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Dieser Artikel: Ausgabe 36/2010 vom 05.09.2010
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Jesus, der Therapeut

Glaubenskurs Teil 15: Wie Jesus psychosomatisch Kranke heilt und Familien therapiert

Von Anselm Grün

Jesus hatte eine bemerkenswerte Art, Konflikte zu lösen. Er beherrschte es, die innere Einheit von Menschen wiederherzustellen. Dahinter steckt eine ganzheitliche Auffassung vom Leben.

Christus erweckt den Jüngling von Nain, Martino Altomonte, 1731, Budapest.
Foto: akg-images
   Christus erweckt den Jüngling von Nain, Martino Altomonte, 1731, Budapest.

        

Alle vier Evangelien erzählen uns Heilungsgeschichten. Jesus heilt kranke Menschen, gelähmte, blinde, stumme und taube sowie Menschen, die vom Dämon, vom unreinen Geist besessen sind. Wenn wir diese Geschichten anschauen, entdecken wir, wie viel therapeutische Weisheit Jesus besitzt. Wir könnten Jesu Therapiemethoden darin erkennen. Dabei geht es nicht darum, sich nur zu wundern, wie weise Jesus war. Vielmehr werden uns die Geschichten im Gottesdienst vorgelesen, damit das, was damals geschah, an uns heute geschieht. Oder wir meditieren diese Texte, um im Licht der Erzählung die eigenen Wunden wahrzunehmen und sie Jesus hinzuhalten.

Jesus ist dabei nie der Zauberer, der uns einfach die Krankheit wegnimmt. Die Heilung geschieht vielmehr immer in der Begegnung, in der der Kranke mit seiner Krankheit konfrontiert wird und sie Jesus hinhält, damit er seine heilende Kraft in die Wunden fließen lässt. Ich möchte ein paar Methoden jesuanischer Therapie beschreiben.

Da gibt es Menschen, die auf Jesus zulaufen und ihn darum bitten, geheilt zu werden, wie etwa der Aussätzige in  Markus 1, 40-45. Der Aussätzige steht für einen Menschen, der sich selbst nicht ausstehen, der sich nicht annehmen kann und sich daher auch von allen andern abgelehnt und ausgeschlossen fühlt. In seiner Ohnmacht kommt er zu Jesus, fällt vor ihm auf die Knie und bittet: »Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde« ( Markus 1, 40).

Oft sind es vier Schritte der Heilung, die wir beobachten können, so auch hier:

  1. Jesus hat Mitleid. Er öffnet sich in seinem Innern für diesen Kranken. Er fühlt mit ihm.

  2. Jesus streckt die Hand aus. Er geht eine Beziehung zum Kranken ein. Er bietet ihm seine Nähe an.

  3. Jesus berührt ihn. Jesus hat keine Angst, mit dem inneren Chaos eines Menschen in Berührung zu kommen.

  4. Jesus sagt zum Kranken: »Ich will es - werde rein!« (Markus 1, 41).

Für mich heißt das: »Ich nehme dich an. Aber jetzt ist es auch deine Aufgabe, Ja zu dir zu sagen.« Jesus weckt immer auch die heilende Kraft im Menschen auf. Manchmal kommen Menschen zu uns als Therapeuten oder Seelsorger. Sie vermitteln uns gleichsam: »Wenn du ein besserer Seelsorger wärest, ginge es mir besser.« Sie weigern sich, an ihrer Heilung mitzuwirken. Sie wollen einfach nur vom andern repariert werden, ohne Selbstbeteiligung. Jesus gerät nicht in diese Falle. Er heilt, aber er mutet auch dem Kranken zu, sich auf die Heilung einzulassen und daran mitzuwirken.

Die Wiedererweckung der Tochter des Jaïrus, George Percy Jacomb-Hood (1857 - 1930), London, Guildhall Art Gallery, 1885.
Foto: sob
   Die Wiedererweckung der Tochter des Jaïrus, George Percy Jacomb-Hood (1857 - 1930), London, Guildhall Art Gallery, 1885.

        

Das wird noch deutlicher in der Heilungsgeschichte in  Johannes 5, 1-9. Hier ist es Jesus selbst, der auf den Kranken zugeht. Da ist einer, der seit 38 Jahren krank ist. Die Zahl bezieht sich auf die 38 Jahre, die Israel - an der Grenze zum Gelobten Land - nochmals durch die Wüste irren musste, bis alle waffenfähigen Männer gestorben seien. Der Kranke steht also für einen Menschen, der keine Waffen mehr hat, der sich nicht mehr wehren, nicht mehr abgrenzen kann. Er bezieht alles in seiner Umgebung auf sich selbst. Auch hier geschieht die Heilung in vier Schritten:

  1. Jesus sieht ihn. Indem er ihn ansieht, schenkt er ihm Ansehen.

  2. Jesus versteht ihn. Indem er ihn versteht, gibt er ihm Möglichkeit, sich selbst zu verstehen und zu sich zu stehen.

  3. Jesus fragt ihn: »Willst du gesund werden?« ( Johannes 5, 6). Wir denken, das sei doch selbstverständlich, dass einer gesund werden möchte. Doch die Psychologie spricht vom sekundären Lustgewinn der Krankheit. Es gibt auch Kranke, die die Krankheit benutzen, um ihrer Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Jesus fordert auch hier den Kranken auf, an seiner Heilung mitzuwirken. Er bringt ihn mit seinem Willen in Berührung. Auf diese Frage antwortet jedoch der Kranke recht ausweichend. Man könnte seine Worte so verstehen: »Ich bin zu kurz gekommen. Die andern haben es besser als ich. Ich habe ja keinen Menschen, mit dem ich reden kann, dem ich vertrauen kann.« Der Kranke sieht also in den Umständen seines Lebens den Grund seiner Krankheit. Die anderen sind daran schuld: die Eltern, die Erzieher, die Kirche, die Gesellschaft.

  4. Doch auf diese Ausrede antwortet Jesus nun gar nicht mitfühlend, sondern mit dem strikten Befehl: »Steh auf, nimm deine Bahre und geh!« ( Johannes 5, 8).

Als ich diese Geschichte im Kreis von Therapeuten einmal besprach, meinte ein erfahrener Therapeut, er sei fasziniert von der konfrontierenden und desillusionierenden Therapiemethode Jesu. Er hält sich nicht mit seinem Jammern auf. Er konfrontiert ihn mit seiner eigenen Kraft. Und er nimmt ihm die Illusion, als ob die anderen nur daran schuld wären. Er spricht ihn mit diesem Satz Mut zu, einfach aufzustehen. Das Bett, welches Zeichen seiner Lähmung und Hemmung ist, soll er unter den Arm nehmen. Er soll nicht warten mit dem Aufstehen, bis er sich ganz sicher fühlt. Vielmehr soll er mit seinen Hemmungen und Blockaden aufstehen und sich davon nicht mehr ans Bett fesseln lassen.

Das verlangt eine Veränderung seiner Einstellung. Viele Menschen sind nur bereit aufzustehen, wenn sie sich sicher fühlen. Dahinter steht die Vorstellung, sie müssten immer perfekt sein. Die falsche Vorstellung macht sie letztlich krank.

Die Wiedererweckung der Tochter des Jaïrus, Ilja Repin (1844 - 1930), St. Petersburg, Russisches Museum, um 1900.
Foto: sob
   Die Wiedererweckung der Tochter des Jaïrus, Ilja Repin (1844 - 1930), St. Petersburg, Russisches Museum, um 1900.

        

Man könnte die Therapiemethode Jesu in allen Heilungsgeschichten noch weiter entfalten. Ich möchte nur noch auf eine Geschichte eingehen, auf die Heilung des Taubstummen in  Markus 7, 31-37: Hier nimmt Jesus den Kranken von der Menge weg. Er schafft gleichsam einen Raum des Vertrauens und der Sonderbehandlung wie in einem Therapeutenzimmer. Der Mann, der aus Angst vor dem Urteil der andern verstummt ist, der seine Ohren verschlossen hat, weil er die Aggressionen, die ihm aus den Worten anderer entgegenkamen, nicht mehr hören konnte, braucht einen Raum des Vertrauens, in dem er sich langsam wieder öffnen kann. Es ist ein mütterlicher Raum, wie es im Speichel sichtbar wird, mit dem Jesus die Zunge des Mannes berührt. In den sechs Schritten seiner Therapie führt Jesus den Mann langsam ein in das Geheimnis des Sprechens und Hörens. Letztlich geht es darum, in jedem Wort des andern auch seine Sehnsucht nach Zuwendung zu spüren (Jesus legt den Finger in die Ohren), und das Wesen des Gesprächs ist, dass der Himmel über uns aufgeht.

Jesus als Familientherapeut in den Evangelien

Jesus heilt aber nicht nur die persönlichen Krankheiten, die in der Bibel meistens einen psychosomatischen Hintergrund haben. Man könnte Jesus auch den ersten Familientherapeuten nennen, der die Wunden heilt, die durch misslungene Elternbeziehungen entstehen. Dabei heilt Jesus nie nur den Sohn oder die Tochter, sondern wendet sich immer zuerst dem Bittsteller zu, dem Vater oder der Mutter.

Jesus weist keine Schuld zu. Er sagt nicht, der Vater oder die Mutter sei schuld an der Krankheit des Sohnes oder der Tochter. Er hebt einfach die Verwicklungen auf, in die sich die Eltern und die Kinder verstrickt haben. In den vier Heilungsgeschichten, die wir als Beziehungsgeschichten interpretieren können - Vater-Tochter in  Markus 5, 21-43, Mutter-Tochter in  Markus 7, 24-30, Vater-Sohn in  Markus 9, 14-29 und Mutter-Sohn in  Lukas 7, 11-17 -, können wir dabei die therapeutische Weisheit Jesu als Familientherapeut entdecken.

Jesus behandelt den Vater anders als die Mutter. In beiden Vätergeschichten geht es darum, dass der Vater Glauben lernen muss. Er muss lernen, die Tochter oder den Sohn loszulassen. Männer meinen oft, sie könnten die Kinder wie eine Firma organisieren oder wie ein Stück Holz formen. Sie müssen lernen, die Kinder den inneren Prozessen zu überlassen und dem inneren Bild, das Gott sich von ihnen gemacht hat. Bei beiden Müttergeschichten geht es um das Thema Abgrenzung. Mütter sorgen sich um ihre Kinder und geben sich für sie hin. Das ist gut so. Aber irgendwann gilt es, sich abzugrenzen, damit auch den Kindern die Abgrenzung gelingt.

Wir können noch eine andere Gesetzmäßigkeit feststellen: Bei den gleichgeschlechtlichen Beziehungen - Vater-Sohn und Mutter-Tochter - geschieht die Heilung durch das Austreiben des Dämons. Dämonen sind unreine Geister. Man könnte sie als Projektionen verstehen. Eine Mutter sah in ihrer schönen Tochter nicht diese einmalige Tochter, die Gott ihr geschenkt hat, sondern immer nur die Rivalin, die sie an ihre Schwester erinnerte, die ihr in ihrer Jugend immer vorgezogen wurde. Diese Projektion bringt die Tochter völlig durcheinander. Sie weiß gar nicht, warum die Mutter sie so behandelt. Es ist wie ein Dämon, der ihr Denken trübt. Dieser Dämon muss ausgetrieben werden.

Bei den gegengeschlechtlichen Beziehungen - Vater-Tochter und Mutter-Sohn - geschieht die Heilung über das Sterben und das neue Aufgeweckt-Werden. Die Symbiose zum Vater oder zur Mutter muss aufgebrochen werden. Die alte Identität muss sterben, bevor Jesus die Tochter oder den Sohn auferweckt und sie auf die eigenen Füße stellt.

Auf die Begegnung mit Jesus kommt es an

Für mich ist es faszinierend, die Therapiemethoden Jesu immer wieder neu zu meditieren. Aber es geht mir nicht um psychologische Erkenntnisse, sondern darum, dass heute in der Begegnung mit Jesus Heilung geschieht. Die Geschichten sind nach einem Wort von Franz Kafka wie die Axt für das gefrorene Meer unserer vereisten Gefühle. Sie bringen unsere vereisten Gefühle zum Schmelzen. Sie öffnen uns, damit wir die ganze Wahrheit Jesus hinhalten. Die Heilung kann im Gebet und in der Meditation der biblischen Geschichten geschehen. Sie geschieht aber vor allem im Abendmahl, in dem wir als die Gelähmten, als die Blinden, als die Verstummten und als die seelisch Verletzten Jesus leibhaft begegnen und in seinem Leib und in seinem Blut die leibhafte Zuwendung Jesu erfahren. Die biblischen Heilungsgeschichten wollen uns ermutigen, unsere ganze Wahrheit Jesus, dem wahren Therapeuten, hinzuhalten und in der Begegnung mit ihm seine heilende Berührung und seine heilenden Worte zu erfahren.

Pater Anselm Grün.

 

  Anselm Grün (65) ist Benediktinerpater in Münsterschwarzach, Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter für Meditation. Er ist einer der meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart.

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abgerufen 04.02.2012 - 06:14 Uhr

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