Ankunft, Aufnahme und Integration
Die Stadt Hof widmet dem Thema Flucht und Vertreibung eine exemplarische Museumsabteilung
Um das umstrittene Dokumentationszentrum der Stiftung »Zentrum gegen Vertreibungen« ist es still geworden. Jetzt nähert sich das Museum der Stadt Hof dem Thema Flucht und Vertreibung mit einem Konzept, das über reine Lokalgeschichte weit hinausreicht.
 Foto:
Lammel
 Vor gestapelten Holzkisten, in denen Vertriebene ihr sogenanntes »Aussiedlungsgut« transportierten, zeigt Museumsleiterin Stefanie Menke ein frühes Plakat der Hofer Symphoniker: Zu dem Orchester hatten sich kurz nach Kriegsende Musiker vorwiegend aus dem Sudetenland zusammengeschlossen.
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Es ist ein mannshoher Stapel hölzerner Kisten, der fast eine ganze Wand einnimmt. Ihre Besitzer brachten sie einst von Hinter Ehrnsdorf, Kuttelberg, Maidelberg oder Groß Waltersdorf nach Westen. Darin verstaut war »Aussiedlungsgut«, das die Menschen bei ihrer Zwangsumsiedlung aus dem Sudetenland mitnehmen durften. Die Wand aus Holzkisten - ein stummer und zugleich intensiver Auftakt für eine Begegnung mit einem bitteren Kapitel Zeitgeschichte, dem das Museum Bayerisches Vogtland in Hof jetzt einen neu geschaffenen und überraschend facettenreichen Schwerpunkt gewidmet hat.
Denn die Geschichte der »Flüchtlinge und Vertriebenen in Hof« - so der etwas sperrige Titel der 300 Quadratmeter großen und auf drei Etagen eingerichteten Abteilung - kann durchaus stellvertretend für viele andere Städte stehen, in denen Tausende heimatlos gewordener Menschen nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg einen neuen Anfang suchten. Im Hofer Stadtteil Moschendorf wurden bis Anfang der 1950er-Jahre rund zwei Millionen Flüchtlinge durch das größte der insgesamt vier bayerischen Grenzdurchgangslager geschleust - eine enorme Herausforderung für die Stadt, die 1939 knapp 45000 Einwohner gezählt hatte. Rund 15000 Vertriebene blieben als Neubürger in Hof, manche von ihnen gründeten florierende Betriebe wie den bekannten Verlag der Frisch-Wanderkarten.
Rund 400 Exponate hat die Historikerin und Kunstgeschichtlerin Stefanie Menke ausgewählt - aus etwa 2500 Objekten und Dokumenten, die sie seit Antritt ihrer Projektstelle im Herbst 2008 vor allem von Privatleuten erhalten hatte. Die persönlichen Schicksale, die sich mit vielen Stücken verbinden, machen die spezielle Qualität dieser Präsentation aus. Ein besonders anrührendes Beispiel: die Kleidung eines verstorbenen Buben - die Mutter wollte die Sachen bei ihrer Vertreibung aus Schlesien nicht zurücklassen. Auch wird ein winziges Zimmer mit originalem Inventar gezeigt, das zwei Schwestern seit ihrer Ankunft in Hof über Jahrzehnte unverändert bewohnten.
Vertieft wird das durch Videofilme, in denen Zeitzeugen von ihren Erlebnissen berichten; die Filme sind an mehreren Medienstationen abrufbar. Ohne einen solchen »biografischen Zugang«, weiß Stefanie Menke, könne ein so komplexes Thema praktisch nicht mehr für ein modernes Museum aufbereitet werden.
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Museum Bayerisches Vogtland
 Erinnerung auf Leinwand: Das gemalte Bild ihres verstorbenen Kindes brachte eine Mutter bei ihrer Vertreibung mit nach Hof.
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Menke und ihr wissenschaftlicher Beirat haben der - freilich naheliegenden - Versuchung widerstanden, das Themenfeld etwa auf weltweite Migrations- und Flüchtlingsproblematik auszuweiten. Umso eindrücklicher erweist sich in der konzentrierten Darstellung die Stadt Hof als exemplarischer Schauplatz von Ankunft, Aufnahme und Integration der Vertriebenen. »Das unterscheidet uns von vielen Heimatstuben, die oft nur eine Ansammlung von Erinnerungsstücken sind«, sagt Hofs Kulturreferent Peter Nürmberger. Als vermutlich erstes Museum in Bayern beleuchtet Hof nicht nur die Vorgeschichte jener Epoche, sondern auch deren spätere Rezeption: wie die »alte Heimat« nostalgisch verklärt wurde, wie sich eine Art »Heimweh-Industrie« entwickelte, welche Rolle die Heimatblätter der Landsmannschaften spielten oder wie Kino- und Fernsehfilme mit dem Thema umgingen.
Rund 2,5 Millionen Euro wurden in Erweiterung, Umbau und Neugestaltung des vor 30 Jahren eröffneten Museums investiert, »ausschließlich aus Stiftungsmitteln und öffentlichen Zuschüssen«, freut sich Peter Nürmberger - der notorisch klamme Haushalt der Stadt Hof wurde nicht belastet.
Gastredner bei der Eröffnungsfeier am 27. Januar ist der Autor und Kritiker Hellmut Karasek. Ab Samstag, 28. Januar, ist das Museum für alle Besucher geöffnet. Information: www.museum-hof.de
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