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Aktuelle Ausgabe: 15 vom 13.04.2014
Dieser Artikel: Ausgabe 13/2012 vom 25.03.2012
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Religion und Humanität

Ein Grundkurs Ethik - Teil 13: Menschenrechte - Schutzraum des Menschen

Von Hans Jürgen Luibl

»Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« Dieser Satz ist festgeschrieben in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, verabschiedet und legitimiert von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948.

In vielen Ländern der Erde ist die Freiheit der Menschen eingeschränkt.
Foto: caro
   In vielen Ländern der Erde ist die Freiheit der Menschen eingeschränkt.

        

Liest man diesen Satz, fragt man sich, warum es einer Welt-Versammlung bedurfte, um ihn zu formulieren. Denn er beschreibt doch lediglich das Selbstverständliche, dass alle Menschen gleich sind und frei. Und dass dem Menschen Würde zukommt und er unveräußerliche Rechte hat, diese Würde auch zu leben. Das macht den Menschen aus, das sind Menschen einander schuldig. Wie anders sollten wir leben, wenn das nicht mehr gälte?

Und doch: die Allgemeine Erklärung der Menscherechte von 1948 stellte und stellt bis heute einen Meilenstein dar, Würde und Rechte aller Menschen verbindlich festzuhalten. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis es dazu kam. Dann kam der Moment in der Geschichte, wo sie festgeschrieben werden mussten. Und es ist noch ein weiter Weg, bis die Menschenrechte von der Papierform zur verlässlichen Lebensform für alle geworden sind. Im Folgenden sollen zunächst die Vorgeschichte der Menschenrechte, sodann ihre Festschreibung und abschließend die rechtsverbindlichen Folgen betrachtet werden. Dabei soll auch in den Blick kommen, wie der Glaube mit der Ethik der Menschenrechte verknüpft ist.

»Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« In diesen Satz fließt eine lange Geschichte schmerzlicher Erfahrungen von Menschen ein, wo Freiheit staatlich begrenzt und die Würde beschnitten wurde - und dies gemäß gültigem Recht der jeweiligen Zeit. Und dies, obwohl der Mensch anders gedacht war. Schon in der Antike finden sich Gedanken, dass natürlich, also von Natur aus, die Menschen gleich seien - jedoch nur im Prinzip. In der politischen Wirklichkeit gab es Freie und Sklaven, gab es Männer, die ganz andere Rechte hatten als Frauen.

Das galt auch für das Christentum. Zwar wurde die Gleichheit aller in der jüdisch-christlichen Tradition noch stärker als in heidnischer Umwelt betont. Denn Menschen sind ja nicht nur von Natur aus gleich, sondern weil es Gottes Wille ist: Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Damit schuf er sie gleich und gab allen Anteil an einer unveräußerlichen Würde: Menschen sind Ebenbild Gottes.

Der Völkerapostel Paulus wiederholt diesen Grundsatz der Schöpfung in christlicher Sprache für alle Menschen. »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur« ( 2. Korinther 5, 17). Und daraus folgt: »Hier (in Christus) ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier, hier ist nicht Mann noch Weib« ( Galater 3, 28). Er universalisiert die Freiheit, die Gott schenkt, für alle Menschen. Und doch ist es derselbe Apostel, der Onesimus, einen entlaufenen, von Gott befreiten Sklaven, zurückschickt zu seinem Herrn - lediglich mit der Bitte, dieser möge den Sklaven nicht bestrafen. Gottebenbildlichkeit und christliche Freiheit mögen die Würde eines Menschen beschreiben, aber damit sind (noch) keine Menschenrechte verknüpft. Was dem Menschen zusteht, besagen die natürlich und geschichtlich gewachsenen Ordnungen.

Dieses Grundverständnis bleibt bis zum Anfang der Neuzeit in Kraft und war selbst für die Reformation bestimmend. Dies mag überraschen. Denn die Reformation hatte doch den Menschen ins Zentrum gestellt, ihm durch die Rechtfertigung aus Glauben ein unveräußerliches Lebensrecht in dieser und jener Welt geschaffen. Und die Reformatoren, allen voran Martin Luther und Ulrich Zwingli, haben die Freiheit eines Christenmenschen zum zentralen Thema gemacht.

Aber aus dieser Grundlegung des Menschlichen haben sich keine gesellschaftspolitischen Konsequenzen ergeben. Die neue Welt des Glaubens blieb der alten Welt der Ordnungen fremd. Als Beispiel mögen die Täufer gelten. Es waren Christen, die in aller Freiheit des Geistes ihre Gemeinde neu gestalten wollten. Sie wollten eine neue Ordnung und wurden verfolgt und auch umgebracht. Der Grund: Sie machten mit der Freiheit des Evangeliums ernst, gerieten außerhalb der Ordnung und wurden zu religiös-gesellschaftlichen Outlaws, zu Ketzern.

Ketzer, so die Rechtsmeinung, sagen sich von der Ordnung der Kirche und der Welt, vom ewigen Heil und irdischem Wohl los. Damit sind sie des Teufels, also im eigentlichen Sinn keine Menschen mehr. Und damit haben sie ihr Lebensrecht verwirkt und sind tot, bevor man sie - nach geltendem Recht und in Zusammenarbeit von Evangelischen und Altgäubigen mit der Staatsgewalt - tötete. Im Protestantismus blieb das Dilemma: Es war eine Religion der Freiheit, die aber im Rahmen der gültigen Gesellschaftsordnung keine Religions- oder Meinungsfreiheit im heutigen Sinn zuließ.

Wie schwer sich Kirche mit der Grundidee und den justiziablen Menschenrechten tut, das zeigt sich in einem Dokument der römisch-katholischen Kirche, dem Syllabus von 1864. Darin werden Religions- und Meinungsfreiheit abgelehnt, nicht nur innerhalb der Kirche, sondern für die Gesellschaft. Ein ferner Reflex dazu findet sich in den jüngsten Aussagen des Augsburger Bischofs Zdarsa, dass Kirche keine Demokratie sei.

Woher aber kamen die Impulse zur Entwicklung von Menschenrechten, wenn nicht aus den Kirchen? Eine erster Schritt in Richtung Menschenrechte findet sich in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika von 1776. »Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unabdingbaren Rechten ausgestattet sind, darunter das Recht auf Leben und Freiheit sowie das Streben nach Glück.«

Es ist der Staat, ein neuer Staat, der einer neuen Ordnung sich verpflichtet fühlt, der hier für die neue Ordnung die Gleichheit aller Menschen festschreibt und ihnen unabdingbare Rechte zubilligt. Interessant ist hier, dass dies im Rückgriff auf Gott als den Schöpfer geschieht. Hier lebt die religiöse Tradition fort und auf. Und entscheidend ist, dass aus dieser Tradition heraus Rechte formuliert werden, mit denen die prinzipielle Gleichheit zur realen Gleichheit wird. Darauf verweist der Direktor des Instituts für Menschenrecht, Heiner Bielefeldt: »Im Staat Massachusetts führt die gerichtliche Einforderung der Grundrechte durch einen Sklaven im Jahre 1783 zur Abschaffung der Sklaverei.« Onesimus bekam endlich Recht.

Freiheit, Gleichheit, Solidarität

Allgemein lässt sich sagen: Seit dem 18. Jahrhundert suchen Staat und Gesellschaft jenseits religiöser Vergewisserungen nach tragfähigen, für alle Bürger geltenden Grundlagen. Dabei wird in der Aufklärung der Mensch als freies und verantwortliches Subjekt entdeckt und neue Ordnungsregelungen formuliert: Freiheit, Gleichheit, Solidarität.

Der Erste und Zweite Weltkrieg, die Barbarei des Nationalsozialismus machten aber in aller Schärfe deutlich, dass allein die Idee eines freien und verantwortlichen Menschen nicht genügt. Es braucht verbindliche, verpflichtende Abmachungen, justiziable Regelungen, um den Menschen zu schützen und in seinen Rechten zu stärken. Die Konsequenz wurde dann mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 gezogen. Damit begann eine neue Etappe im Kampf um die Menschenrechte.

Menschenrechte sind in den letzten 50 Jahren zu einem Kristallisationspunkt für die Entwicklung einer globalisierten Gesellschaft geworden. So einfach und schlicht die Grundform der Menschenrechte auch sein mag, sie setzen ein ethisches Maß des Menschlichen, das einzuhalten ist. Sie formulieren Rechte, die politisch und juristisch umgesetzt werden wollen.

Es gibt eine Fülle von Menschenrechtserklärungen, also auch von juristisch und politisch verbindlichen Aus- und Zusagen. Es gibt ein Netzwerk von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch, die Menschenrechtsverletzungen öffentlich machen. In diesem Miteinander der zivilgesellschaftlichen Akteure für Menschenrechte finden sich mittlerweile auch die Kirchen. Auf der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Amsterdam 1948 wird Menschenrechten eine wesentliche Funktion für die Gesellschaft zugewiesen.

In vielen Religionen, auch im Islam, wird über die Menschenrechte ein neues Verständnis der eigenen Religion gewonnen: Die Würde des Menschen lässt sich im Islam etwa verbinden mit der Vorstellung, dass der Mensch der Sachwalter Gottes auf Erden ist ( Sure 2,30).

Wichtiger noch als die unterschiedlichen religiösen Begründungszusammenhänge von Würde und Recht der Menschen, wird aber etwas anderes, das neu zu entdecken ist. Religion ist nicht einfach Theorie oder Weltanschauung, Religion zielt von Gott her auf die Wirklichkeit, ist lebenspraktisch.

So wichtig die Formulierung von Menschenrechten ist - mit welchen Begründungen auch immer - wichtiger ist der Einsatz für Menschenrechte. Und gerade hier greift Religion, die sich nicht mit dem Ist-Stand oder auch Miss-Stand von Menschenrechten zufriedengeben kann, sondern diese im Lichte Gottes sieht und so erkennt, was zu tun notwendig ist.

Begibt man sich aber auf dieses Feld, begibt man sich in Konflikte. Damit sind in erster Linie Menschenrechtsverletzungen in China und ganz Asien und Afrika im Blick. Aber auch in Amerika oder Europa kommt es zu Verletzungen der Menschenrechte. In Weißrussland ist nicht nur die Todesstrafe rechtlich vorgesehen, sondern wird auch vollstreckt - in diesen Tagen an zwei Attentätern und gegen vielfachen Protest, nicht zuletzt durch Menschenrechtsorganisationen. An Europas Grenzen werden Flüchtlinge zurückgewiesen, illegale Migranten ausgeschifft. Gelten für diese die Freiheitsrechte nicht?

Menschenwürde, Menschenrechte - das ist für Menschen so etwas Selbstverständliches wie die Luft zum Atmen. Und es wird darauf ankommen, dass die Luft nicht stickig wird und dass Menschen die Luft nicht ausgeht. Dazu braucht es vermutlich den langen Atem Gottes.

 

Hans Jürgen Luibl

 

 

  HANS JÜRGEN LUIBL ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erwachsenenbildung in Bayern.

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abgerufen 24.04.2014 - 05:53 Uhr

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