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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2011 vom 05.06.2011
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Was würde Jesus tun?

Glaubenskurs Teil 53: Shane Claibornes Experimente der Nächstenliebe

Von Andreas Ebert

Wie lebt man als Christ? Diese Frage führte Shane Claiborne auf ungewöhnliche Wege. Seine »Bekehrung zur radikalen Nachfolge« ruinierte seine beruflichen Pläne, führte ihn in die Slums von Kalkutta, in die Innenstadtghettos der Wohlstandsgesellschaft und als Friedensaktivist nach Bagdad. Claiborne ist ein »Extremist der Nächstenliebe«.

Während des US-Präsidentschaftswahlkampfes tourte Claiborne mit einem alten Bus durch die USA und warb für »Jesus for President«.
Foto: sob
   Während des US-Präsidentschaftswahlkampfes tourte Claiborne mit einem alten Bus durch die USA und warb für »Jesus for President«.

        

.Was kann geschehen, wenn ein junger Christ aus den erzkonservativen und »bibelgäubigen« US-amerikanischen Südstaaten anfängt, die Bibel wirklich ernst zu nehmen? Wenn er nicht nur fragt, wie das Christentum die Welt dogmatisch erklärt, sondern wie man heute Jesus nachfolgen kann, ganz praktisch? Wenn es ihm nicht reicht, sonntags zur Kirche zu gehen und ein paar moralische Regeln zu befolgen? Wenn er zu ahnen beginnt, dass die Botschaft Jesu radikaler und weltverändernder ist als alle politischen Ideologien zusammen?

   »Dem Evangelium geht es nicht darum, wie wir nach oben kommen, wenn wir mal tot sind, sondern darum, dass das Reich Gottes nach unten kommt.«
Shane Claiborne

Shane Claiborne, Jahrgang 1975, wächst im Bundesstaat Tennessee auf. In seiner Jugend gibt es dort eine große missionarische Kampagne unter dem Motto: »What would Jesus do?« (Was würde Jesus tun?). Armbänder, Autoaufkleber, T-Shirts und sogar goldene Krawattennadeln mit den vier Anfangsbuchstaben der Frage sind unübersehbar - überall: WWJD. Diese Frage gräbt sich tief ins Herz des jungen Mannes und lässt ihn nicht los. Er macht sich auf die Suche nach einem Leben, das Jesus ernsthaft nachfolgt. Was würde Jesus tun?

Seine Suche führt ihn für zehn Wochen nach Kalkutta. Er lebt und arbeitet dort mit Mutter Teresa und ihren Schwestern der Nächstenliebe, pflegt Kranke, begleitet Sterbende. In den Gesichtern der Armen, die allesamt keine gläubigen Christen sind, entdeckt er Jesus, der gesagt hat: »Was ihr einem der Geringsten gean habt, das habt ihr mir getan«. Während des Irakkriegs verbringt er drei Wochen in Bagdad. Er erlebt hautnah die US-amerikanischen Bombardements, besucht Verwundete und betroffene Familien. Was würde Jesus tun?

»Es wäre schwierig für mich, mich am Himmel zu freuen, wenn du fehlst«: Shane Claiborne.
Foto: sob
   »Es wäre schwierig für mich, mich am Himmel zu freuen, wenn du fehlst«: Shane Claiborne.

        

Heute lebt Shane Claiborne mit Gleichgesinnten in einem heruntergekommenen Stadtteil von Philadelphia (»The Simple Way Community« - Gemeinschaft des einfachen Weges). 2007 zerstört der Brand eines gegenüberliegenden Kaufhauses auch das Gemeinschaftszentrum, in dem Shane wohnt. Er verliert auf einen Schlag all seinen materiellen Besitz. Mit vielen anderen baut er die betroffene Nachbarschaft wieder auf.

Theologisch ist Shane Claiborne geprägt und beeindruckt vom frühen Mönchtum. Im 4. nachchristlichen Jahrhundert verließen Abertausende junger Menschen die Metropen des spätrömischen Reichs, um in den Wüsten Syriens und Ägyptens Gott zu suchen. Shane findet »seine« Wüste in den sozialen Brennpunktvierteln moderner Großstädte. Er verfolgt die Idee eines »neuen Mönchtums«, das Gemeinschaften bildet, die aus Familien bestehen und aus freiwillig zölibatär Lebenden. Sie leben solidarisch unter denen, die an der kapitalistischen Gesellschaft gescheitert sind, und bezeugen so die Liebe Gottes Tag für Tag. Selbst meinte Shane Claiborne bis vor Kurzem, zu einem ehelosen Leben berufen zu sein. Aber dann holte ihn die Liebe ein: Am 7. Mai dieses Jahres gab er seiner langjährigen Freundin Katie Joe Brotherton das Jawort.

Die alte WWJD-Frage stellt er immer wieder neu und radikal: Welche Ausgaben würde Jesus im Staatshaushalt kürzen? Er kann sich keinen Jesus vorstellen, der in Hochrüstung investiert, den Reichen Steuern kürzt und die Armen im Stich lässt. Oder er fragt: Wen würde Jesus bombardieren? Ihm ist es unverständlich, dass Menschen mit dem WWJD-Button am Revers keinerlei Problem damit haben, im »Krieg gegen den Terror« unzählige Männer, Frauen und Kinder zu töten.

Kein Wunder, dass Shane Claiborne Widerspruch und Widerstand erfährt, insbesondere von evangelikalen Mitchristen, denen es offenbar leicht fällt, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit, die Todesstrafe oder Offensivkriege mit ihrem Glauben zu vereinbaren. Für Claiborne hingegen ist es klar, dass der Glaube radikale gesellschaftliche und politische Konsequenzen hat. »Beten und Tun des Gerechten« hat Dietrich Bonhoeffer die Doppelberufung aller Christen genannt. Gebet und Engagement sind es auch, die das Leben Shane Claibornes und seiner Gemeinschaft prägen.

Claiborne (links) mit Mitbewohnern seiner »Gemeinschaft des einfachen Wegs« in Philadelphia.
Foto: sob
   Claiborne (links) mit Mitbewohnern seiner »Gemeinschaft des einfachen Wegs« in Philadelphia.

        

Das amerikanische Hochglanzmagazin Esquire bat ihn vor einigen Jahren, einen Brief an Nichtgläubige zu verfassen. Er wählte die Überschrift: »Und was, wenn Jesus das alles ernst gemeint hat?« In dem offenen Brief führt Shane unter anderem aus:

»Ich muss mit einem Bekenntnis beginnen. Der größte Stolperstein auf dem Weg zu Gott sind häufig Christen, die mit dem Mund eine Menge zu sagen haben, aber mit ihrem Leben so wenig zeigen. Vergeben Sie uns bitte die haarsträubenden Dinge, die wir Christen im Namen Gottes getan haben...

Je länger ich mich in die Bibel und das Leben Jesu vertiefe, desto überzeugter bin ich, dass der Glaube nicht durch Druck und Gewalt verbreitet werden kann, sondern nur durch Faszination. Aber unser Christentum fasziniert wenig. Gandhi wurde einmal gefragt, ob er Christ sei. Er hat sinngemäß geantwortet, er liebe Jesus, aber die Christen schienen ihm Christus so furchtbar unähnlich zu sein...

Ich schlage Ihnen vor, davon auszugehen, dass fanatische Fernsehprediger unrecht haben - und dass Gott tatsächlich Liebe ist! Vielleicht sind ja die Früchte des Geistes Gottes tatsächlich so wunderbare Dinge wie Friede, Geduld, Freundlichkeit, Freude, Liebe und Güte - und nicht jene hässlichen Dinge, die mit Religion so oft verbunden werden...

Ich habe mein Leben Jesus nicht anvertraut, weil ich Angst habe vor dem Tod, sondern, einfach, weil er gut ist! Ich glaube nach wie vor an ein »Leben danach«. Aber die Kirche hat diese Verheißung allzu oft dazu missbraucht, jene Hölle zu ignorieren, die uns ständig umgibt. Dem Evangelium geht es nicht darum, wie wir nach oben kommen, wenn wir mal tot sind, sondern darum, dass das Reich Gottes nach unten kommt. Die Geschichte Jesu handelt von einem Gott, der nicht draußen bleibt, sondern der in unsere Nachbarschaft zieht, wo die Menschen nicht mehr glauben können, dass noch etwas Gutes passieren kann.

Neulich fragte mich ein Nichtglaubender, ob ich meine, dass er in die Hölle kommt. Ich sagte: »Ich hoffe nicht. Es wäre schwierig für mich, mich am Himmel zu freuen, wenn du fehlst.« Wenn diejenigen unter uns, die an Gott glauben, aber nicht glauben können, dass Gottes Gnade groß genug ist, um die ganze Welt zu retten... nun, dann sollten wir wenigstens dafür beten, dass sie es ist.«

In seinem Buch »Ich muss verrückt sein, so zu leben« beschreibt Claiborne »kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe«. Die Leserkritiken bei Amazon überschlagen sich: »Kein Geschwafel oder große Luftblasen... Er lebt, was er glaubt. Ich habe schon lange kein so inspirierendes Buch mehr gelesen.« »Ich muss gestehen, dass ich noch kein christliches Buch gelesen habe, das mich derart intensiv bewegt hat.« Am Ende empfehle ich, dem Ratschlag eines Rezensenten zu folgen: »Schaut euch das Buch mal an. Falls es euch nicht gefällt, schenkt es weiter. Falls es euch aber doch gefällt, kauft drei Exemplare und schenkt sie weiter!«

 

Ich muss verrückt sein, so zu leben - Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe. Vorwort von Jim Wallis. Brunnen Verlag, Gießen 2007, 368 Seiten, 12, 95 Euro. ISBN 978-3-7655-3935-0

  BUCHTIPP: Ich muss verrückt sein, so zu leben - Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe. Vorwort von Jim Wallis. Brunnen Verlag, Gießen 2007, 368 Seiten, 12, 95 Euro. ISBN 978-3-7655-3935-0

  Leserservice: Dieses Buch ist portofrei erhältlich bei der Claudius Versandbuchhandlung, Tel. (089) 12172-119.

SHANE CLAIBORNE

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Inspiriert von Shane Claiborne. Der Münchner Bernd Hawe hat durch ein einschneidendes Erlebnis zum christlichen Glauben gefunden. » lesen!

 

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abgerufen 18.05.2012 - 15:19 Uhr

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