Eins mit dem Vater
Glaubenskurs Teil 35: War Jesus Mystiker?
Von
Andreas Ebert
Kann die Biografie Jesu auch als mystischer Weg gelesen werden? Sein mystischer Weg beginnt mit der Taufe am Jordan, wenn Jesus den Himmel offen sieht und die Stimme hört, die ihn als »geliebten Sohn« bezeichnet. Jesu Weg vollendet sich dann in der mystischen Himmelfahrt. Ist die Erzählung von der Verklärung Jesu ein Beleg dafür, dass Jesus auch seine Jünger in die Geheimnisse der Mystik eingeführt hat?
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Helmut Barthel
 Mystische Taufe: Fresko in der romanischen Kirche Sant'Abbondio in Como, Sieneser Meister um 1350.
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War Jesus Mystiker? Um die Frage der Überschrift zu beantworten, muss zunächst geklärt werden, was in diesem Artikel mit »Mystiker« gemeint ist. Eine allgemein anerkannte Definition dafür gibt es nicht. In der Umgangssprache wird der Begriff »mystisch« häufig für absonderliche Phänomene verwendet, die rational nicht erklärbar oder »okkult« sind (z. B. Spuk, Hellsichtigkeit, Telepathie, Spiritismus). Jesus, wie ihn die Evangelien schildern, verfügte zwar tatsächlich über paranormale Fähigkeiten: Er schreitet über das Wasser, stillt den Sturm, der Auferstandene geht durch verschlossene Türen, erscheint und verschwindet. Aber das ist nicht der springende Punkt, wenn wir im religiösen und spirituellen Zusammenhang von Mystik sprechen.
Das Wort leitet sich vom altgriechischen Adjektiv mystikos (»geheimnisvoll«) bzw. vom Substantiv mysterion (»Geheimnis«, »Geheimlehre«) ab. In diesen Begriffen steckt als Stammwurzel das Verbum myein (»sich verschließen«, insbesondere Augen und Lippen schließen, nach innen sehen, schweigen).
In der Spätantike konkurrierten im Mittelmeerraum zahlreiche »Mysterienkulte« miteinander, seltsame Geheimlehren und -riten, in die man durch einen »Mystagogen«, einen kundigen Führer, eingeweiht werden musste. Die frühe Christenheit nahm diese Begrifflichkeit bewusst auf. Paulus stellt sich zum Beispiel als »Haushalter der Geheimnisse Gottes« dar, also als einen christlichen Mystagogen ( 1. Korinther 4, 1) und spricht immer wieder von den »zuvor verborgenen Mysterien«, die in Christus offenbar werden. Die Taufe wurde im Urchristentum als Einweihungsritual in das Christusmysterium verstanden und das Abendmahl als Teilhabe an dem unsichtbar und »mystisch« gegenwärtigen Christus.
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ullstein
 Weg in die Einsamkeit: »Christus in der Wüste«, Briton Riviere, 1898.
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Einen Wandel und eine Erweiterung erfuhr der Begriff »Mystik« im Mittelalter. Jetzt bezog er sich auf die innere Gottsuche und persönliche Gotteserfahrung des Menschen, die sich unterschiedlich manifestieren konnte. Meister Eckhart, der bedeutendste deutsche Mystiker, beschreibt sie als Entleerung der Seele von allem eigenen Denken, Fühlen und Wollen, damit sie zum Ort der Geburt Gottes werden kann. Mystische Erfahrungen konnten sich aber auch als eine Art Über-Fülle manifestieren, als geradezu erotisch gefärbte »Gottesminne«, so in Teilen der Frauenmystik, aber auch in der islamischen Mystik bei dem Mystiker Rumi.
Mystische Strömungen, die die innere und persönliche Gottsuche und Gotteserfahrung gegenüber der äußeren Religion mit ihren Regeln und Ritualen suchen, gab und gibt es im Übrigen in allen Religionen. Das führte fast immer zu Spannungen mit der religiösen Institution, auch wenn Mystiker ihre Erfahrungen meist in die Sprache und in die Bilder ihrer eigenen Tradition kleiden.
Wesentlich und zugleich kompliziert ist die Unterscheidung von »Einheitsmystik« und »Beziehungsmystik«. Erstere zielt auf die Verschmelzung des Mystikers mit Gott oder mit dem letzten Seinsgrund. Ein Bild dafür in östlicher Mystik ist das Aufgehen des Wassertropfens (das Ich) im Ozean (das Selbst, das Ganze). Dabei kommt insbesondere der ZEN-Buddhismus völlig ohne die Vorstellung eines göttlichen Wesens aus und ist so betrachtet atheistisch. In den theistischen Religionen (Hinduismus, Judentum, Christentum, Islam) bleibt die mystische Erfahrung auf Gott als Du bezogen, das zugleich als das »innerste Innen« (Augustinus) erfahren wird.
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sob
 Trennungserfahrung in letzter Tiefe: Christus am Kreuz, Diego Velázquez, 1632, Prado, Madrid.
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WAR JESUS IN DIESEM SINNE MYSTIKER? Und von welcher Art war seine »Mystik«? Es ist mit Händen zu greifen, dass man Jesus nur verstehen kann, wenn man seiner besonderen Gottesbeziehung nachspürt. Vermutlich war seine Taufe durch Johannes ein mystisches Durchbruchserlebnis, der Zeitpunkt, wo sich in Jesus das Empfinden seiner Gottessohnschaft und seines besonderen Auftrags verdichtet hat. Diese Einheitserfahrung suchte er unablässig, aus ihr lebte, lehrte und handelte er fortan. Gleich nach der Taufe treibt ihn der Geist Gottes in die Wüste. Das Erleben der »Wüste« ist bestimmend für jeden mystischen Weg. Die Versuchungen Jesu durch den diabolos (Teufel, Durcheinanderwerfer) kann man als inneres Ringen mit dem eigenen »Schatten« (der Psychologe Carl Gustav Jung) deuten, das zu jedem authentischen spirituellen und mystischen Weg gehört: Beim Wüstenvater Antonius manifestierte er sich als Kampf mit den Dämonen. Sie stehen für die Leidenschaften, die das Einswerden mit Gott vereiteln wollen. Johannes vom Kreuz durchlebt auf seinem mystischen Weg entsetzliche Momente der Gottesfinsternis (»Nacht der Seele«, »Nacht des Geistes«). Immer geht es dabei um die Überwindung des Dualismus von Licht und Schatten, um die Suche nach Einswerdung im »Seelengrund« (Meister Eckhard).
Zur Mystik gehört der Weg in die Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Denn in der Stille des Seelengrundes wohnt nach mystischer Sicht Gott und wartet auf Vereinigung. Diesen Weg in die Stille hat Jesus immer wieder begangen. Lange Nächte verbrachte er auf einsamen Bergen, »um zu beten«. Dort suchte und fand er die Einheit mit Gott, den er »Abba« nannte. Dort erfuhr er: »Ich und der Vater sind eins« ( Johannes 10, 30).
Die Mystik Jesu ist eine Beziehungsmystik ganz besonderer Art: Sie speist sich aus der Tauferfahrung, geliebter Sohn zu sein. Dabei bleiben Vater und Sohn einerseits unterschiedene und unterscheidbare Personen; ihre Eigenständigkeit wird nicht aufgehoben. Und doch gehören sie gleichsam »genetisch« zusammen, sind »eines Wesens« und »einer Natur«, wie es später im Dogma ausgedrückt wurde. Inmitten bleibender Unterschiedenheit eine noch größere Einheit - das ist die Grundspannung und Grunderfahrung der Liebes- und Beziehungsmystik. Liebende kennen diese Erfahrung der Begegnung, die zugleich Verschmelzung und gesteigerte Individualität ist. Meister Eckhart hat dieses »Dazwischen« der mystischen Erfahrung genial ausgedrückt: »Das Auge, mit dem mich Gott ansieht, ist dasselbe Auge, mit dem ich ihn sehe; mein Auge und sein Auge sind eins«. Dieses Einssein im liebenden Augen-Blick ist das Geheimnis der mystischen Erfahrung. Jesus lebte in und aus diesem Blickkontakt mit dem Vater.
Vor allem das Johannesevangelium sucht nach einer Sprache, um diese mystische Einheit von Vater und Sohn auszudrücken. Die wichtigste und schönste Formel ist wohl die, die das wechselseitige »In-Sein« von Vater und Sohn ausdrückt: »Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein« Johannes 17, 21). Indem Jesus die innige Einheit von Vater und Sohn formuliert, zieht er auch die Seinen in diese mystische Vereinigung mit hinein. Denn sie ist nicht sein Privileg, sondern steht allen offen, die ihm folgen. Paulus hat es am und im eigenen Leibe erfahren: »Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir« ( Galater 2, 20).
Mystik ist Sterben und neue Geburt
Beziehungsmystik hat sich bei Jesus als Einheit von Vater und Sohn dargestellt. Bereits in der Bibel und später in der mittelalterlichen Liebsmystik wurde sie häufig in das Bild von Bräutigam und Braut gekleidet, wobei Gott bzw. Christus der Bräutigam und die Seele (auch die männliche!) die empfängliche Braut ist. Liebesmystik kommt nicht umhin, Bilder und Sprache der Erotik zu bemühen, um die Vereinigung von Gott und Mensch zu formulieren.
Nicht zuletzt ist die Mystik Jesu und jede echte christliche Mystik auch Leidensmystik. Zur mystischen Vereinigungserfahrung gehört paradoxerweise auch das Erleben des Getrenntseins, das Johannes vom Kreuz so eindrücklich geschildert hat und das auch Martin Luther kannte, der immer wieder davon sprach, dass zur christlichen Grunderfahrung die »Anfechtung« gehört, in der Gott fern zu ein scheint. Jesus Christus hat diese Trennungserfahrung am Kreuz in letzter Tiefe durchlebt: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. Tod und Leben, das letzte und größte denkbare Gegensatzpaar, werden im Ostergeheimnis vereinigt: Der Tod gebiert das Leben, der Gekreuzigte ist auferstanden. Zum mystischen Weg gehört immer das Sterben und die neue Geburt ( Johannes 3).
Der Mystiker Jesus ist zugleich Mystagoge, der seine Freunde mitnimmt in seine Erfahrung der Vereinigung mit Gott im eigenen Herzen: »Das Reich Gottes ist in euch!« Religion ohne mystische Erfahrung wird zu einem toten dogmatischen Machtapparat und ist gefährlich. Äußere Religion hat einzig und allein den Sinn, Menschen auf den inneren Weg zu Gott zu locken und sie auf diesem »mystischen« Weg zu unterstützen. Berühmt sind die Worte des großen katholischen Theologen Karl Rahner: »Der Fromme von morgen wird ein 'Mystiker' sein, einer, der etwas 'erfahren' hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird. Die Mystagogie muss das richtige 'Gottesbild' vermitteln, die Erfahrung, dass Gott der Unbegreifliche ist; dass seine Unbegreiflichkeit wächst und nicht abnimmt, je näher uns seine Liebe kommt.« |
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