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Dieser Artikel: Ausgabe 49/2010 vom 05.12.2010
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Vom täglichen Verschwinden des Lebens

Tutzinger Marie-Luise-Kaschnitz-Preis 2010 für den Lyriker und Erzähler Mirko Bonné


Der in Hamburg lebende Erzähler, Lyriker und Essayist Mirko Bonné ist in der Evangelischen Akademie Tutzing mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis 2010 ausgezeichnet worden.

Mirko Bonné.
Foto: Ullstein
   Mirko Bonné.

Schon sein 1994 in einem Kleinverlag erschienener erster kleiner Gedichtband folgte dem literarisch-poetischen Leitmotiv, das sich auch durch die Essays und Erzählungen von Mirko Bonné zieht: Jedes der damals veröffentlichten 18 Gedichte, hat Bonné später geschrieben, »widmet sich einem bestimmten Ort, Orten, an denen ich war, an denen ich gern gewesen wäre, Orten, an denen sich mein Großvater oder ein literarisches Vorbild aufhielt.«

Fakten, Fiktion, Konstruktion

Fakten und Fiktion mischen sich so auch in den Romanen Mirko Bonnés - auf eindrucksvolle Weise in seiner Seefahrer-Erzählung »Der eiskalte Himmel« (2006): Während im August 1914 Europa in den blutberauschten Wahnwitz des Ersten Weltkriegs taumelt, macht sich der Brite Ernest Shackleton auf zu einer riskanten Expedition. Nachdem der Norweger Roald Amundsen 1911 das Rennen zum Südpol gewonnen hatte, lag für Shackleton die letzte verbliebene Herausforderung der Antarktisforschung in der Durchquerung des antarktischen Kontinents von Küste zur Küste über den geografischen Südpol hinweg.

Mit an Bord seines Schiffes hat Shackleton 69 Schlittenhunde, ein Grammofon, ein Fahrrad - und (hier enden die Fakten, und die Fiktion beginnt) einen blinden Passagier: Aus der Perspektive des 17-jährigen Merce Blackboro erzählt Bonné, wie Shackleton in einer abenteuerlichen Rettungsaktion alle Expeditionsteilnehmer vor dem sicheren Tod bewahrt.

Sein Romandebüt gab der 1965 am Tegernsee geborene Bonné 1999 mit »Der junge Fordt«. Die Kritik nahm den Erstling eher zwiespältig auf. Bonné siedelte die Geschichte in seiner Wahlheimat Hamburg an: Bereits hier spielen detailreiche Motive der Seefahrt - als Symbol für das Unternehmen der menschlichen Lebensreise - eine wesentliche Rolle.

Gelegentlich lässt sich Bonné auch in »Der eiskalte Himmel« noch von der Überfülle der von ihm recherchierten Details mitreißen, doch es gelingt ihm immer wieder, die Dinge zwischen Wirklichkeit und Imagination ins Schweben zu bringen.

Als Lyriker hat Bonné unter anderem Werke der amerikanischen Dichter William Butler Yeats und John Keats übersetzt sowie zuletzt 2008 den Band »Die Republik der Silberfische« herausgebracht.

In den Feuilletons gefeiert wurde Bonnés im vergangenen Jahr erschienener Roman »Wie wir verschwinden«. Hier ist es jener Tag des Jahres 1960, an dem der französische Philosoph Albert Camus und der Verleger Michel Gallimard bei einem Autounfall in dem Dorf Villeblevin ums Leben kommen, der als faktischer Dreh- und Angelpunkt der Fiktion dient. Vielschichtig verwoben wird der tödliche Unfall Camus' zum symbolischen Schicksalsereignis für die Erinnerungsreise von zwei alt gewordenen Jugendfreunden, deren Versöhnung auch etwas vom täglichen Verschwinden des Lebens aus dem Leben erzählt.

Auch in Bonnés zuletzt erschienenem Essayband »Ausflug mit dem Zerberus« taucht Albert Camus in den unterschiedlichsten Texten wieder auf - wie überhaupt manche Motive aus der literarischen Welt Bonnés wie im Kaleidoskop in immer neuen Brechungen erkennbar sind. Bonné nimmt uns auf Reisen zu Orten mit, an denen sich Biografisches, in der Lektüre Erlebtes und Imaginiertes spiegeln: Ist es das »echte Leben«, das die Geschichten der Literatur schafft - oder schafft erst die Literatur das »Leben«?

»Existenzialistischer Ernst«

Die Evangelische Akademie Tutzing hat Mirko Bonné nun mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis 2010 ausgezeichnet. Bonné zähle zu den »profiliertesten deutschen Autoren seiner Generation«, begründet die Akademie ihre Entscheidung: »Mit seltener Nachdenklichkeit sowie mit einem geradezu existenzialistischen Ernst handeln die Bücher Bonnés von den großen Fragen des menschlichen Lebens wie Treue und Verrat, Selbstentwurf und Scheitern.«

Mit dem mit 7500 Euro dotierten Kaschnitz-Preis werden seit 1984 alle zwei Jahre deutschsprachige Schriftsteller für ihr erzählerisches und lyrisches Werk geehrt. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Ilse Aichinger, Paul Nizon, Erica Pedretti, Arnold Stadler und Robert Menasse.

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abgerufen 22.05.2013 - 21:47 Uhr

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