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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2011 vom 16.01.2011
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Die göttliche Logik

Glaubenskurs Teil 33: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Von Andreas Ebert

Die altkirchlichen Bekenntnisse sehen Jesus als Person des trinitarischen Gottes und als Wesen mit göttlich-menschlicher Natur. Demnach ist Christus wahrer Gott, weil er nur so als die wahre Selbstoffenbarung Gottes verstanden werden kann. Dass Gott in ihm zugleich wahrer Mensch ist, soll festhalten, dass die Menschen in ihm wirklich erlöst sind. Kann man heute das sperrige Denkgebilde mit dem Verstand erfassen? Oder ist es eine Sache des Glaubens?

Christus von Pietro Cavallini, Santa Cecilia in Travestere in Rom, 1295.
Foto: sob
   Christus von Pietro Cavallini, Santa Cecilia in Travestere in Rom, 1295.

        

Wer war und wer ist Jesus Christus? Viele Zeitgenossen bis in unsere kirchlichen Gemeinden hinein sehen in Jesus nichts als einen vorbildlichen Lehrer und Menschen. Die meisten können mit dogmatischen Aussagen wie »Jesus ist Gottes Sohn« oder gar »Jesus ist Gott« wenig anfangen. Das hängt nicht zuletzt mit unserer »Normallogik« zuammen, die auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurückgeht. Der erste Hauptsatz der aristotelischen Logik besagt: Eine Aussage kann nicht zugleich mit ihrem Gegenteil wahr sein. Zum Beispiel kann die Erde nicht gleichzeitig Kugel und Scheibe sein. Die klassische Logik geht von einem prinzipiellen Entweder-Oder aus. Diese Denkart sitzt tief in unseren Hinterköpfen. Jesus muss entweder Gott sein oder Mensch. Alles andere widerspricht dem »gesunden Menschenverstand«.

Das frühe Christentum stand vor einem logischen Dilemma. Eigentlich war es sogar ein »Trilemma«. Drei Aussagen, die logisch einander ausschlossen, mussten irgendwie unter einen Hut gebracht werden:

  1. Jesus war offensichtlich ein Mensch aus Fleisch und Blut;

  2. Jesus Christus war die Selbstoffenbarung Gottes;

  3. Der Schöpfer und die Schöpfung sind nicht identisch, sondern müssen unterschieden werden.

Im Rahmen der aristotelischen Logik (und eine andere kannte man damals nicht), waren alle denkerischen Problemlösungen zum Scheitern verdammt. Sie führten entweder dazu, dass das Menschsein Jesu unterbelichtet wurde: Es gab in der Urkirche eine Bewegung (Doketismus), die lehrte, Christus sei nur Gott, der im »Scheinleib« Jesus erschienen sei. Er habe sich sozusagen als Mensch verkleidet, ohne dass sein göttliches Wesen davon berührt wurde. Folglich hat er auch nicht am Kreuz gelitten.

Oder die »Arianer« auf der anderen Seite vertraten die Ansicht, Jesus sei zwar gottähnlich, das größte aller Geschöpfe, die »Weisheit Gottes«, aber nicht Gott selbst. Diese Position hat dann später der Islam übernommen, für den Jesus nur ein Prophet ist. Nach Mohammeds Verständnis begehen die Christen die Gotteslästerung der Vielgötterei. Die größte »christliche« Gruppe der Arianer bilden heute die Zeugen Jehovas, denen die Lehre von der Göttlichkeit Jesu ebenfalls ein Gräuel ist. Viele »gute Christen« von heute wissen vermutlich nicht einmal, dass sie theologisch mit Moslems und Jehovas Zeugen gleichsam in einem Boot sitzen.

Wer war Jesus? Straßenbild in Lima, Peru.
Foto: Dtarazona / Wikimedia Commons
   Wer war Jesus? Straßenbild in Lima, Peru.

        

DAS NEUE TESTAMENT: Das denkerische Problem ist schon im Neuen Testament angelegt, wenn auch noch nicht dogmatisch ausformuliert. In den Evangelien und Briefen tauchen sehr unterschiedliche Bilder und Titel Jesu auf: Sohn Gottes und Davidssohn, Messias und Menschensohn, Judenkönig und Heiland, Hoherpriester und »Logos« (Johannes 1). Der Logos war nach antikem Verständnis der göttliche Grund des Daseins, das, was die Welt im Innersten zusammenhält, ja, Gott selbst. Thomas fällt am Ende des Johannesevangeliums vor dem Auferstandenen nieder und bekennt: »mein Herr und mein Gott!«. Auch die nachösterliche Gemeinde nannte Jesus Christus »Kyrius« (»Herr«) und betete zu ihm »wie zu einem Gott« (so der römische Schriftsteller Plinius über den urchristlichen Gottesdienst). Mit »Herr« (hebräisch »adonai«, griechisch »kyrios«) riefen die Juden Gott selbst an, dessen Namen (»Jahwe«) sie nicht aussprachen. Dazu kommt, dass viele Worte und Taten Jesu wie die Sündenvergebung eine Vollmacht und einen Anspruch ausdrücken, die nur Gott selbst zustehen. Deswegen wurde Jesus vermutlich von jüdischer Seite wegen Gotteslästerung verurteilt, während ihn die Römer als politischen Aufrührer sahen. Gleichzeitig betonen die Evangelien die Menschlichkeit Jesu (Windeln, Hunger, Durst, Freundschaft, Einsamkeit, Leiden, Gottverlassenheit und Tod am Kreuz). Die »christologische Diskussion« zeichnet sich schon im Neuen Testament ab.

DIE FRÜHE KIRCHE: Vor allem die Frage, was mit dem Titel »Sohn Gottes« gemeint war, musste geklärt werden: War damit eine ethische Qualität, die Willens- und Handlungseinheit mit Gott gemeint, wie es jüdischem Denken entsprach? Oder handelte es sich um etwas »Wesenhaftes« und »Metaphysisches«, wie es das griechisch-hellenistische Denken nahelegte? Das alles zwang zu systematischer Aufarbeitung, die freilich mehr als beschwerlich war. Die bekannte Logik taugte dazu nicht und vermochte dieser Frage nicht Herr zu werden.

Kann der ewige Logos, der ewige Gottessohn, in die Zeitlichkeit kommen, Mensch werden - ohne aufzuhören Gott zu sein? Der Streit wogte hin und her und kann hier nicht in all seinen Facetten dargestellt werden. Vereinfacht gesagt grenzte die Kirche nach und nach alle aus, die Jesus entweder nur als Gott oder nur als Menschen definieren wollten. Der Zwang zur Klärung hatte auch politische Gründe. Kaiser Konstantin gab die Verfolgung der Christen auf und wollte aus der Kirche die neue einende Religion des Reiches machen. Dazu war aber eine einige und eindeutige Kirche nötig. Er rief 325 in Nizäa das 1. Konzil zusammen, auf dem zunächst das Trinitätsdogma festgeklopft wurde: Der Eine Gott offenbart sich in drei »Personen« oder Beziehungen zur Welt: als Schöpfer, als Erlöser und als Heiliger Geist in und unter den Gläubigen. Ausgestoßen wurden vor allem die Arianer, die die Göttlichkeit Jesu ablehnten.

In der Urkirche behauptete die Bewegung der Doketisten, Jesus sei nur göttlicher Natur gewesen und habe nicht am Kreuz gelitten.
Foto: spb
   In der Urkirche behauptete die Bewegung der Doketisten, Jesus sei nur göttlicher Natur gewesen und habe nicht am Kreuz gelitten.

        

Damit war der oft mit miesen Mitteln ausgefochtene Zwist noch lange nicht beendet. Es dauerte noch einmal 126 Jahre, bis beim 4. Konzil in Chalkedon die kirchliche Christologie mit der Zwei-Naturen-Lehre dogmatisch »siegte«. Nochmals wurde ausdrücklich der Arianismus abgelehnt, aber ebenso der »Monophysitismus« (Jesus Christus hat nur eine einzige Natur, die göttliche) und der »Dyophysitismus« (Jesus hat zwei getrennte Naturen, eine göttliche und eine menschliche).

Obschon all diese Auseinadersetzungen von politischen Kabalen überschattet waren, ist den Konzilsvätern von Chalkedon buchstäblich ein denkerischer Quantensprung gelungen, den man nicht hoch genug einschätzen kann. Ihre Denkleistung besteht in der Überwindung des aristotelischen Logikgesetzes vom ausgeschlossenen Dritten - jedenfalls im Blick auf die letzte, religiöse Wahrheit. Jesus Christus, so sagen sie, ist nicht entweder Mensch oder Gott, er ist auch kein gottmenschlicher Zwitter. Er ist vielmehr wahrer Mensch und wahrer Gott. Beides ganz und gar. Chalkedon verzichtet darauf, dieses »und« zu erklären und formuliert stattdessen vier negative Verhältnisbestimmungen der beiden Naturen Jesu Christi: Sie existieren in ihm unverwandelt, ungetrennt, ungeteilt und unvermischt!

Um das Wesen Jesu Christi zu begreifen, sind demnach zwei einander (anscheinend) ausschließende Aussagen nötig! Die Konzilstheologen formulieren erstmals eine paradoxe göttliche Logik, die sich schon bei Paulus andeutet, wenn er von der göttlichen Logik spricht, die sich im Gekreuzigten Christus offenbart und die die Welt mit ihrer Logik nicht begreifen kann. Der Naturwissenschaftler Blaise Pascal hat später von der »Vernunft des Herzens« gesprochen, die allein die göttlichen Paradoxien zu fassen vermag.

DIE MODERNE PHYSIK UND WIR: Ausgerechnet die Atomphysik des 20. Jahrhunderts hat dieser paradoxen oder komplementären Logik gleichsam wissenschaftliche Weihen verlieren. Bei der physikalischen Untersuchung des Lichts kam man nämlich zu folgendem verblüffenden Ergebnis: Bei einigen Experimenten erschien das Licht als energetische Welle, bei anderen so, als gäbe es gleichsam materielle Licht-Teilchen. Welle und Teilchen, Geist und Materie, bis dato dualistisch geschieden, erscheinen nunmehr als zwei einander ergänzende Konzepte. Der scheinbare Widerspruch ist notwendig, um die eine Wirklichkeit des Lichts angemessen zu beschreiben.

Die göttliche Logik vereint die Gegensätze in Jesus

Das lädt geradezu zum Grübeln und Meditieren ein: Ist es vielleicht mehr als ein Zufall, dass sich der Jesus des Johannesevangeliums als »Licht der Welt« bezeichnet? Oder dass der Jesus der Bergpredigt im Matthäusevangelium seine Jünger ebenfalls »Licht der Welt« nennt? Wie das Licht die komplementäre Vereinigung von Energie und Materie ist, so ist in Jesus Christus der Dualismus von Schöpfer und Schöpfung, von Geist und Fleisch, von Gott und Mensch ein- für allemal aufgehoben.

Die göttliche Logik vereint die Gegensätze in Jesus - aber auch in uns! Paulus spricht es aus: »Ich lebe, aber nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!«. Das ist die Sprache der Vereinigungsmystik. Auch wir Menschen sind beides: vergängliche Erdlinge aus Staub und zugleich Gottes Ebenbilder und Kinder, in denen der ewige Gott wohnt. Luther, der die Problematik der Logik und Vernunft kannte, hat einmal gesagt: Niemand kann selig werden, es sei denn ohne Aristoteles. Er hat ein ähnliches Paradox formuliert: Wir Menschen sind immer »Sünder und Gerechte« zugleich. Die Theologie der Ostkirche, die immer schon mystischer war als die Vernunfttheologe des Westens und der es immer um die ganzheitliche Verklärung und Verwandlung des Menschen durch die Einwohnung Gottes ging, hat es an einigen Stellen sehr radikal formuliert: Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht wird.

Wenn wir nicht an die Göttlichkeit des Menschen Jesus glauben, an die Einheit von Gott und Mensch in ihm, wie können wir dann je daran glauben, dass wir zwar Menschen sind und bleiben, aber dennoch Gott selbst in uns wohnt als unser eigentliches Geheimnis und unsere wahre Identität? Vielleicht müssen wir dazu gar nicht »vergöttlicht« werden. Ein scharfsinniges Graffito, auf eine Hauswand gesprüht, brachte es so auf den Punkt: »Mach's wie Gott, werde Mensch!« Denn wenn sich Gott einmal im Fleisch geoffenbart hat in Jesus, dann müssen wir unser Menschsein und unser »Fleisch« nicht fliehen, um Gott zu finden. Meister Eckhart hat es die Geburt Gottes in der Seele genannt.

Auch deshalb ist die Zwei-Naturen-Lehre alles andere als eine abstruse oder konfuse oder überholte Denkfigur, sondern gehört zum unaufgebbaren Grundbestand unseres Glaubens. Nur Gott - das wäre zu fern. Nur Mensch - das könnte uns nicht erlösen. Der Gott-Mensch Jesus ist uns nah als Herr und Mitmensch.

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abgerufen 18.05.2012 - 15:12 Uhr

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