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Dieser Artikel: Ausgabe 04/2012 vom 22.01.2012
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Der Neue

Ab Februar übernimmt Martin Lehmann den Windsbacher Knabenchor


Wenn Martin Lehmann (38) am 1. Februar die Leitung des Windsbacher Knabenchors übernimmt, beginnt eine neue Ära. Der Schatten seines Vorgängers Karl-Friedrich Beringer ist gewaltig, das weiß auch Lehmann. Mit Respekt, aber ohne Angst will er sich an die Arbeit machen - und könnte sich dabei perspektivisch durchaus auch eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und musikalische Projekte mit anderen deutschen Knabenchören vorstellen.

Ein Kruzianer dirigiert die Windsbacher: Martin Lehmann war Sänger im berühmten Dresdner Knabenchor.
Foto: Mila Pavan
   Ein Kruzianer dirigiert die Windsbacher: Martin Lehmann war Sänger im berühmten Dresdner Knabenchor.

        

  Herr Lehmann, können Sie schon ein paar Brocken Fränkisch?

Lehmann: Noch nicht so richtig. Außer »Allmächd« und »a weng« kommt mir derzeit wenig Fränkisches über die Lippen, ich übe noch.

  Sie sind in Mecklenburg-Vorpommern geboren, in Dresden waren Sie Kreuzchor-Sänger, zuletzt haben Sie in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Wo ist Ihre Heimat?

Lehmann: Das ist sehr schwer zu beantworten, weil ich mit meiner Familie wegen des Berufs in den vergangenen Jahren immer wieder umgezogen bin. Tief in mir drin fühle ich mich aber schon als Sachse, dort habe ich viele prägende Jahre verbracht.

  Könnte Windsbach zu Ihrer neuen Heimat werden, auch musikalisch?

Lehmann: Das hoffe ich sehr. Ob es so kommt, das wird man aber erst in den nächsten Monaten, vielleicht auch erst Jahren sehen.

  Planen Sie auch, wie Ihr Vorgänger Karl-Friedrich Beringer, mehr als 30 Jahre hierzubleiben?

Lehmann: Ob es 30 Jahre oder mehr werden, das bezweifle ich - da wäre ich dann schon im Rentenalter. Richtig aber ist, dass die Leitung des Windsbacher Knabenchores irgendwie eine Aufgabe auf Lebenszeit ist. Es ist nicht nur ein Beruf, es ist auch Berufung.

  Was haben Sie gedacht, als Sie im vergangenen Juli erfuhren: Sie bekommen den Job?

Lehmann: Ich war erst einmal sprachlos, überwältigt und hocherfreut. So eine Aufgabe bekommt man ja nicht alle Tage angeboten. Zugleich schwang aber immer auch Respekt und Ehrfurcht vor dieser großen und sicher nicht immer einfachen Aufgabe mit.

  Sie waren einer von 49 Bewerbern. Haben Sie sich schon beim Schreiben der Bewerbung Hoffnungen gemacht?

Lehmann: Ganz ernsthaft: Nein. Es gibt in Deutschland und darüber hinaus sehr viele sehr gute Chorleiter, die Erfahrung mit Knabenchören haben. Ich habe bis zuletzt nicht damit gerechnet, Windsbacher werden zu dürfen.

  Auf was an ihrer neuen Arbeit freuen Sie sich am meisten?

Lehmann: Auf den täglichen Umgang mit den Jungs und die Möglichkeit kontinuierlicher Arbeit.

  Was reizt Sie an der Arbeit mit einem Knabenchor, im Vergleich etwa zu einem Männerchor?

Lehmann: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat ganz andere Facetten und auch Möglichkeiten als die Arbeit mit Erwachsenen. Die Begeisterungsfähigkeit und Intuition der jungen Sänger - und somit die Prägbarkeit der Persönlichkeiten - sind viel größer als bei Erwachsenen mit ihren schon ausgebildeten Stimmen. Bei uns singen die Jungs vielleicht zum ersten Mal ein großes Oratorium, man ist damit viel näher an den »Seelen« der Sänger dran.

  Eines wird Ihnen vor allem in der Anfangszeit nicht erspart bleiben: der Vergleich mit Karl-Friedrich Beringer...

Lehmann: Das ist mir bewusst. Und mir ist auch klar, dass ich dafür mitunter breite Schultern brauche. Ich hoffe, dass alle, die diesen Übergang, diesen Neuanfang begleiten, wissen, dass niemand so wie Karl-Friedrich Beringer sein kann - egal wer die Leitung der Windsbacher übernommen hätte. Jeder Mensch ist anders, und nach 34 Jahren ist es auch mal wichtig, dass ein Chor eine andere Handschrift bekommt.

  Sie nannten die Nachfolge eine »große Herausforderung«, wann würde sie zur Bürde?

Lehmann: Wenn ich diese Aufgabe gesundheitlich nicht aushalten würde oder mein Familienleben daran Schaden nähme, dann würde ich wieder aufhören. Aber davon gehe ich nicht aus.

  Was unterscheidet Ihren bisherigen Chor, die Wuppertaler Kurrende, von den Windsbachern?

Lehmann: Mein Chor in Wuppertal war ein Laien-Knabenchor - demnach ist schon die Arbeitsweise eine ganz andere. Wir haben zwei Mal pro Woche miteinander geprobt, die Sänger waren nebenbei zum Beispiel auch noch Fußballer. In Windsbach ist das anders. Die Jungs hier leben im Internat, für die Musik, für ihren Chor.

  Wie wollen Sie die Jungen jeden Tag aufs Neue motivieren?

Lehmann: Das ist sicher eine Kunst, jeden Tag wieder selbst frisch zu sein und damit die Kinder und Jugendlichen durch eigene Begeisterung anzustecken. Ich hoffe, dass mir das durch meine Art und unser gemeinsames Streben nach Erfühlung der Musik gelingt.

Die Windsbacher: »Jungen, bei denen von Natur aus ein gewisser Leistungswille vorhanden ist, die man nicht zum Jagen tragen muss«, sagt Lehmann. Aber auch den fränkischen Spitzenchor drücken Nachwuchssorgen.
Foto: Mila Pavan
   Die Windsbacher: »Jungen, bei denen von Natur aus ein gewisser Leistungswille vorhanden ist, die man nicht zum Jagen tragen muss«, sagt Lehmann. Aber auch den fränkischen Spitzenchor drücken Nachwuchssorgen.

        

  Für pubertierende Jugendliche wird das wohl nicht reichen...

Lehmann: Nein, das sicher nicht. In so einer Null-Bock-Phase sind alle Jugendlichen mal, da gibt es kein Patentrezept. Ich glaube aber, dass wir hier eine besondere Gemeinschaft von Jungen haben, bei denen von Natur aus ein gewisser Leistungswille vorhanden ist, die Spaß am gemeinsamen Singen haben, die man nicht zum Jagen tragen muss.

  Wie elitär empfinden Sie als »Neuzugang« die Windsbacher?

Lehmann: Gar nicht. Sowohl die Aktiven als auch die Ehemaligen sind normale, bodenständige Menschen, die sich nicht als etwas Besseres empfinden, nur weil sie Windsbacher sind. Elitär ist höchstens und auch zu Recht der musikalische Anspruch. Wir wollen uns hier nicht mit einem Mittelmaß zufrieden geben.

  Den Windsbacher Knabenchor plagen durchaus Nachwuchssorgen, das Vorsingen wird nur mäßig besucht. Wie wollen Sie gegensteuern?

Lehmann: Vor allem Knabenchöre, die im christlichen Umfeld zu Hause sind, haben es im Vergleich zu früher heute deutlich schwerer, neue Sänger zu finden. Das ist aber eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, weil immer weniger Menschen Mitglied einer Kirche sind, oder gar sich dort engagieren. Deshalb haben immer weniger Menschen eine Bindung zur geistlichen Musik, die ja unser Hauptrepertoire darstellt. Wir machen den Eltern und Kindern ein nachhaltiges Bildungsangebot, das die ganze Schulzeit überdauert. Das ist in der schnelllebigen Welt ein großer Wert.

  Wäre es nicht eine Option, Windsbach für Mädchen zu öffnen?

Lehmann: Ich bin Knabenchorleiter und als solcher eingestellt. Ich gehe nicht davon aus, dass wir in nächster Zeit einen gemischten Chor haben werden. Mit dem Thema habe ich mich ehrlich gesagt auch gar nicht beschäftigt, weil es von vornherein das Scheitern meiner Arbeit implizieren würde. Was ich mir durchaus vorstellen könnte, ist eine sporadische musikalische Zusammenarbeit mit einem Mädchenchor - allerdings auch nur bei ausgewählter Literatur.

  Sie fühlen sich als Dresdner, Sie waren Kruzianer. Wann gibt es das erste gemeinsame Projekt des Kreuzchors mit den Windsbachern?

Lehmann: Das müssten Sie zuerst den Dresdner Kreuzkantor fragen. Ich könnte mir das durchaus vorstellen, das muss ich zugeben. Unabhängig vom Kreuzchor wäre es mir wichtig, dass wir ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zu anderen Knabenchören pflegen, die ähnlich arbeiten wie wir. Das könnte perspektivisch auch musikalische Projekte mit anderen Chören wie den Regensburger Domspatzen, dem Thomanerchor in Leipzig oder eben dem Kreuzchor einschließen.

  Singen Sie auch noch zu Hause, oder haben Sie nach der Arbeit dann genug davon?

Lehmann: Natürlich singen wir zu Hause. Wir singen bei unserer kleinen Abendandacht mit den Kindern, beim Tischgebet und natürlich auch zu besonderen Anlässen wie Weihnachten. Man kann nicht genug singen, das ist etwas Wunderschönes.

ZUR PERSON

Martin Lehmann

  1973 in Malchin (Mecklenburg-Vorpommern) geboren

  1983-1992 Sänger im Dresdner Kreuzchor, Zivildienst in Hamburg, Auslandsaufenthalt in Südamerika

  1995-2004 Studium an der Musikhochschule Dresden bei Prof. Hans-Christoph Rademann (Chorleitung) und GMD Georg Sandmann (Orchesterdirigieren); 2000 Rudolf-Mauersberger-Stipendium; Lehraufträge

  2001-2005 Leiter der Schola Cantorum Leipzig

  2005-2011 Leiter des Knabenchors Wuppertaler Kurrende

 

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Interview: Daniel Staffen-Quandt

 


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abgerufen 23.02.2012 - 04:21 Uhr

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