Todeskampf im Indischen Ozean
Vor 70 Jahren gingen 412 deutsche Zivilisten mit der »van Imhoff« unter. Sie durften nicht gerettet werden.
Nach einem Fliegerangriff sank am 19. Januar vor 70 Jahren vor der Küste Indonesiens die »Van Imhoff« - ein holländisches Schiff mit deutschen Kriegsgefangenen. An Bord waren auch 18 Steyler Missionare. Nur ein Einziger überlebte, Bruder Aloysius. Die Erlebnisse von damals ließen ihn nie mehr los, denn vorbeifahrende Schiffe verweigerten eine Rettung der wenigen Überlebenden.
 Foto:
sob
 Die »van Imhoff«.
|
Er war ein ruhiger Mann«, erzählt Helmut Thometzki über Bruder Aloysius, »er war nicht verbittert.« Thometzki lernte Bruder Aloysius 1970 kennen, als die Steyler Missionare auf der indonesischen Insel Timor eine Druckerei aufbauten. Abends, nach getaner Arbeit, kamen die beiden Missionare aus Deutschland oft ins Gespräch. »Wenn wir unter uns waren, dann hat er doch einiges erzählt.«
Immer wieder kam Aloysius auf die Ereignisse vom 19. Januar 1942 zu sprechen. Auf den Tag, als bei Sumatra die »van Imhoff« sank - ein nicht als Gefangenentransport gekennzeichneter holländischer Frachter mit knapp 500 deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen an Bord. Unter ihnen 18 Steyler Missionare. Unter ihnen Bruder Aloysius.
 Foto:
sob
 Bruder Aloysius.
|
»Zwei Drittel der Gefangenen waren damals im Zwischendeck eingepfercht, das nur ein Meter hoch war - sie konnten also nicht aufrecht stehen«, sagt Thometzki. »Und über 100 waren in einem zusammengezimmerten Drahtkäfig am Vorderdeck eingesperrt.«
Die Holländer wollten ihre Gefangenen außer Landes bringen, weil die japanischen Eroberer auf dem Vormarsch waren. Es war am dritten Reisetag um die Mittagszeit, als die »van Imhoff« mitten im indischen Ozean von einem japanischen Bomber in der Annahme angegriffen wurde, dass es sich um einen niederländischen Truppentransporter handle. Panik brach aus, das Schiff begann zu sinken. An Bord befanden sich 478 deutsche Zivilisten und eine Schiffsbesatzung von 110 Niederländern. Beim Sinken der »van Imhoff« ging die gesamte niederländische Mannschaft mitsamt Kapitän Hoeksema in die Rettungsboote. »Ganz entgegen den Gepflogenheiten bei der Marine war der Kapitän der Erste, der mit seinen Offizieren ins Rettungsboot stieg«, zitiert Thometzki aus den Erinnerungen von Pater Aloysius. »Die Boote konnten jeweils 60 Personen aufnehmen - die Holländer haben sie aber mit gerade 20 besetzt.« Den deutschen Zivilisten wurde dagegen unter Androhung der Erschießung verboten, ebenfalls in die Boote zu gehen.
Ein Teil der Gefangenen konnte von Bord gehen, weil ihnen ein Feldwebel noch schnell den Schlüssel zu ihrem Verschlag zugeworfen hatte. Die »van Imhoff« sank in einem gewaltigen Strudel und zog Hunderte mit sich. Einige Überlebende konnten sich auf zwei verbliebene kleine Boote und Flöße retten und wurden am nächsten Tag von einem Flugboot »Y-63« der niederländischen Marine gesichtet. Dieses rief den niederländischen Dampfer »Boelongan« zur Hilfe, der etwa um 9.20 Uhr beim ersten Rettungsboot eintraf. Als der Kapitän der Boelongan, M. L. Berveling, erfuhr, dass es sich bei den Schiffbrüchigen ausschließlich um deutsche Zivilinternierte handelte, ließ er abdrehen, ohne der Bitte um Trinkwasser und Verpflegung oder Aufnahme an Bord zu entsprechen.
Einige Minuten später wurden von der »Catalina« aus, die das Schiff vor Unterwasserangriffen schützen sollte, ein weiteres Rettungsboot, zwei Flöße und Schiffbrüchige im Wasser gesichtet. Gegen 10.40 Uhr war die »Boelongan«, die dorthin gelotst wurde, vor Ort, nahm aber wiederum keinen der Schiffbrüchigen an Bord. Die spätere Rechtfertigung des Kapitäns, er sei von einem japanischen Flugzeug angegriffen worden, deckte sich nicht mit Zeugenaussagen der Überlebenden im Rettungsboot und mit den Beobachtungen der Besatzung der »Y-63«.
Die Insassen der Boote trennten sich am 21. Januar 1942 von den Schiffbrüchigen auf den langsamen Flößen, in der Hoffnung, diesen später Hilfe schicken zu können. Erst am dritten Tag schafften es die Überlebenden aus eigener Kraft, die Palmeninsel Nias zu erreichen. Die traurige Bilanz: 412 der 478 Deutschen auf der »van Imhoff« kamen bei der Katastrophe ums Leben. Bruder Aloysius überlebte als Einziger der Steyler Missionare an Bord.
In den Niederlanden galten die Ereignisse rund um den Untergang der »van Imhoff« lange als Tabuthema. In der Nachkriegszeit stellte sich heraus, dass niederländische Marinedienststellen auf der Insel Sumatra die Kapitäne der Evakuierungsdampfer angewiesen hatten, deutsche Schiffbrüchige bewusst nicht zu retten. Eine deshalb von der niederländischen Justiz eingeleitete juristische Voruntersuchung des Falles wurde im Jahre 1956 mit der Begründung eingestellt, dass kein hinreichender Grund für einen Strafantrag zu finden sei.
»Das ist bis weit in die 60er und 70er Jahre verdrängt worden«, erinnert sich Helmut Thometzki. »In den späten 60er-Jahren kam es in Holland zu einem Prozess, den ein Überlebender aus Deutschland angestrengt hatte. Doch die Gerichtsbehörden sahen keinen Grund zur Anklage.«
Verfahren wurden verschleppt, Ermittlungen eingestellt. Bis heute bleiben die Ereignisse von damals ungesühnt. Bruder Aloysius, der 1994 im Alter von 85 Jahren starb, brauchte Jahre, um die Geschehnisse zu verarbeiten.
Als 1984 der entsprechende Band von Loe de Jongs »Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog« herauskam, wurde bekannt, dass 1964 eine Dokumentationssendung über den Vorfall produziert worden war. Der Sender VARA hat sie jedoch nicht ausgestrahlt, da man negative Reaktionen - nicht zuletzt aus Deutschland - befürchtete. Als der Regisseur Dick Verkijk 1984 das Aussenden seiner Dokumentation befürwortete, hieß es, die Sendung sei mittlerweile gelöscht worden. |
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |