Widersprüchliche Gefühle
Sonntagsblatt-Sprechstunde
»Meine Mutter (62) hat es nicht leicht. Sie ist geschieden, lebt alleine, pflegt ihren alten Vater. Doch manchmal fühle ich mich, als wäre ich ihre Mutter…«
Meine Mutter (62) hat es nicht leicht. Sie ist geschieden, lebt alleine, pflegt ihren alten Vater.
Mein Problem ist, dass sie mit allen Schwierigkeiten zu mir kommt. Ich liebe sie und will ihr helfen. Aber allmählich schaffe ich es nicht mehr. Sie ruft jeden Tag an, beklagt sich über alles, will, dass ich komme, will mich aber nicht bitten, sondern ist gekränkt, wenn ich nicht von mir aus meine Hilfe anbiete.
Manchmal fühle ich mich, als wäre ich ihre Mutter… Wenn ich mit ihr darüber zu sprechen versuche, endet das immer in Streit. Ich lebe in einer guten Beziehung. Mein Mann überlegt, ob er eine neue Stelle annimmt. Das würde bedeuten, dass wir in die Schweiz ziehen. Ich freue mich darauf - aber mir graut davor, was passiert, wenn ich das meiner Mutter sage.
Frau K. (32)
Sie spüren, wie wichtig es ist, herauszufinden, was genau Sie für Ihre Mutter tun können und was nicht. Mein Eindruck, ist, dass Sie - mit Bedauern, aber deutlich - merken, dass Ihre Mutter einen anderen Weg als bisher finden muss, ihre Probleme zu lösen. Kein Kind kann und muss die Probleme der Eltern lösen. Aber angesichts der schwierigen Situation, die Sie schildern, braucht ihre Mutter unter Umständen Unterstützung, etwa durch eine Beratungsstelle, bei der pflegende Angehörige entlastet werden oder durch andere Menschen, mit denen sie reden kann.
Dass erwachsene Kinder sich von ihren Eltern trennen und ein neues Verhältnis zu ihnen finden, ist ein normaler Entwicklungsschritt, der aber auch eine Herausforderung für beide Seiten bedeutet.
Für Sie selbst scheinen mir drei Aspekte überlegenswert: Seien Sie sehr klar im Kontakt mit Ihrer Mutter. Das kann bedeuten, dass Sie ein Telefongespräch beenden, sobald aus einem gemeinsamen Gespräch einseitige Forderungen oder Streit werden. Sagen Sie Ihrer Mutter, dass Sie sich nicht von ihr manipulieren lassen werden (es ist zum Beispiel Manipulation, zu erwarten, dass jemand ungebeten Hilfe anbietet…). Diese Haltung braucht Willenskraft und wird zunächst auf großes Unverständnis stoßen. Sie machen dadurch aber deutlich, dass Sie sich selbst und Ihr Leben ernst nehmen. Die Distanz zu Ihrer Mutter braucht Raum und Ausdruck, aber die Liebe auch.
In einem Telefongespräch ist das oft schwer. Ihre Sprechstunden-Anfrage ist ja ein Brief. Schreiben Sie auch Ihrer Mutter einen Brief, in dem Sie beides formulieren: die Liebe, die Sie für sie empfinden und die in dem besorgten Blick auf ihre schwierige Lebenssituation deutlich wird - aber auch die Grenzen, die Sie um Ihrer selbst und um der Beziehung zu Ihrem Partner willen ziehen müssen. Beides ist kein Widerspruch, sondern gehört zusammen
Und gestehen Sie selbst sich die widersprüchlichen Gefühle zu, die Sie in Ihrem Brief formulieren: Frustration über über-fordernden Umgang Ihrer Mutter mit Ihnen, womöglich auch Trauer darüber, dass sie als Mutter so wenig für Sie da ist (und sich zum Beispiel mit Ihnen freut auf die Herausforderung des Ortswechsels). Aber auch Stolz darauf, dass es Ihnen gelungen ist, für sich selbst eine stabile Beziehung zu gestalten. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.
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