Home Artikel-ID: 2011_01_22_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 25.10.2014
Aktuelle Ausgabe: 42 vom 19.10.2014
Dieser Artikel: Ausgabe 01/2011 vom 02.01.2011
Alle Artikel der » Ausgabe 01/2011 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Wanderer und Weisheitslehrer

Glaubenskurs Teil 30: Jesus im apokryphen Thomasevangelium

Von Helmut Frank

Das apokryphe Thomasevangelium steht nicht in der Bibel, aber es enthält 114 Jesu zugeschriebene Worte, Dialoge und Gleichnisse. Jesus erscheint als Menschensohn, als Sohn des lebendigen Vaters, der Offenbarer, der den Jüngern das Geheimnis seiner - und ihrer - Herkunft mitteilt. Das »Reich des Himmels« ist ein Zentralbegriff des Evangeliums, jede Bezugnahme auf Tod, stellvertretende Sühne und Auferstehung Jesu fehlt jedoch.

Der Zweifler Didymus Judas Thomas - war er der Autor des Thomasevangeliums?
Foto: sob
   Der Zweifler Didymus Judas Thomas - war er der Autor des Thomasevangeliums?

        

Das Thomasevangelium galt als verschollene frühchristliche Schrift, seinem Namen nach bekannt durch die Erwähnung im Nachlass einiger Kirchenväter. Hippolyt von Rom erwähnte es im Jahr 235 erstmals und zitiert daraus, nur wenige Jahrzehnte später war nicht mehr davon die Rede - zumindest nicht mehr im Guten. Es sollte bis zum Jahr 1945 dauern, bis das verloren geglaubte Thomasevangelium wieder ans Licht kam.

An einem Dezembertag gruben ägyptische Bauern am Fuß des Jabal al-Tarif, eines Felshangs etwa zehn Kilometer nordöstlich von Nag Hammadi, nach einem natürlichen Dünger, dem sogenannten Sabakh. Beim Graben im Sand stießen die Bauern auf einen etwa einen Meter hohen Krug aus rotem Ton. In diesem Behältnis fanden die Bauern dreizehn in Leder gebundene Papyrus-Kodizes, mit denen sie zunächst wenig anfangen konnten.

Einer der Bauern, Muhammed Ali, Angehöriger des Samman-Klans, nahm die altertümlichen Päckchen mit nach Hause in sein Dorf al-Qasr. Dort warf er sie in eine Ecke in der Nähe der Feuerstelle, und einige Teile der Schriften wurden so von Muhammed Alis Mutter Umm Ahmad im Ofen verheizt. Da Ali in eine Blutfehde verwickelt war und die Polizei öfter einmal vorbeischaute, brachte er die Bücher zu einem koptischen Priester. Dessen Schwager erkannte den Wert der Kodizes und nahm sie mit nach Kairo, wo sie entdeckt wurden und ins ägyptische Museum wanderten.

Was hier nun auf dem Tisch lag, elektrisierte Textforscher und Theologen gleichermaßen. Frühchristliche Schriften, die bisher gar nicht oder nur durch einzelne Zitate in anderen Schriften bekannt waren, warteten nun auf ihre Entzifferung: das Evangelium der Wahrheit, das Apokryphon des Johannes, das Philippusevangelium, das Ägypterevangelium, die Offenbarungen des Petrus und Jakobus, die Apokalypse des Paulus - und neben vielen weiteren Schriften das Thomasevangelium.

Man weiß nicht, wer die kleine Sammlung mit insgesamt 53 Kodizes zusammengetragen hatte. War es die Bibliothek einer gnostischen Gemeinschaft? Warum wurden die Bücher versteckt? Um sie zu schützen oder um sie loszuwerden? Der Kirchenvater Athanasius hatte in seinem 39. Osterfestbrief die gnostischen Schriften auf den Index gesetzt und die inzwischen kanonisierte Bibel als Lektüre empfohlen. Möglich, dass dann die Schriften unter kirchenpolitischem Druck aussortiert wurden.

Das Thomasevangelium faszinierte die Fachwelt, weil hier möglicherweise Jesusworte aus der frühesten Phase der Überlieferung erhalten sind. Insgesamt 114 Aussprüche (Logien) Jesu sind überliefert, das Ganze ist mit »Evangelium nach Thomas« gezeichnet. Neben kurzen Dialogen finden sich auch Szenen, die in einem Jesuswort gipfeln. Der Text enthält keine Passions- und Auferstehungsgeschichten und unterscheidet sich so von den biblischen Evangelien. Interessant ist die Zusammenstellung: Es finden sich Jesusworte, die auch bei Matthäus und Lukas überliefert sind, dann aber auch völlig unbekannte Jesusworte.

Der Autor oder Sammler hat also die synoptischen Evangelien gekannt, hat aber noch weitere Quellen genutzt, die vermutlich im Jahr 100 bis 110 schriftlich fixiert wurden, die aber auf mündliche Überlieferungen aus den Jahren 40 bis 70 zurückreichen. Manche Textforscher halten sogar eine apostolische Herkunft der gesamten Schrift für möglich.

Wer war dieser Thomas? Der Prolog des Evangeliums gibt »Didymus Judas Thomas« als Autor an. »Didymus« ist das griechische, »Thomas« das aramäische Wort für Zwilling, sodass hier derselbe Name verdoppelt wurde. Das Johannesevangelium kennt einen »Thomas Didymus« in den Kapiteln 20 und 21. Denkbar ist, dass ein Unbekannter den Eindruck erwecken wollte, der ungläubige Thomas habe die Jesusworte aufgeschrieben.

Der Inhalt legt nahe, dass das Evangelium in Syrien geschrieben wurde. Bilder und Gleichnisse reden von der Rückkehr in den Urzustand, der Aufhebung des Gespaltenseins und der Trennungen. Darin ähneln sie anderen bekannten syrischen Texten wie dem Diatessaron das um die Mitte des 2. Jahrhunderts in Syrien entstanden ist. Gab es zum Thomasevangelium eine Gemeinde, die es las? Womöglich eine gnostische Gemeinde, eine Art Sekte, die auf ihre Erleuchtung gewartet hatte? Gnostisches Gedankengut klingt in der Einleitung an, wenn »geheime Worte Jesu« angekündigt werden. Diese Einleitung stammt jedoch aus späterer Zeit.

Zur Geheimnistuerei geben die Jesusworte keinen Anlass: Es sind weisheitliche und apokalyptische Worte, Gesetzesworte, Ich-Worte, Gleichnisse, Dialoge. Sie sind lose und unstrukturiert aneinandergereiht. Der Text ähnelt darin dem Spruchevangelium »Q«, das als älteste literarische Quelle der Evangelien von Matthäus und Lukas gilt - entstanden zwischen 40 und 70 n. Chr. Die Heilsbotschaft erscheint als Jesu eigene Verkündigung. Jede Bezugnahme auf Tod und Auferstehung Jesu fehlt.

Das Kreuz wird zwar einmal erwähnt, aber ohne Hinweis auf die stellvertretende Sühne für alle Welt. Auch Wundergeschichten fehlen, desgleichen Motive wie die Ankündigung des Jüngsten Gerichts sowie Hinweise auf Sakramente. Wie in der Logienquelle bezeichnet sich Jesus als Menschensohn, der Hoheitstitel wird aber hier auf alle wirklichen Nachfolger Jesu ausgedehnt. Jesus erscheint als der Lebendige, der Sohn des lebendigen Vaters, der Offenbarer, der den Jüngern das Geheimnis seiner - und ihrer - Herkunft mitteilt. Jesus ist eins mit dem Vater, eins mit dem Lichtreich, aus ihm ist alles hervorgegangen, er ist in allem enthalten.

Wer war dieser Thomas?

Wie in der Gnosis - einer Lichtreligion der Antike - wird die Menschenwelt negativ beurteilt, der menschliche Körper ist ein Leichnam. Diejenigen, die Jesu wahre Gestalt erkennen, die lernen auch, dass sie selber der Lichtwelt, dem Einen, zugehören.

Das »Königreich«, das »Reich des Vaters« oder das »Reich des Himmels« ist ein Zentralbegriff des Thomasevangeliums. Dabei wird der Unterschied zu der Predigt Jesu in den drei ersten Evangelien deutlich: Eie eschatologische Ausrichtung auf die Zukunft fehlt fast völlig. Gewiss ist von »eingehen« oder »finden« die Rede, und zwar durchaus in zukünftigem Sinn. Aber diese Aussagen hängen eng mit der Aussage zusammen, dass der Jünger aus dem Reich stammt. Wichtig scheint nur die Gegenwärtigkeit des Reiches zu sein.

Es lassen sich kaum Spuren einer Gemeindebildung erkennen. Der Zugang zum »Reich« wird den Einzelnen, von dem Ruf Jesu Erreichten zugesagt. Es sind die »Kleinen«, die »Einzelnen«, die »Einsamen«, die das »Reich« und damit die »Ruhe« erreichen. Ein merkwürdiges Jesuswort aus dem Text: »Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr aus zwei eins macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere und wenn ihr aus dem Männlichen und dem Weiblichen eine Sache macht, sodass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist, und wenn ihr Augen macht statt eines Auges und eine Hand statt einer Hand und einen Fuß statt eines Fußes, ein Bild statt eines Bildes, dann werdet ihr in das Königreich eingehen.«

Ein geheimnisvolles Jesuswort lautet: »Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.« Und es findet sich auch so Seltsames wie: Jesus sagte: »Wer den Vater und die Mutter kennt, wird Sohn einer Hure genannt werden.«

Hätte das Thomasevangelium trotz aller Bedenken Eingang in den biblischen Kanon gefunden - in die »Bibel in gerechter Sprache« -, wäre es sicher nicht mehr aufgenommen worden. Jesus verspricht den Jüngern, Maria männlich zu machen, damit sie ein lebendiger Geist wird und in das Himmelreich gelangen kann. Viele Sprüche des Thomasevangeliums zeugen von einer gnostischen Bearbeitung und sind heute nicht mehr verständlich, weil die Gedankenwelt der Gnosis nicht mehr nachvollziehbar ist. Gleichwohl ist das Thomasevangelium wegen seiner authentischen Jesusworte wertvoll.

Dietrich Koller: Das Thomasevangelium für heute - Ein spiritueller Begleiter, Kreuz Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-7831-3174-1, 17,95 Euro.

 

  BUCHTIPP: Dietrich Koller: Das Thomasevangelium für heute - Ein spiritueller Begleiter, Kreuz Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-7831-3174-1, 17,95 € oder für 5,95 € bei  www.herdershop24.de

WORTE JESU AUS DEM THOMASEVANGELIUM

  »Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.«

  »Ich habe ein Feuer auf die Welt geworfen, und seht, ich bewache es, bis es sich entzündet.«

  »Wenn ihr meine Jünger werdet und wenn ihr auf meine Worte hört, werden euch diese Steine dienen. Denn ihr habt fünf Bäume im Paradies, die verändern sich nicht, weder im Sommer noch im Winter, und deren Blätter fallen nicht. Derjenige, der sie kennt, wird den Tod nicht schmecken.«

  »Eine Stadt, die auf einem Berg gebaut ist, erhöht und befestigt, kann nicht fallen, noch kann sie verborgen werden.«

  »Wenn ihr aus zwei eins macht, werdet ihr Söhne des Menschen.«

  »Es ist unmöglich, dass ein Mensch zwei Pferde besteigt und dass er zwei Bogen spannt; und es ist nicht möglich, dass ein Diener zwei Herren dient, es sei denn, er ist ehrerbietig dem einen gegenüber, und den anderen verhöhnt er.«

  »Simon Petrus sprach zu ihnen: Maria soll aus unserer Mitte fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sprach: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird, vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Himmelreich gelangen.«

  »Die Jünger sprachen zu Jesus: Sage uns, wie unser Ende sein wird. Jesus sprach: Habt ihr denn schon den Anfang entdeckt, dass ihr nach dem Ende fragt? Denn dort, wo der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein. Selig, wer am Anfang stehen wird, und er wird das Ende erkennen und den Tod nicht schmecken.«

 

Jetzt lösen und gewinnen: das große Sonntagsblatt-Weihnachts-Preisrätsel 2013
 

 

»Basiswissen Christentum« - der Glaubenskurs im Sonntagsblatt. Lesen Sie mit, machen Sie mit, diskutieren Sie mit!
 

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2011_01_22_01.htm
abgerufen 25.10.2014 - 20:56 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2014, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB