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Dieser Artikel: Ausgabe 04/2012 vom 22.01.2012
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»Wir müssen miteinander reden«

Guy Elhanans Schwester wurde von einem Palästinenser getötet. Er will keine Rache

Von Andreas Boueke

Ein palästinensischer Selbstmordattentäter hat Guy Elhanans Schwester in den Tod gerissen. Trotzdem kämpft er mit seiner Familie für die Aussöhnung mit den Palästinensern.

Guy Elhanan im Raum seiner Theaterklasse.
Foto: Boueke
   Guy Elhanan im Raum seiner Theaterklasse.

        

Freitagnachmittag im israelischen Hörfunk. Guy Elhanan moderiert seine kontroverse Talkshow mit dem arabischen Titel »Netuley Harta«, was übersetzt heißt »Kein Müll«. Es geht um das Mit- und Gegeneinander von Juden und Arabern in Israel, Gaza und im Westjordanland. Guys Gesprächspartner heute ist Aziz Abu Sarah, ein palästinensischer Journalist. Noch vor wenigen Jahren wäre Abu Sarah nicht einmal auf die Idee gekommen, mit einem jüdischen Moderator im Radio zu sprechen. »Ich war sehr aktiv in der Anti-Friedensbewegung«, erzählt er. Als 13-Jähriger hatte er sich der palästinensischen Partei Fatah angeschlossen. »Damals habe ich geschrieben, dass Israel ein terroristisches Land ist, mit dessen Bürgern wir nie reden oder mit ihnen Kompromisse eingehen dürfen. Mit diesem Denken bin ich aufgewachsen.« Den Umstand, dass er jetzt in der Sendung von Guy zu Gast ist, sieht er als Beleg für eine große Veränderung in seinem Leben.

Guy Elhanan ist 37 Jahre alt. Seine Eltern, sein Onkel und sein älterer Bruder sind alle bekannte israelische Friedensaktivisten, die sich um eine Aussöhnung mit den Palästinensern bemühen. Von militanten rechten Israelis werden sie auf einschlägigen Seiten des World Wide Web mit Kübeln der Verachtung überschüttet.

Guy hatte auch eine Schwester, Smadar. Sie wurde 1997 getötet, als sich zwei palästinensische Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt haben. Am Tag der Beerdigung forderte die trauernde Mutter alle Anwesenden zur Aussöhnung mit den Palästinensern auf. Sie sagte, die israelische Besatzungspolitik sei verantwortlich für den Tod ihrer Tochter. Das war ein Affront, mit dem sie viele ihrer Freunde vor den Kopf stieß. Die waren zum Begräbnis gekommen, um ihr Beileid auszusprechen, aber auch, um öffentlich Vergeltung und Genugtuung zu fordern.

Guy wohnt in Motza, einem Stadtteil wohlhabender jüdischer Familien in den westlichen Hügeln Jerusalems. Neben der Eingangstür des Hauses seiner Eltern hängt ein Schild mit dem Namen der Familie Elhanan. Darüber ist ein bunter Aufkleber angebracht, auf dem vier englische Worte stehen: »Free Palestine from occupation.« - Befreit Palästina von der Besatzung. Dass eine jüdische Familie in Israel eine so deutliche Sympathiebekundung für die Sache der Palästinenser abgibt, ist ungewöhnlich. Unter den meisten israelischen Juden gilt dieser Satz als linksradikal, wenn nicht gar als Aufruf zum Terrorismus.

Das Arbeitszimmer von Guys Vater ist voller Bücher. An der Wand hängen schwarzweiße Fotos in alten Bilderrahmen. Guy deutet auf ein Bild. »Der Mann dort ist mein Großvater, Matti Pelet. Er war General im Krieg von 1967. Damals war Israel militärisch sehr erfolgreich. Danach hat er seine Ansichten geändert und wurde ein militanter Friedensstifter. Er hat die erste arabisch-jüdische Partei mitgegründet und wurde Abgeordneter in der Knesset. Später hat er arabische Literatur übersetzt.«

Guy ist schlank, aber nicht schlaksig. Er trägt einen Vollbart. Offenbar ist schon länger kein Kamm mehr durch sein braunes Haar geglitten. Er sagt, politische Inhalte seien ihm wichtiger als Äußerlichkeiten und Ordnung. Das war schon so, als er noch ganz klein war. »Ich kann mich erinnern, wie ich als Siebenjähriger auf Demonstrationen zu Rabin, dem damaligen Verteidigungsminister, geschrien habe. Es gab da dieses Lied: 'Rabin, Rabin, wie viele Hände hast Du heute gebrochen?' Von ihm stammte die Anordnung, Kindern, die Steine werfen, die Hände zu zerbrechen.«

Ein Soldat bewacht eine jüdische Siedlung im Westjordanland.
Foto: Boueke
   Ein Soldat bewacht eine jüdische Siedlung im Westjordanland.

        

Eigentlich aber, sagt Guy, habe er eine behütete Kindheit gehabt, abgeschottet von den sozialen Unruhen jener Zeit. Auch seine Jugend sei nicht wirklich anders verlaufen als die der meisten jungen Juden in Israel während der Achtziger- und Neunzigerjahre. Seine kleine Schwester Smadar war damals eine seiner wichtigsten Bezugspersonen. »Wir waren uns sehr nah. Ich kam gerade aus der Pubertät raus, als sie reinkam. Wir haben viele neue Erfahrungen miteinander geteilt, die erste Liebe, küssen. Über solche Sachen haben wir gesprochen. Es war die Zeit, in der Geschwister wieder zueinanderfinden, nachdem sie sich lange Zeit über angemuffelt haben.« Die Geschwisterbeziehung wurde abrupt zerstört. Smadar war 14 Jahre alt, als sie starb. »Wir waren vier Geschwister. Jetzt gibt es nur noch uns drei Jungs. Sie war das einzige Mädchen. Es passierte auf ihrem Schulweg. Sie starb zusammen mit fünf weiteren Zivilisten. Ich habe oft über die beiden Selbstmordattentäter nachgedacht. Sie stammten aus einer Familie vom Land, geradezu das Klischee einer palästinensischen Familie, patriarchal und all das. Ich habe die Trauer in den Augen ihrer Mütter gesehen. Es sah genauso aus wie bei meiner Mutter. Sie haben denselben Schock erlebt.«

Kurz vor Smadars Tod hatte Guy seine Militärzeit begonnen. Wie jeder junge Israeli musste er drei Jahre lang Dienst in Uniform leisten. »Am Ende meines Militärdienstes bin ich praktisch aus dem Land gerannt und kam sechs Jahre lang nicht zurück. Auf der einen Seite musste ich lernen, mit dem Trauma umzugehen. Auf der anderen Seite musste ich mich mit der Realität in Israel auseinandersetzen, die immer blutiger und tödlicher wurde.«

Zu der Zeit war die sogenannte Zweite Intifada ausgebrochen, ein Volksaufstand der Palästinenser, in dessen Verlauf über tausend Israelis und etwa dreimal so viele Palästinenser umgekommen sind. Guy meint, seither würden die beiden Gruppen noch abgeschotteter voneinander leben als zuvor.

Die Tür geht auf. Guys Vater kommt he­rein, Rami Elhanan. Er ruft seinen Sohn zum Abendessen. Am Tisch diskutiert die ganze Familie über die israelische Besatzungspolitik. Rami Elhanan meint, man könne die Gegenwart nicht verstehen, wenn man nicht auch die Erfahrung der Juden während des Dritten Reichs in Betracht zieht: »Die Erinnerung an den Holocaust ist ein zentrales Thema für unsere Identität, für unser Verhalten. In meinem Fall stecken die Gefühle so tief, dass ich keine Kontrolle über sie habe. Ich halte oft Vorträge vor deutschen Gruppen. Deshalb bin ich schon häufig nach Deutschland eingeladen worden. Aber es ist mir unmöglich, in dieses Land zu reisen.« Rami Elhanan kann es schon nicht ertragen, die deutsche Sprache zu hören. Sein Vater war ein Jahr lang in Auschwitz, er hat kurz vor der Befreiung an einem Todesmarsch teilgenommen und dort die meisten seiner Onkel und Tanten verloren.

»Ein Kind zu verlieren ist wie ein persönlicher Holocaust«, sagt er. »Du versuchst jeden Morgen, einen Grund zu finden, um aus dem Bett zu kommen und weiterzuleben. Du suchst ein neues Ziel für dein Leben.« Das entscheidende Erlebnis für ihn war es, trauernde palästinensische Familienangehörige von Opfern des Konflikts kennenzulernen. »Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich mit solchen Leuten nie zuvor gesprochen hatte, obwohl ich mein ganzes Leben lang neben ihnen gewohnt habe. Ich bin nie über die Linie gegangen, die uns voneinander trennt.« Von diesem Moment an, sagte er, habe er sein Leben der Aufgabe gewidmet, überall hinzugehen und zu sagen, »dass wir nicht verloren sind«. Er ist überzeugt, dass Israelis und Palästinenser ihr Schicksal ändern können, indem sie miteinander sprechen. Die Lösung sieht er nicht zuerst im Vergeben oder Vergessen, sondern im Reden - mit Palästinensern, mit Deutschen, mit Siedlern, mit Gegnern des Zionismus, mit Zionisten. »Wir müssen miteinander reden.«

»Hier werden ständig Menschen getötet«

Seit dem Tod seiner Tochter hat Rami Elhanan viele Details über den harten Alltag der Palästinenser unter der israelischen Besatzung erfahren. Sie fühlen sich eingesperrt in ihren Dörfern, die sie nicht verlassen dürfen. Sie werden von jungen israelischen Soldaten schikaniert. Jeder Versuch des Aufbegehrens ist lebensgefährlich. Jüdische Siedler nehmen ihnen ihr Land weg. Die Besatzer bauen eine Mauer mit Wachtürmen.

Früher hat sich Rami Elhanan nie wirklich dafür interessiert, was das alles für die Palästinenser bedeutet. Seine Frau Nurit Pelet meint, es gebe viele Parallelen zwischen dem deutschen Faschismus und der Situation in den besetzten Gebieten. Sie hat keine Skrupel, die Verbrechen der Nazis mit der Politik ihrer Regierung zu vergleichen. »Über den Faschismus habe ich gelesen, was ich lesen musste. Ich wollte immer wissen, wie es sein kann, dass Menschen so etwas tun. Aber jetzt stelle ich mir dieselbe Frage über die Israelis. Wie ist es möglich, dass jüdische Jungen und Mädchen zu Monstern werden, sobald sie eine Uniform tragen? Dieselbe Frage über Nazi-Deutschland, die sich die Menschen immer wieder gefragt haben, stellt sich heute über Israel. Diese furchtbaren Dinge, die unsere jungen Soldaten palästinensischen Kindern antun, zeigen uns, dass die Nazis nicht abartige Wesen waren. Es ist sehr leicht, Nazi zu werden.«

Nurit Pelet ist stolz auf ihren Sohn Guy, aber sie macht sich auch Sorgen. »Ich denke, er sucht noch seinen Platz in dieser Welt. Er glaubt, dass er etwas ändern kann. Das ist ihm sehr wichtig. Er will ein Sohn dieses Landes sein. Und dieses Land ist Palästina.«

Man könnte meinen, dass Nurit Pelet als Mutter und jetzt als Großmutter froh darüber sei, dass Guy wieder in ihrer Nähe wohnt. Ist sie aber nicht. »Hier werden ständig Menschen getötet. Kinder werden ermordet. Das Leben ist gefährlich. In einem südfranzösischen Dorf wäre Smadar nicht ermordet worden. Ich hätte sie dorthin bringen sollen, aber ich habe es nicht getan.«

Guy weiß, dass seine Mutter sich Vorwürfe macht und auch, dass sie nicht wirklich froh ist über seine Rückkehr nach Israel: »Ich habe sechs Jahre lang in Frankreich gelebt und hätte bleiben können. Ich weiß noch, wie ich dachte: 'Ja, meine Mutter hat recht.' Aber da war noch etwas anderes, Starkes. Das habe ich in die Waagschale geworfen. Zu der Zeit war dieser Apartheid-Staat Israel in einer so schlimmen Verfassung wie nie zuvor. Die Zahl der Toten war extrem hoch. Aber hätte ich mich entschieden, in Europa zu bleiben, dann hätte ich mein Land abgeschrieben. Ich hätte es den Fanatikern überlassen. Ich bin zurückgekommen, und das bedeutet, dass ich noch immer Hoffnung habe, dass ich noch immer an das glaube, was so viele Menschen hier tun, um die Lage zu ändern.«

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abgerufen 23.02.2012 - 04:24 Uhr

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