Keine billige Gnade
Glaubenskurs Teil 50: Nachfolge: Dietrich Bonhoeffers Christuszeugnis
Von
Andreas Ebert
»Nachfolge ist Bindung an Christus; weil Christus ist, darum muss Nachfolge sein«, sagte Dietrich Bonhoeffer. In seinem Buch »Nachfolge« aus dem Jahr 1937 beschreibt er die Möglichkeit der Nachfolge »in der ganzen Weite der Christusliebe zu allen Menschen, der Geduld, der Barmherzigkeit, der Liebe Gottes mit den Schwachen und Gottlosen«.
 Foto:
PD
 Dietrich Bonhoeffer mit Schülern im Jahr 1932.
|
Im Jahr 1968 ging ich in die 10. Klasse des Gymnasiums. Ich war Internatsschüler beim Windsbacher Knabenchor. Der damalige Kampf der Hochschulstudenten gegen autoritäre Strukturen und gegen das Verschweigen der braunen Vergangenheit der Vätergeneration erreichte auch die Provinz.
In Windsbach herrschte damals wie an vielen Orten ein Geist der Repression. Verbale und physische Gewalt waren nicht selten. Unser Religionslehrer Gutsav Rosenstein, damals junger Vikar, las mit uns in diesen stürmischen Zeiten die Briefe und Aufzeichnungen Dietrich Bonhoeffers aus dem Tegeler Gefängnis, die den Titel trugen »Widerstand und Ergebung«.
Die Texte waren anspruchsvoll, und nicht alles habe ich damals verstanden. Aber eins wurde mir klar: Zum Glauben gehören nicht nur Gehorsam gegen Menschen und Unterordnung, sondern auch der Mut, der Gewalt und dem Unrecht zu widerstehen. Mein erstes theologisches Buch trug dazu bei, dass ich Pfarrer werden wollte.

 »Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten.«
Dietrich Bonhoeffer 1937 in seinem Buch »Nachfolge«
|
Die Gestalt Dietrich Bonhoeffers hat mich seither nie mehr verlassen. Auch heute noch habe ich den Eindruck, dass er der realen Kirche noch immer weit voraus ist. Sein Christusglaube führte ihn auf Wege, die sonst kaum ein kirchlicher Amtsträger mitging. Kein anderer deutscher Theologe des 20. Jahrhunderts wird weltweit so verehrt wie Dietrich Bonhoeffer. Konservative berufen sich ebenso auf ihn wie Liberale. Bei keinem anderen bilden theologisches Denken, persönliche Frömmigkeit und Lebenszeugnis eine derartige Einheit.
Dietrich Bonhoeffer wird am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Kindern in Breslau geboren. Sein Vater Karl Bonhoeffer ist einer der angesehensten Psychiater Deutschlands, die Mutter Paula stammt aus einer Theologen- und Künstlerdynastie. Der Vater ist eher areligiös, die Mutter persönlich tief im christlichen Glauben verwurzelt, aber nicht kirchlich. Dietrich ist bereits als 17-jähriger Abiturient entschlossen, Theologie zu studieren, verbirgt aber diesen Wunsch zunächst vor der Familie. Als sein Beschluss bekannt wird, höhnen seine Brüder: die Kirche sei doch so langweilig! Dietrich setzt trotzig dagegen, dann werde er sie eben wieder spannend machen.
Es geht um die gesamte Existenz
Ab 1924 studiert er in Berlin und Tübingen Theologie. Schon mit 21 Jahren promoviert er über die Kirche als »Gemeinschaft der Heiligen«. Kein evangelischer Theologe vor ihm hat die Lehre des Apostels Paulus von der sichtbaren Kirche als »Leib Christi« so ernst genommen. Christus ist nicht nur der Herr der Kirche. Christus existiert nach Ostern als Gemeinde. Mit 24 Jahren habilitiert sich Bonhoeffer. Weil er für die Ordination noch zu jung ist, nimmt er ein Stipendium in New York an. Er ist fasziniert von der Religiosität schwarzer Christen in Harlem und ihrer innigen Jesusfrömmigkeit.
 Foto:
PD
 Mahatma Gandhi.
|
Ab 1931 ist er dann Privatdozent in Berlin. Seine Vorlesungen beginnt er, was völlig unüblich ist, mit Gebet. Daneben betreut er eine Konfirmandengruppe in einem Arbeiterviertel in Berlin-Mitte. In dieser Zeit zieht es ihn nach Indien. Er nimmt Kontakt mit Mahatma Gandhi auf, dessen gewaltloser Widerstand gegen die Briten ihn tief beeindruckt. Er will ein halbes Jahr lang im Ashram Gandhis von der Weisheit östlicher Religionen lernen. Demütig bekennt er: »Es muss noch andere Menschen auf der Erde geben, solche, die mehr wissen und können als wir.« Sein Christus existiert zwar als Gemeinde, ist aber dennoch viel größer als die verfasste Kirche! Dieser Impuls zu einem interreligiösen Lernen stößt bei vielen Freunden, insbesondere bei Karl Barth, auf völlige Ablehnung. Wegen der politischen Lage kann Bonhoeffer dieses Vorhaben allerdings nicht in die Tat umsetzen.
Am 1. Februar 1933, dem Tag der Machtergreifung Hitlers, hält er einen Radiovortrag über den Führerbegriff. Er sagt: »Lässt der Führer sich vom Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen, dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers. Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes.«
Noch während der Sendung wird die Übertragung abgebrochen. Im selben Monat trägt er vor Pfarrern seine Überlegungen zur »Judenfrage« vor, worauf etliche Kollegen wütend den Raum verlassen. Er sagt, die Kirche sei den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn diese nicht der christlichen Gemeinde angehören.
Im Herbst 1933 nimmt er eine Auslandspfarrstelle in London an. Er will seinen Dienst nicht mehr in einer Kirche tun, die inzwischen von den »Deutschen Christen« gelenkt wird. Im April 1935 kehrt er dennoch nach Deutschland zurück. Er übernimmt das Predigerseminar der Bekennenden Kirche, die sich 1934 im Widerstand zu den staatstreuen »Deutschen Christen« gebildet hatte, und bereitet Vikare darauf vor, inmitten eines christusfeindlichen Staates Zeugen des Evangeliums zu sein. Dazu ist für ihn mehr nötig als eine solide Theologie. Es geht um die gesamte Existenz. Er verpflichtet die jungen Theologen, täglich persönlich die Bibel zu meditieren, und entdeckt mit ihnen den Wert der persönlichen Beichte.
1936 schreibt Bonhoeffer sein Buch »Nachfolge«, eine Auslegung der Bergpredigt Jesu. Im Vorwort schreibt er: »Es scheint heute so schwer zu sein, den schmalen Weg der kirchlichen Entscheidung in aller Gewissheit zu gehen und doch in der ganzen Weite der Christusliebe zu allen Menschen... zu bleiben; und doch muss beides beieinander sein, sonst gehen wir Menschenwege. Gott schenke uns in allem Ernst des Nachfolgens die Freude, in allem Nein zur Sünde das Ja zum Sünder, in aller Abwehr der Feinde das überwindende und gewinnende Wort des Evangeliums.«

 Ich bin keine religiöse Natur. Aber an Gott, an Christus muss ich immerfort denken, an Echtheit, an Leben, an Freiheit und Barmherzigkeit liegt mir sehr viel. Nur sind mir die religiösen Einkleidungen so unbehaglich.«
Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge (im Zug nach München am 25.6.1942)
|
Echtes Leben in der Gemeinde führt die Menschen zugleich zum Zeugnis an die Welt. Kirche ist für ihn nur Kirche, wenn sie sich nicht um sich selbst dreht, sondern für andere da ist, so wie Christus der »Mensch für andere« war.
Bonhoeffer rechnet in seinem Buch mit einem falschen evangelischen Verständnis der lutherischen Rechtfertigungslehre ab, das er »billige Gnade« nennt. Damit meint er die irrige Vorstellung, die Gnade und Sündenvergebung lasse alles beim Alten. Für Bonhoeffer hat die Gnade Gottes lebensverändernde Konsequenzen, Glaube und Gehorsam sind für ihn eins: »Nur der Glaubende ist gehorsam - nur der Gehorsame glaubt.«
Der Glaube zieht Christen in das Leben und Leiden Jesu Christi hinein: »Gott ist ein Gott des Tragens. Der Sohn Gottes trug unser Fleisch, er trug darum das Kreuz, er trug alle unsere Sünden und schuf durch sein Tragen Versöhnung. So ist auch der Nachfolger zum Tragen berufen. Im Tragen besteht das Christsein... Das Tragen des Nachfolgenden ist Gemeinschaft mit Christus.«
Sein Verständnis der Nachfolge hat für ihn radikale Konsequenzen. Ab 1938 engagiert er sich verstärkt in der Ökumenischen Bewegung und versucht, die Kirchen gegen die Kriegsvorbereitungen zu mobilisieren. Im Juni 1939 nimmt er eine Einladung in die USA an, weigert sich aber von Anfang an, dort einen Lehrstuhl zu übernehmen. Er sieht seinen Platz im heraufziehenden Krieg in Deutschland, obwohl er sich bewusst ist, dass er den Kriegsdienst verweigern und das daraus resultierende Todesurteil tragen müsste.
Die Einberufung zur Wehrmacht bleibt ihm überraschenderweise erspart. Durch familiäre Verbindungen wird Bonhoeffer 1941 »unabkömmlicher« Mitarbeiter der Spionageabwehr, also Mitarbeiter des NS-Staates. In dieser Position kann er ins Ausland reisen und verschwörerisch tätig werden.
Er ist mehr und mehr bereit, sich selbst die Hände schmutzig zu machen, anstatt tatenlos den Verbrechen der Nazis zuzusehen. 1943 schreibt er: »Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.«
 Foto:
PD
 Am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer kurz vor Kriegsende zusammen mit anderen Verschwörern des 20. Juli im KZ Flossenbürg hingerichtet.
|
Am 5. April wird er aufgrund eines zufälligen Aktenfundes wegen »Wehrkraftzersetzung« verhaftet. Seine enge Beziehung zum Kern des Widerstandes kann er zu diesem Zeitpunkt noch vertuschen. Auch eine Beteiligung am Hitlerattentat vom 20. Juli kann man ihm nicht nachweisen.
In seinen Texten aus der Haft entwirft er Visionen für eine künftige Kirche in der Nachfolge Christi: ohne staatliche Privilegien an der Seite der Verfolgten und Armen. Als ersten Schritt hierzu solle sie alles Eigentum an Notleidende verschenken. Pfarrer sollten ihren Lebensunterhalt durch freiwillige Spenden ihrer Gemeinde oder einen weltlichen Beruf bestreiten.
Er fordert eine religionslose Interpretation des Christentums, da die klassischen religiösen Begriffe die Menschen nicht mehr erreichten, und betont die Diesseitigkeit Gottes durch die Anwesenheit Jesu Christi in der Welt.
Die Welt ist »Hülle Gottes«, und es lässt sich nur weltlich, nicht an dem Mensch gewordenen Christus vorbei von Gott reden. Die Kirche soll das Wort Gottes überhaupt weniger durch Worte als vielmehr durch menschliches Vorbild verkündigen. Diese radikalen Gedanken stießen nach dem Krieg im deutschen Sprachraum auf wenig Verständnis und spielten beim Wiederaufbau der Kirche keine wirkliche Rolle.
 Foto:
PD
 Hier starb Dietrich Bonhoeffer: der Hof des Arrestblocks im oberpfälzischen KZ Flossenbürg.
|
Ein Aktenfund im September 44 deckt seine Zugehörigkeit zum Verschwörerkreis auf. Am 7. Februar 1945 wird er ins KZ Buchenwald verlegt, am 5. April ordnet Hitler die Hinrichtung aller noch lebenden Verschwörer an. Ein Scheinprozess eines SS-Gerichts verurteilt Bonhoeffer und andere am 8. April zum Tod durch den Strang. Am selben Tag wird er zur Hinrichtung ins KZ Flossenbürg gebracht. Die Angeklagten müssen sich völlig entkleiden und nackt zum Galgen gehen, wo sie einen langen und qualvollen Tod erdulden. Bonhoeffers radikales Zeugnis der Christusnachfolge aber überdauert seinen Tod und ist ein bleibender Stachel im Fleisch eines allzu bequemen Christentums.
ANDREAS EBERT (60) ist evangelischer Pfarrer, Buchautor und Leiter des Spirituellen Zentrums Sankt Martin in München.
BUCHTIPP: Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge. Martin Kuske, Ilse Tödt (Hrsg.), Kart. Ausgabe der Bonhoeffer Werke im Gütersloher Verlagshaus, Band 4, 392 Seiten, ISBN: 978-3-579-07136-7, € 19,95.
| ZITATE
Ich glaube, dass die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist und dass wir nur anhaltend und demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen (an Rüdiger Schleicher, 8. April 1936).
Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben (Brief vom 18. Juli 1944 an Eberhardt Bethge).
Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann …, einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden - …, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme (Brief an seinen Freund Eberhard Bethge, Gefängnis Berlin-Tegel am 21.7.1944).
Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein (Brief an seinen Freund Eberhard Bethge, Gefängnis Berlin-Tegel am 30.4.1944).
Sich nicht für klug halten, sich herunterhalten zu den Niedrigen, heißt ohne Phrase und in aller Nüchternheit: sich selbst für den größten Sünder halten (Gemeinsames Leben).
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |