familienglück dank künstlicher Befruchtung: Barbara und Martin G. mit den Zwillingen Max und Anderl.

        

»Mach langsam«, ruft Martin seiner Frau zu und fängt den Volleyball. Für heute reicht es besser, schließlich soll nichts schiefgehen. Barbara G. ist nervös. Ihre rechte Brust spannt schon. Und ein bisschen schlecht ist ihr auch. Oder bildet sie sich das nur ein? »Die ersten zwei Wochen sind die schlimmsten«, sagt sie. »Man fühlt sich wie auf der Wartebank.«

Die Wartebank zum eigenen Baby - neun Jahre sitzt das Ehepaar aus einem Münchener Vorort auf dem harten Möbelstück. Vor zehn Jahren lässt Barbara G. die Pille weg. »Wir waren bereit«, sagt sie. Doch nichts passiert. »Erst haben wir uns nicht gewundert«, erinnert sie sich. Ein Jahr erfolgloser Versuche, auf natürlichem Weg Nachwuchs zu zeugen, vergeht. Noch eins und noch eins. Also suchen sie Spezialisten auf: Hormonstatus gut, Eileiterdurchgängigkeit wie im Bilderbuch, Spermien voll funktionsfähig. »Manchmal findet man keinen Grund«, sagen die Ärzte.

Taufe. Kindergeburtstag. Der erste Purzelbaum. Aber nie vom eigenen Kind. »Das hat so wehgetan, wenn einer nach dem anderen Kinder kriegt und stolz ist und von nichts anderem mehr redet«, sagt die brünette Frau. Irgendwann meidet das Paar Treffen mit vielen Kindern. »Wir haben das einfach nicht ertragen«, sagt Martin.

»Wollt ihr eigentlich keine Kinder?« - Wie oft hat Barbara diese Frage gehört! Sie seufzt: »'Das ist keine Frage des Nicht-Wollens', habe ich immer gesagt.« Dann wussten die meisten Bescheid. Wirklich offen spricht das Paar nur mit engen Freunden über ihr Problem - erst recht, als sie den nächsten Schritt wagen.

»Eigentlich wollten wir nie bis zum Letzten gehen«, erklärt die 40-Jährige. Und meint damit In-vitro-Fertilisation (IVF) - zu Deutsch: Befruchtung im Reagenzglas. Doch weil alle Versuche der Zeugung auf natürlichem Weg oder »nur« mittels Hormonstimulation scheitern, sieht das Paar keine Alternative. »Ein Kind soll ja ein Geschenk Gottes sein - da fragt man sich schon, ob man jetzt nicht zu viel eingreift«, erklärt Barbara G. ihre Bedenken. Doch schließlich ist die Sehnsucht nach einem Kind größer.

Also regen Ärzte in einem Kinderwunschzentrum mit Hormonspritzen die Reifung mehrerer Eizellen von Barbara G. an. Mit einer Nadel entnehmen sie sie aus dem Eierstock und bringen sie in Reagenzgläsern mit Spermien ihres Mannes zusammen. Dort erfolgt die Befruchtung, ebenso wie die ersten Zellteilungen. Die bestentwickelten Embryonen setzen die Reproduktionsmediziner ihr in die Gebärmutter ein.

Als es dem Erlanger Arzt Siegfried Trotnow vor 30 Jahren gelang, mit dieser Methode Deutschlands erstes IVF-Baby zur Welt zu bringen, war das eine medizinische Sensation. »Heute ist die Prozedur Alltag«, erklärt Professor Ralf Dittrich, Reproduktionsmediziner der Erlanger Uniklinik. 50.000 künstliche Befruchtungen werden in Deutschland pro Jahr gemacht, 9000 davon in Bayern. Ein Zyklus kostet 3000 Euro, bei bis zu drei Versuchen übernimmt die Krankenkasse die Hälfte. »70 Prozent der Paare kann geholfen werden«, sagt Dittrich.

»Beim ersten Mal waren wir noch so zuversichtlich«, erinnert sich Barbara G. an die Tage und Wochen nach dem Einsetzen der befruchteten Eizellen. Als jedoch klar wird, dass das Spannen der Brust und die Übelkeit nicht von einer Schwangerschaft zeugen, fühlt das Paar sich elend. Doch es wird noch schlimmer.

Beim zweiten Anlauf reifen nach der Hormonbehandlung so viele Eizellen heran, dass die Ärzte welche für weitere Versuche einfrieren. Dann wieder: Befruchten, Einsetzen, Wartebank, Anzeichen-Raten, Hoffen, Bangen. Nach zwei Wochen der erste Schwangerschaftstest. Positiv? Positiv! Das Paar schwebt auf Wolke sieben. Sie fangen an zu planen: Wann kommt ihr Kind zur Welt? Werden sie mit ihm Ski fahren?

Kurz darauf der nächste Test. Wieder ;positiv. Die Wartebank scheint ein Stückchen bequemer, die Gewissheit steigt. Doch Sicherheit bringt erst der Ultraschall vier Wochen nach der Einpflanzung. Am Morgen hat Barbara G. bereits Blut in der Unterhose. Der Arzt bestätigt: Abgang, Schwangerschaft negativ.

Das Ehepaar gönnt sich eine Pause, fährt nach Usbekistan. »Wir haben immer versucht, uns nicht reinzusteigern«, sagt Martin. Doch der Kinderwunsch lässt sie nicht los, sie kämpfen weiter. Sechs Mal setzten Ärzte Barbara befruchtete Eizellen ein. Jedes Mal heißt es spätestens beim Ultraschall: Schwangerschaft negativ.

»Kinderlose Paare sollen mehr Steuern zahlen«, klingt es Barbara G. aus dem Autoradio entgegen. Blut schießt in ihre Backen. »Kinderlose Paare sind egoistisch«, sagt die Stimme. Welch Hohn in ihren Ohren. »Deutschland hat zu wenige Kinder«, meldet der Nachrichtensprecher. Ein Stich in ihr Herz. Und doch: Im letzten Punkt stimmt G. ihm zu.

Und dann ist da das Ticken. Lauter und lauter. Barbara G. war 31, als sie die Pille absetzte. Jetzt jedes Jahr dasselbe: »Wieder ein Geburtstag mehr, wieder kein Baby im Arm«, erinnert sie sich. »Wir wollten nie so alte Eltern sein, 40 war unsere Grenze.« Als Barbara 39 wird, fasst das Paar einen Entschluss: Ein letzter Versuch, dann müssen wir aufgeben.

»Sehen Sie diese zwei Punkte? Das sind die schlagenden Herzen ihrer Kinder. Herzlichen Glückwunsch!« Nie werden die beiden diesen Moment vergessen. Das erste Ultraschallbild seiner Zwillinge trägt Martin G. im Geldbeutel immer bei sich. »Das ist eine irre Vorstellung, dass so ein winziger Zellhaufen einen Herzschlag hat«, erzählt er. Und auch Barbara kann ihr Glück nicht fassen - erst recht nicht, dass es doppelt ist.

Ein letztes Mal muss das Paar auf die ungeliebte Wartebank. Doch was sind nach neun Jahren schon neun Monate? Und fast genau 30 Jahre nach Deutschlands erstem IVF-Baby erblicken die Zwillinge Maximilian und Andreas G. im Klinikum Schwabing das Licht der Welt.

Ob und wie sie ihren Söhnen einmal erzählen, dass sie im Reagenzglas und nicht im Ehebett gezeugt wurden, sind sich die Eltern noch nicht ganz sicher. Doch bis die Zwillinge in einem Alter sind, in dem sie das verstehen, wird diese Technik endgültig normal sein, meint Martin G.. Seine Frau ergänzt: »Und eines wird für sie doch schön sein zu wissen: Sie sind absolute Wunschkinder.«

TITELTHEMA

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Brigitte Vordermayer

 


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abgerufen 25.10.2014 - 17:14 Uhr

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