Kein heiliger Rock
Warum Protestanten nicht zum »Heiligen Rock« nach Trier pilgern sollten
Kommentar von
Helmut Frank
Viele Protestanten in Deutschland dürfte das irritieren: Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat die evangelischen Christen zur Teilnahme an der Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier zwischen 13. April und 13. Mai ermutigt. Seine Begründung: Auch unter Protestanten gewinne Pilgern an Bedeutung.
Wer gerne auf dem Jakobsweg wandert, muss sich nun also angesprochen fühlen und ist vom EKD-Chef eingeladen, dem heiligen Rock zu huldigen, einer katholischen Reliquie, deren Echtheit höchst fraglich ist. Zumal der Trierer Kult keinen Anspruch auf Exklusivität erheben kann: Rom, Jerusalem, Moskau, Santiago, Oviedo, Gent, London, Mainz, Köln, Frankfurt, Bremen und Loccum haben zu irgendeinem Zeitpunkt einmal behauptet, sie besäßen den Leibrock Christi. »Bescheyßerei zu Trier« hatte Luther die Wallfahrt noch genannt, den »Teufelsmarkt zu Trier« ein »verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel«.
Nach dem Johannesevangelium wurde ein Teil der Gewänder Jesu nach dessen Kreuzigung verteilt. Der Leibrock jedoch wurde unter den Soldaten verlost, da er für eine Zerteilung zu kostbar erschien, denn er war »ohne Naht«. Einer Legende nach soll Helena, die Mutter Konstantins des Großen, den Heiligen Rock nach Trier gebracht haben. Genaues weiß man nicht, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1196, als Erzbischof Johann I. den Hochaltar im damals neu errichteten Ostchor des Trierer Domes weihte und die Reliquie darin einschloss. Die Urkunde ist immerhin etwas älter als die der Sandalen Christi, welche sich im Besitz der nahen Abtei Prüm befinden.
Die öffentliche Rock-Schau begann im Jahr 1512, zu Luthers Zeiten wurde der Rock alle sieben Jahre gezeigt. Der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus nahm die Reliquie mit nach Augsburg, sie kehrte erst 1810 wieder nach Trier zurück. Danach erreichte die Verehrung einen Höhepunkt. Im Jahr 1810 wurde der Heilige Rock anlässlich seiner Rückführung aus Augsburg 18 Tage lang ausgestellt und von über 220.000 Pilgern besichtigt. Zur Trierer Wallfahrt von 1844 kamen über eine Million Pilger. Es gab aber auch eine Gegenbewegung. Otto von Corvin schrieb sein antiklerikales Buch Pfaffenspiegel, der Priester Johannes Ronge prangerte in einem Protestbrief an den Bischof von Trier den »Götzendienst« an. Ronge wurde exkommuniziert. 1996 waren es rund 700.000, seither gibt es jährlich »Heilig-Rock-Tage«.
Ökumene kann nicht darin bestehen, dass man nun religiöse Praktiken empfiehlt, die von den Reformatoren zu Recht verworfen wurden. Wer nach Trier fährt, sollte dies nicht als Pilger tun, denn Christus hat sich gewiss nicht in einem Stück Textil verewigt.
Mehr Sinn macht die nun bereits vielfach ausgesprochene Einladung, das Reformationsjubiläum 2017 zusammen mit der römisch-katholischen Kirche zu feiern und sich die reformatorischen Erkenntnisse zu vergegenwärtigen. Aber da steht eine Antwort immer noch aus. | »HEILIGER ROCK«
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