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Dieser Artikel: Ausgabe 08/2012 vom 19.02.2012
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Der protestantische Papst-Schüler

Der Lutheraner Werner Neuer gehört seit einigen Jahren zum Schülerkreis von Papst Benedikt XVI.


Ein Protestant im Kreis der Papst-Schüler? Das klingt ungewöhnlich. Fast wie ein Widerspruch in sich.

Beim nächsten Schülertreffen geht es um Ökumene: Werner Neuers Meinung wird gefragt sein.
Foto: privat
   Beim nächsten Schülertreffen geht es um Ökumene: Werner Neuers Meinung wird gefragt sein.

        

Eigentlich gehören zum Schülerkreis, den Joseph Ratzinger als Theologieprofessor in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg um sich sammelte, nur frühere Assistenten, Doktoranden und Habilitanden des heutigen Papstes - unter anderem der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn. Seit einigen Jahren ist aber auch ein Protestant in diesem erlauchten Kreis: Der pietistisch geprägte Lutheraner Werner Neuer, der am Theologischen Seminar St. Chrischona (bei Basel) Dogmatik und Ethik lehrt.

Neuer und Ratzinger lernen sich in den 1990-er Jahren kennen, zunächst schriftlich, dann persönlich. Dabei entdecken sie Gemeinsamkeiten über die Konfessionsgrenzen hinweg. Beide widersprechen Überlegungen, die Einzigartigkeit von Jesus Christus zu relativieren. Neuer tut das in einer wissenschaftlichen Abhandlung über den Briten John Hick, einen führenden Vertreter des Religionspluralismus. Ratzinger wiederum führt seine Kritik als Präfekt der römischen Glaubenskongregation in dem bekannten Dokument »Dominus Iesus« aus - ein Dokument, das freilich vor allem durch die Feststellung bekannt wird, die Kirchen der Reformation seien nach römisch-katholischem Verständnis gar nicht richtig Kirche. Ein Rückschlag für die Ökumene.

Just in dieser Zeit lädt der Schülerkreis Neuer und einige andere evangelische Theologen als Gastreferenten ein. Nach einer weiteren Einladung wird 2004 beschlossen: Neuer soll dem Kreis als ständiger Gast angehören, eine Entscheidung, an der auch nach der Wahl Ratzingers zum Papst nicht gerüttelt wird.

Bei den jährlichen Treffen in Castelgandolfo hat Neuer wie alle anderen Teilnehmer Gelegenheit zu einem kurzen persönlichen Austausch mit dem Papst. In den theologischen Fachgesprächen wird fast schon erwartet, dass er sich als Protestant zu Wort meldet. Der konfessionelle Unterschied wird bei den Tagungen nur an einer Stelle deutlich: An den Eucharistiefeiern nimmt Neuer nicht teil. Er wolle den Vorbehalt der römisch-katholischen Kirche respektieren, sagt er zur Begründung, trotz aller Anfragen, die man dazu haben könne. In den Gottesdiensten ist Neuer aber beteiligt, zum Beispiel mit Schriftlesungen.

Die Gottesdienste, die schon Teil der Doktorandenseminare des Theologieprofessors Ratzinger waren, zeigen: Hier geht es um mehr als um akademische Treffen. Der Lutheraner Neuer schätzt den geistlichen Rahmen und die große Herzlichkeit der Begegnungen, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass die Teilnehmer füreinander beten.

Die Tagungen sind für Neuer ein Beleg dafür, dass der Papst für die Ökumene weit aufgeschlossener sei als häufig angenommen. Benedikt sei auch »evangelischer als seine Vorgänger.« Neuer begründet diese These mit der persönlichen Frömmigkeit des Papstes, seiner Christozentrik (die sich vor allem in den Jesus-Büchern zeige) und der Einschätzung, dass »die gesamte Theologie des Papstes stark vom Hören auf die Bibel geprägt« sei. Zudem habe noch kein Papst die reformatorische Theologie so gut gekannt wie Benedikt: »Dabei dominiert nicht eine Abwehrhaltung, sondern eine Offenheit - bis hin zur Wertschätzung der Teile reformatorischer Theologie, die er als biblisch und ökumenisch konsensfähig ansieht.«

Dass der Papst mit einigen Entwicklungen in den evangelischen Kirchen Probleme hat, dafür hat Neuer Verständnis - »wenn fundamentale biblische Wahrheiten, etwa die Heilsbedeutung von Kreuz und Auferstehung öffentlich in Frage gestellt werden«. An der römischen Seite wiederum stört ihn, dass der Kirchenbegriff zu stark an der institutionellen Ordnung orientiert sei; der Lutheraner wünscht sich eine mehr geistliche Schau, die Kirche in erster Linie als Frucht des Evangeliums und des Wirkens des Heiligen Geistes versteht.

Fragen, die auch beim diesjährigen Schülerkreistreffen behandelt werden können: Erstmals soll es offiziell um das Thema Ökumene gehen.

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Hans-Joachim Vieweger

 


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abgerufen 01.10.2014 - 05:58 Uhr

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