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Dieser Artikel: Ausgabe 47/2011 vom 20.11.2011
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Einüben ins Loslassen

Praxis des Glaubens Teil 24: ars moriendi - Die Kunst des Sterbens

Von Andreas Ebert

Zu den weithin vergessenen geistlichen Übungen gehört die spirituelle Vorbereitung auf den Tod. Die Verdrängung von Sterben und Tod gehört zu den Kennzeichen der »aufgeklärten« westlichen Welt, für deren Machbarkeitsfantasien die Endlichkeit des menschlichen Daseins eine Art Beleidigung ist. Dabei gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und die Begleitung Sterbender zum Kernbestand aller Religionen und seriösen spirituellen Wege.

Die Kunst des Sterbens ist immer auch die Kunst des Loslassens.
Foto: wodicka
   Die Kunst des Sterbens ist immer auch die Kunst des Loslassens.

        

Das »Ägyptische Totenbuch« aus dem 3. Jahrtausend vor Christus behandelte vor allem das Leben nach dem Tod, das göttliche Gericht, das ewige Leben. Es war zunächst nur den Pharaonen zugänglich und sollte sie zu einem tugendhaften Leben angesichts der Sterblichkeit motivieren. Der Beter von Psalm 90 bittet Gott: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden«. Das »Tibetische Totenbuch«, eine buddhistische Schrift aus dem 8. Jahrhundert, enthält Unterweisungen über den Prozess des Sterbens und die Reinkarnation. Dabei geht es darum, wie man dem als heillos empfundenen Kreislauf der Wiedergeburten entrinnen und das »Nirwana«, den Zustand völligen Friedens, erlangen kann.

Im Mittelalter gab es zahlreiche Erbauungsschriften, die die »Ars Moriendi«, die »Kunst des Sterbens« zum Inhalt hatten. Seuchen und die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit zwangen die Menschen damals, sich frühzeitig mit dem Tod auseinanderzusetzen. Die verbreitete Höllenangst kam hinzu. »Gutes« Sterben war Vorbereitung auf ein »seliges« Ende. Dazu gehörten vor allem Beichte und Absolution sowie der Empfang der Sterbesakramente. In »Todsünden« zu sterben galt als sicherer Weg in die Hölle.

LUTHERS »SERMON«: Martin Luther hat 1517, in der Frühphase der Reformation, eine wunderbare kleine Schrift zu diesem Thema verfasst, die sich deutlich von ihren katholischen Vorgängern absetzt und wirklichen Trost angesichts der Todesschrecken und der Sterbeangst vermitteln will. Sein »Sermon von der Bereitung zum Sterben« zeigt den jungen Luther als einfühlsamen Seelsorger, der zugleich mit beiden Beinen nüchtern auf der Erde steht.

In 20 kurzen Abschnitten beleuchtet der Reformator die sachlichen und geistlichen Aspekte des Sterbeprozesses. Am Anfang steht die Einladung, seinen Nachlass zu ordnen und das eigene Haus zu bestellen: »Das ist ein leiblicher oder äußerlicher Abschied von dieser Welt; hier wird Hab und Gut entlassen und verabschiedet.« Zum »geistlichen Abschied« gehört vor allem die Bereitschaft, seinen Mitmenschen zu vergeben und von ihnen Vergebung zu erbitten, um versöhnt die irdische Welt zu verlassen.

Das Wesentliche ist aber dann die Ausrichtung auf Gott. Im dritten Abschnitt schildert Luther diese Hinwendung: »Wenn man so jedermann auf Erden Abschied gegeben hat, dann soll man sich allein auf Gott richten. Denn dorthin wendet sich und führt uns auch der Weg des Sterbens. Und zwar fängt hier die enge Pforte an, der schmale Pfad zum Leben; darauf muss sich jeder fröhlich wagen. Denn er ist wohl sehr enge, aber er ist nicht lang; es geht hier zu, wie wenn ein Kind aus der kleinen Wohnung in seiner Mutter Leib mit Gefahr und Ängsten hineingeboren wird in diesen weiten Raum von Himmel und Erde, das heißt auf diese Welt: Ebenso geht der Mensch durch die enge Pforte des Todes aus diesem Leben, und obwohl der Himmel und die Welt, worin wir jetzt leben, für groß und weit angesehen wird, so ist es doch alles gegenüber dem zukünftigen Himmel viel enger und kleiner, als es der Mutter Leib gegenüber diesem Himmel ist... Aber der enge Gang des Todes bewirkt, dass uns dieses Leben weit und jenes eng vorkommt. Darum muss man es glauben und an der leiblichen Geburt eines Kindes es lernen... Ebenso muss man sich auch beim Sterben der Angst entschlagen und wissen, dass nachher ein großer Raum und Freude da sein wird.«

Ganz anders malt Luther nicht den Teufel und die Hölle an die Wand, sondern vergleicht das Sterben mit dem Geburtsvorgang, der aus der Enge und durch die Enge hindurch in eine große Weite führt. Auch Luther empfiehlt angesichts des Todes Beichte und Sakramentsempfang; aber er widerspricht der bedrohlichen Auffassung, dass der Mensch ohne diese Heilsmittel verloren sei: »Man beichte aufrichtig... und sorge für die heiligen christlichen Sakramente des Leibes Christi und der Ölung, begehre sie andächtig und empfange sie mit großer Zuversicht, wenn man sie bekommen kann. Ist das aber nicht der Fall, so soll einem nichtsdestoweniger auch schon das Verlangen und Begehren nach ihnen zum Troste gereichen, und man soll nicht zu sehr darüber erschrecken. Christus spricht: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt; dann sind auch die Sakramente nichts anderes als Zeichen, die zum Glauben dienen und reizen, und ohne diesen Glauben sind sie nichts nütze.«

Den eigenen Tod meditieren

Luther warnt ferner davor, angesichts des Sterbens Schuldgefühlen zu viel Raum zu geben: »Die Sünde wächst und vergrößert sich ebenfalls dadurch, dass man sie zu viel ansieht und ihr zu tief nachdenkt; dazu trägt die Furchtsamkeit unseres Gewissens bei, das sich selbst vor Gott schämt und sich schreckliche Vorwürfe macht. Damit hat dann der Teufel ein Schwitzbad gefunden, wie er es gesucht hat: Da bedrängt er einen; da macht er die Sünden so viel und groß... So verkehrt uns der böse Geist alle Dinge: Im Leben, wo wir des Todes, der Sünde und der Hölle Bild stetig vor Augen haben sollten, da tut er uns die Augen zu und verbirgt uns jene Bilder; im Sterben, wo wir nur das Leben, Gnade und Seligkeit vor Augen haben sollten, tut er uns dann erst die Augen dafür auf und ängstigt uns mit den zur Unzeit kommenden Bildern, damit wir die rechten Bilder nicht sehen sollen.«

Luthers wunderbare Schrift endet schließlich mit dem Gnadenbild Christi: »Nun sieh, was soll dir dein Gott mehr tun, damit du den Tod willig annimmst, nicht fürchtest und überwindest? Er zeigt und gibt dir in Christus das Bild des Lebens, der Gnade und der Seligkeit, damit du dich nicht vor dem Bild des Todes, der Sünde und der Hölle entsetzest. Er legt weiter deinen Tod, deine Sünde und die Hölle auf seinen liebsten Sohn, überwindet sie für dich und macht sie unschädlich für dich... Was kann oder soll er mehr tun?... Man darf sich nicht so sehr vor dem Tode fürchten: Man muss allein Seine Gnade preisen und lieben. Denn die Liebe und das Loben erleichtern das Sterben gar sehr. Dazu helfe uns Gott! Amen.«

Im vergangenen Jahr begleitete ich eine krebskranke Frau im Hospiz. Ich gab ihr die Schrift Luthers als Lektüre. Da zeigte sich, dass dieser Text noch heute, fast 500 Jahre nach seiner Entstehung, tragen und trösten kann. Die Frau erzählte mir, wie gut er ihr getan habe. Wenig später starb sie nach dem Empfang des Abendmahls in großem Frieden.

Als junger Pfarrer hatte ich ein eindrückliches Erlebnis. Ich hatte einen Mönch aus Münsterschwarzach eingeladen, um mit jungen Leuten aus der Gemeinde Meditation zu üben. Zu meinem Schrecken forderte uns der Ordensmann gleich zu Beginn auf, uns auf den Boden zu legen - und in der Fantasie das eigene Sterben zu durchleben. Diese Aufforderung machte mir Angst. Aber dann ließ ich mich darauf ein. Zunächst sollten wir uns vorstellen, wir seien krank und der Arzt teile uns mit, wir hätten nur noch kurze Zeit zu leben. Wir sollten uns auf die Gefühle einlassen, die diese Mitteilung auslöst. Dann sollten wir überlegen, was wir noch ordnen wollen, wen wir noch einmal sehen wollen, mit wem wir uns versöhnen müssen. Schließlich meditierten wir unsere letzte Stunde, wie sich das Leben und die Welt zurückzieht von uns, wie wir einschlafen. Aber damit nicht genug. Wir sollten vor unserem inneren Auge der eigenen Beerdigung beiwohnen, in die Erde versenkt werden. Und schließlich bat er uns, den Himmel zu meditieren, zu sehen, was uns nach dem Tod erwartet.

Loslassen tut gut

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich während der Meditation - sie dauerte sicher eine ganze Stunde lang - keinerlei Angst. Beim Austausch stellte sich heraus, dass es auch den Jugendlichen ähnlich gegangen war. Das Sterben verlor seine Schrecken, sobald wir uns zumuteten, ihm tatsächlich und konkret nachzuspüren. Als ich später Menschen ausbildete, die Sterbende begleiten, haben wir regelmäßig diese Meditation angeboten. Die Erfahrungen glichen sich. Das eigene Sterben bedenken in einem geschützten Rahmen - das macht nicht nur »klug«, sondern das kann auch sehr tröstlich sein.

Loslassen tut gut. Wandel und Wachstum sind nur möglich, wenn wir das Loslassen einüben. Das beginnt lange vor dem leiblichen Tod. Jede Trennung, jeder Abschied, jede bewusste Entscheidung im Leben - sie alle sind auch ein Einüben in das große Loslassen, das der irdische Tod von uns fordert. Unser Tod ist das Einzige, was sicher ist im Leben. Es lohnt sich, ihn zu bedenken - und vielleicht sogar Freundschaft mit ihm zu schließen wie Franz von Assisi, der in seinem Sonnengesang auch den »Bruder Tod« als Boten Gottes preist.

 

Andreas Ebert

 

 

  ANDREAS EBERT (59) ist evangelischer Pfarrer, Buchautor und Leiter des Spirituellen Zentrums Sankt Martin in München.

 

  BUCHTIPPS: Placidus Berger, Die Kunst des Lebens und des Sterbens, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 159 Seiten, 8,90 Euro. ISBN 978-3-89680-576-8

  Klaus Arntz (Hg.), Ars Moriendi: Sterben als geistliche Aufgabe, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 192 Seiten, 9,50 Euro. ISBN 978-3-7917-2112-5

 

  Leserservice: Diese Bücher sind erhältlich bei der Claudius Versandbuchhandlung, Tel. (089) 12172-119.

PRAXIS-TIPPS

  Man kann nie früh genug damit beginnen, ein Testament zu machen und seinen Nachlass zu ordnen.

  Ein selbst verfasster Lebenslauf und eine Wunschliste für die eigene Bestattung unterstützen die Hinterbliebenen bei der Gestaltung der Trauerfeier.

  Das Gespräch über Krankheit, Sterben und Tod im Familien- und Freundeskreis entreißt die »letzten Dinge« der unheilvollen Verdrängung, die in unserer Gesellschaft weitgehend üblich ist.

  Die Frage, mit wem ich noch nicht versöhnt bin, kann mich dazu führen, vergangene Verstrickungen aufzuarbeiten.

  Das regelmäßige Gebet für Verstorbene und für ein »gutes« eigenes Sterben können dem Tod den Schrecken nehmen.

LITERATUR

  Placidus Berger, Die Kunst des Lebens und des Sterbens, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 159 Seiten, 8,90 Euro. ISBN 978-3-89680-576-8

  Klaus Arntz (Hg.), Ars Moriendi: Sterben als geistliche Aufgabe, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 192 Seiten, 9,50 Euro. ISBN 978-3-7917-2112-5

 

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abgerufen 18.05.2012 - 15:25 Uhr

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