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Dieser Artikel: Ausgabe 36/2010 vom 05.09.2010
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»Ich wurde zur Rabbinerin geboren«

Mira Raz ist Reform-Rabbinerin in Israel - Reformjuden wollen Glaube und modernes Leben vereinen


Es hat lange gedauert, bis Mira Raz zu sich fand. Die 57-jährige Frau ist Rabbinerin in Israel. Eine Zeitungsanzeige veränderte ihr Leben. Darin hatte die jüdische Reformgemeinde um Mitarbeiter geworben. Nur im Reformjudentum sind seit 1972 auch weibliche Religionsgelehrte zugelassen, in Israel gibt es insgesamt 32 Reformrabbinerinnen.

Gelebte Spiritualität ohne ultra-orthodoxen Lebensstil: die Reform-Rabbinerin Mira Raz.
Foto: epd-bild
   Gelebte Spiritualität ohne ultra-orthodoxen Lebensstil: die Reform-Rabbinerin Mira Raz.

»Ich glaube, ich wurde zur Rabbinerin geboren«, sagt Raz am Esstisch ihres Apartments im Tel Aviver Lebenskünstlerviertel Florentin. Zwar stammt sie aus einer säkularen jüdischen Familie, doch bereits in der Schule studierte sie begeistert den Talmud.

Äußerlich weist nichts auf Raz würdevolles Amt hin. Im Gegensatz zu strenggläubigen orthodoxen Frauen, die das Haus nur hochgeschlossen und mit bedecktem Haupt verlassen, trägt Raz ihr graues, schulterlanges Haar offen. Ein goldener Davidstern baumelt im tiefen Ausschnitt ihres T-Shirts.

»Protestanten« des Judentums

Nicht nur hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter sind Reformjuden sehr viel liberaler als Orthodoxe. Das Reformjudentum begreift auch die religiösen Gesetze als veränderlich: Die spirituelle Bedeutung einer Handlung ist wichtiger als die wörtliche Einhaltung der Verhaltensregeln. Die Gläubigen können also zum Beispiel am Sabbat mit dem Auto in die Synagoge fahren, denn es kommt darauf an, dass sie zum Gottesdienst kommen - und nicht, wie sie dorthin gelangt sind. Doch die Zahl der Reformjuden in Israel ist gering. Es gibt 24 Reformgemeinden, im Gegensatz zu Tausenden von orthodoxen Synagogen.

Die Reform-Bewegung stammt aus Deutschland. Dort wurde sie im 19. Jahrhundert gegründet, von Juden, die ihre Religiosität mit einem weltlichen, angepassten Lebensstil vereinbaren wollten. Ebenso kam auch Mira Raz zu ihrer Berufung. Sie las die Anzeige der Reformgemeinde in der Zeitung. Ein Zitat sprach sie besonders an: »Altes soll sich erneuern, und was sich verändert, soll heilig sein«, stand da. Danach hatte Raz gesucht: Spiritualität ohne den rückwärtsgewandten ultra-orthodoxen Lebensstil.

Raz war schon länger unzufrieden gewesen, als sie auf die Anzeige stieß - mit ihrem Leben als Ehefrau und Mutter in Petach Tiquwa, einem kleinen Ort östlich von Tel Aviv, und mit ihrem Beruf als Religionslehrerin an einer staatlichen Schule. »Ich war sehr frustriert«, erinnert sie sich. »Ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas fehlte.«

Dann nahm die damals 37-Jährige Kontakt mit der reformjüdischen Gemeinde auf. Als die Familie zwei Jahre später nach Tel Aviv zieht, geht Raz endgültig neue Wege. Sie lässt sich an einer Reformakademie in Jerusalem zur Rabbinerin ausbilden und beginnt noch während des Studiums, für die Reformgemeinde in Netanya zu arbeiten, an der Küste zwischen Haifa und Tel Aviv.

Als sie im Jahr 2000 zur Rabbinerin ordiniert wird, verrichtet sie dort bereits seit acht Jahren die religiösen Dienste. Darüber geht ihre Ehe in die Brüche. »Ich ließ mich scheiden, weil ich immer mehr ich selbst wurde«, erinnert sich Raz.

Zurzeit hat Mira Raz ein Sabbatjahr genommen. »Der Zustand meiner Gemeinde ist etwas heikel«, sagt die 57-Jährige und spielt damit auch auf das Verhältnis von Reformjudentum und orthodoxem Judentum in Israel an. Denn was für Mira Raz der Schlüssel zu einem erfüllten und selbstbestimmten Leben war, wird von vielen ultra-orthodoxen Juden nicht akzeptiert.

Nicht offiziell anerkannt

Das Reformjudentum ist in Israel nicht offiziell als Vertretung der jüdischen Religion anerkannt. Nur orthodoxe Rabbiner dürfen offiziell Ehen trauen, Paare scheiden, männliche Säuglinge beschneiden und Tote bestatten. Darüber hinaus versuchen die ultra-orthodoxen Parteien Israels, den Einfluss des Reformjudentums zu begrenzen.

»Das Problem beginnt damit, dass die Ultra-Orthodoxen Exklusivität für sich beanspruchen«, erklärt Raz. »Sie behaupten, ihr Weg sei der einzig wahre, um ein gläubiger Jude zu sein.« So ist es Reformgemeinden nicht erlaubt, eigene Synagogen zu bauen und zu besitzen. Räume müssen gemietet werden - eine finanzielle Bürde. Seit Beginn der Finanzkrise kann sich die Reformgemeinde in Netanya keine Vollzeit-Rabbinerin mehr leisten - deshalb das Sabbatjahr von Mira Raz. Sie fährt nur noch für besondere Anlässe nach Netanya.

Trotz all der Hindernisse ist die Reformrabbinerin sich sicher: »Wir sind die Brücke zwischen Spiritualität und der materiellen Welt, die mehr und mehr Menschen überqueren werden.«

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Marlene Halser

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:13 Uhr

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