Protestanten aus »heidnischem Land«
Vor 90 Jahren: Synode Coburg beschloss, der bayerischen Landeskirche beizutreten
Erst seit 90 Jahren gehört das Coburger Land zur bayerischen Landeskirche. Der staatliche Anschluss an Bayern war bereits ein Jahr vorher erfolgt.
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 Die Stadtkirche St. Moriz und die Veste sind die Wahrzeichen Coburgs. Beide Gebäude sind untrennbar mit der protestantischen Geschichte der Stadt verbunden.
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Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Coburger in einer Volksabstimmung für den Anschluss ihres ehemaligen Herzogtums an Bayern votierten, war auch das Ende der eigenständigen Coburger Landeskirche gekommen. Sehr eilig hatte es die Coburger Landessynode freilich nicht mit ihrer Hinwendung zu den bayerischen Glaubensgenossen: Erst zum 1. April 1921 - ein Jahr nach der staatlichen Fusion - wurde die Kirchenehe besiegelt. Sie sollte eine durchaus glückliche Verbindung werden.
Anfangs hatte es nicht gerade nach Harmonie und Homogenität ausgesehen. Coburgs Protestanten standen bei den Bayern im Ruf, von der Christianisierung nur »gestreift« worden zu sein.
Von frommen Kreisen wurde das Coburger Land gar als »heidnisches Land« verdächtigt. »Die Coburger waren in alter Zeit sehr lutherisch, dann im 19. Jahrhundert sehr säkularisiert, und erst im 20. Jahrhundert kamen sie in ein normales Fahrwasser«, sagte der Coburger Dekan Christoph Liebst. Die Entscheidung zugunsten Bayerns habe den ehemaligen Herzogstädtern bürgerschaftlich, politisch und kirchlich auf lange Sicht gutgetan.
Zweifellos war die einstige Coburger Landeskirche den Bayern in manchen Punkten weit voraus. Analog zur Weimarer Verfassung waren hier die Frauen schon Anfang der Zwanzigerjahre für das Kirchenparlament wählbar - eine Entscheidung, zu der sich die bayerischen Protestanten erst in den Fünfzigerjahren mühsam durchringen konnten.
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Archivfoto: Lammel
 Meeder mit seinem Friedensmuseum gehört zum historisch spannenden Mitgift der einstigen coburgischen Landeskirche.
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Die bayerische Kirche, geprägt von viel fränkischem Biedersinn, profitierte vom liberalen Geist der »Residenzstädter«. Ihr bekam das »Coburger Hochzeitsgut, die lutherische Freiheit« nicht schlecht. Im Laufe der Jahrzehnte verloren die unterschiedlichsten Frömmigkeitsprofile weitgehend ihre Bedeutung.
Auch von seiner reichen Geschichte her stellt Coburg, wo Luther 1530 einige Monate wohnte, eine Bereicherung für die bayerische Landeskirche dar. Viele Spuren des Reformators sind noch sichtbar. Mit großer Dankbarkeit wurden von der Landeskirche manche Coburger Impulse und zum Teil auch bahnbrechenden Innovationen angenommen. Anders als die beharrungsfreudigen Oberfranken seien die Coburger eher dazu bereit, einfach etwas Neues auszuprobieren, sagte Dekan Liebst.
In den Sechzigerjahren war Coburgs Diakonie eine Pionierin der Behindertenarbeit in Bayern. Und das Partnerschaftsmodell des Dekanats mit Tansania führte zu einem landeskirchlichen Pilotprojekt von großer Signalwirkung: Mit dem ersten regulär angestellten afrikanischen Pfarrer Zephania Meyekwa wurde 1979 in der Mission gleichsam der Gegenverkehr eröffnet. Zu den vielen kirchlichen Spezialitäten gehört auch das Friedensmuseum in Meeder. Im August dieses Jahres wird die Kirchengemeinde ihr 360. Friedensdankfest im Gedenken an den Westfälischen Frieden feiern.
Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten so mancher Coburger in kirchliche Schlüsselpositionen aufrückte (zuletzt Heike Schülke als Präsidentin der Landessynode) - die kleine Coburger Landeskirche seligen Angedenkens wirkt auch neunzig Jahre nach ihrer Auflösung noch immer in manchen Köpfen nach. Es ist das Bewusstsein, Landeskirche in der Landeskirche zu sein. Eigens gefeiert wird das kleine Jubiläum freilich nicht. |