Neuer Schwung außerhalb der Kirche
Interview mit dem Dirigenten und Leiter des Münchner Bach-Chors Hansjörg Albrecht
Der renommierte Bach-Chor München hat sich neu aufgestellt. Unter der künstlerischen Leitung von Hansjörg Albrecht will sich das Ensemble mit neuen Konzepten im internationalen Musikgeschäft etablieren. Es ist geplant, eine Bachgesellschaft zu gründen. Diese soll den von Karl Richter begründeten Ruf Münchens als »moderne Bach-Stadt in die Welt hinaustragen«. Mit Albrecht sprach Rieke C. Harmsen (epd).
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 Hansjörg Albrecht bei Proben in der Münchner Erlöserkirche: Seit 2005 ist Albrecht künstlerischer Leiter des Münchener Bach-Chors und Bach-Orchesters.
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Sie leiten seit 2005 den Münchner Bach-Chor. Was fasziniert so viele Menschen an Johann Sebastian Bach?
Hansjörg Albrecht: Die Faszination liegt in der Unerklärbarkeit. Man sagt, Mozart sei der Liebling der Götter und Bach direkt von Gott gesandt. Bach stand mitten im Leben, war verheiratet und hatte viele Kinder. Durch den frühen Tod einiger Kinder sowie seiner ersten Frau Maria Barbara hat er großen persönlichen Verlust erlebt. Freude konnte er jedoch genauso gut beschreiben wie Leiden. Bachs Musik ist universell und spricht für sich: Wenn ein Mensch trauert, dann gibt es nichts Tröstlicheres als seine Musik. Andererseits jauchzt und jubiliert Bach förmlich in seinem Weihnachtsoratorium, den Orchestersuiten oder den Brandenburgischen Konzerten.
Bach trifft die Menschen mitten ins Herz. Die Vertonung dieser Texte! Was ist das für ein Schmerz, wenn man einen Nagel durch die Hand gerammt bekommt wie Jesus am Kreuz? Eigentlich können wir doch gar nicht fassen, welches Mysterium dahintersteckt. Die Musik aber, Bachs Musik, wenn sie gut und intensiv aufgeführt wird, hilft uns dabei, dieses Mysterium wenigstens etwas zu verstehen.
Was macht einen guten Dirigenten aus?
Albrecht: Die Fähigkeit zur Imagination und Suggestion. Ein guter Dirigent ist eine Leitfigur, die es schafft, mithilfe des jeweils aufzuführenden Werks die Menschen, mit denen er gerade arbeitet, für ein paar Tage auf eine Idee, eine Linie einzuschwören - oftmals durch das Heranziehen von Bildern. Jeder sollte nach einer gelungenen Aufführung das Gefühl haben, dass er vom Reichtum und Zauber der Musik hat kosten dürfen. Im besten Falle öffnet ein besonders intensives Musizieren uns den Blick dafür, was die meisten Menschen wohl antreibt: die Suche nach Schönheit, nach Vollkommenheit, nach Verklärung und Erlösung.
Ich möchte, dass die Zuhörer vergessen, ob sie auf einer harten Kirchenbank oder in einem weichen Konzerthaus-Sessel sitzen, was sie für die Karte gezahlt haben oder dass sie während des Konzertes im Programmheft blättern müssen. Ich will sie emotional berühren mit der Musik, auch wenn diese physikalisch gesehen doch nur klingende Luft ist. Mir geht es darum, die Kräfte so zu bündeln, dass im Idealfall die Menschen am Ende weinen vor Glück.
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 Nähe zum Publikum: Hansjörg Albrecht erläutert in der Münchner Philharmonie das Bach'sche Weihnachtsoratorium.
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Wie arbeiten Sie mit dem Chor?
Albrecht: Ich habe das Repertoire sehr breit angelegt. Die Choristen sollen emotional erfahren, was es außer Bach, Händel und Mozart noch alles gibt. Also erarbeiten wir u.a auch Werke der Klassischen Moderne (wie zum Beispiel von Francis Poulenc oder Oliver Messiaen). Das erweitert den Horizont ganz gewaltig. Grundsätzlich stelle ich fest, dass mit einem hohen Qualitätsanspruch sowie mit einem gesunden Verhältnis von Motivation und positivem Druck viel erreicht werden kann.
Sie wollen in München eine Bach-Gesellschaft gründen? Wie soll die aussehen?
Albrecht: Bach modern - Bachs Musik und die seiner zahlreichen Verehrer historisch informiert und mit frischem Geist interpretiert: Unter diesem Motto versteht sich die künftige Münchner Bach-Gesellschaft als Grundbasis und Ausgangspunkt für eine höchst anspruchsvolle Konzert- und Reisetätigkeit, ergänzt durch ausgewählte Akademie-Projekte, bei denen ein stark verjüngter und sehr ambitionierter Münchner Bach-Chor sowie das neu etablierte Münchner Bach-Orchester gleichberechtigt den Ruf Münchens als (moderne) Bach-Stadt in die Welt hinaustragen. Die Münchner Bach-Gesellschaft steht aber auch für eine Professionalisierung der Organisation der eigenen Konzerttätigkeit und Anpassung der Strukturen an die Erfordernisse des heutigen Kulturbetriebs.
Welchen Stellenwert hat der Nachwuchs bei Ihnen?
Albrecht: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist mir besonders wichtig. Sie sollen nicht nur zuschauen und zuhören, sondern auch aktiv mit eingebunden werden. In den letzten Jahren haben regelmäßig Jugendliche bei der »Matthäuspassion« in ausgewählten Chorälen mitgesungen. Künftig soll es dafür noch einmal eine Art verbessertes Auswahlprinzip geben, damit die Qualität auch wirklich stimmt. Daneben würde ich gern ein Bach-Fest mit besonderen Projekten für Jugendliche ausrichten. Vorstellbar wäre etwa eine Art Techno-Party mit Bach-Zitaten oder die spezielle Arbeit mit einem Jugendchor- und Orchester und jungen Tänzern an einem ausgewählten Werk Bachs. Was Barockmusik und gute Musik der Moderne miteinander verbindet, ist das Element des Rhythmus - und den lieben Jugendliche.
Der Bach-Chor hat eine Akademie begründet. Warum?
Albrecht: Die Akademie begleitet das Programm des Bach-Chores und des Bach-Orchesters. Sie versteht sich als Ergänzung zu unseren Konzerten, um zusätzlich mit neuen Interessenten, Freunden und Förderern ins Gespräch zu kommen. Spezielle Konzerteinführungen mit Live-Musik von Chor und Orchester, ganz nach dem Vorbild von Leonard Bernstein, sind hier ebenso zu nennen wie Kulturreisen mit dem Münchner Bach-Chor. Wir wollen musikalisch umrahmte Führungen machen. Außerdem will die Akademie auch Angebote für Gönner, Sponsoren und prominente Fürsprecher offerieren. Für diesen »Inner Circle« soll es exklusive Veranstaltungen geben, bei denen die Gäste zum Beispiel an einem ungewöhnlichen Ort mit bekannten Musikern und Künstlern ins Gespräch kommen können.
Wie unabhängig sind Sie denn?
Albrecht: Wir sind derzeit ein Verein, möchten aber gern eine Stiftung ins Leben rufen. Bach-Chor und Bach-Orchester existieren seit 1954. Unter ihrem Gründer Karl Richter waren beide Ensembles in den 60er- und 70er-Jahren von Paris bis Tokio unterwegs und wurden durch ihre Aufnahmen bei der Deutschen Grammophon weltweit bekannt. Zur Beerdigung Richters im Jahr 1981 hat Leonard Bernstein den Chor und das Orchester dirigiert. Viele weltberühmte Musiker und Dirigenten haben Bachs Musik über die beiden Münchner Bach-Ensembles kennengelernt. In diese Richtung soll es wieder gehen. Es ist an der Zeit, dass es eine staatliche Förderung gibt. Die Signale der Landesregierung und der Stadt sind positiv. Aber um das entsprechende Sponsoring müssen wir uns natürlich trotzdem selbst kümmern.
Welche Rolle spielt dabei die evangelische Landeskirche? Immerhin ist die Geschichte von Karl Richter und dem Bach-Chor eng mit der Münchner St. Markuskirche verbunden.
Albrecht: Ich will es mal so formulieren: Der Landesbischof ist Mitglied unseres Kuratoriums. Er ist aber zugleich der Dienstherr des Münchner Motetten-Chores, der an der Bischofskirche St. Matthäus beheimatet ist - er fühlt sich logischerweise diesem Ensemble sehr stark verbunden. Ein nicht ganz einfaches Thema. Wir hoffen jedoch auch weiterhin auf eine gute Partnerschaft, die durchaus ausbaufähig ist.
Ich bin evangelisch getauft und ein sehr gläubiger Mensch. Trotzdem haben wir bei meinem Antritt hier in München beschlossen, mit dem Bach-Chor aus der Markuskirche herauszugehen. Für Karl Richter war das anders, er war dort als Kirchenmusiker angestellt. Wir geben immer noch gerne Konzerte in der Markuskirche und sind glücklich über die gute partnerschaftliche Verbindung zur Stadtdekanin Barbara Kittelberger. Um sich aber als Konzertchor voll und ganz auf die künstlerischen Anforderungen des heutigen Konzertmarktes einlassen zu können, war es besser, unabhängig zu sein.
Schadet die Verbindung zur Kirche dem Image eines Chors?
Albrecht: Es ist absurd, aber ich denke, es ist so. Ich habe neben dem Dirigieren vor allem Kirchenmusik und Orgel studiert. Sobald Konzertveranstalter das erfahren, nehmen sie mich als Künstler anders wahr. Da muss man sich erst freikämpfen. Im Musikbereich gibt es wie in der Wirtschaft viele Schubladen, in die man sehr schnell hineingesteckt wird, aus denen man aber nur mit viel Mühe wieder herauskommt, so dass man es mitunter schwer hat, mit seinem individuellen Profil von außen richtig wahrgenommen zu werden. |