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Dieser Artikel: Ausgabe 36/2010 vom 05.09.2010
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Null Bock auf nichts

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Herr B. ist Ende 20, hat sein Studium mit guten Berufsaussichten abgeschlossen - und ist depressiv.

Ich werde bald meinen 30. Geburtstag feiern. Meine Kumpel, die etwa im selben Alter sind, bersten vor Lebenslust. Sie haben entweder gerade Examen gemacht oder befinden sich in den ersten Berufsjahren. Manche von ihnen haben auch schon eine Familie gegründet oder haben das in nächster Zeit vor.

Ja, auch ich habe mein Studium abgeschlossen. Gar nicht mal so schlecht, und als Diplomingenieur habe ich auch ziemlich gute Berufsaussichten. Das Problem liegt in mir. Ich fühle mich lustlos, spüre wenig Initiative, empfinde dafür eine innere Unausgefülltheit und Leere. Wirklich null Bock auf nichts.

Natürlich habe ich schon vermutet, ob ich hier nicht eine Depression entwickle. Momentan wehre ich mich aber noch gegen diese Diagnose und traue sie mich gar nicht auszusprechen. Aber vielleicht werde ich mich doch mal bei unserem Hausarzt anmelden müssen.

Ach ja, zu erwähnen ist vielleicht noch, dass meine Eltern sich vor einem Jahr haben scheiden lassen. Aber das spielt wohl nicht eine so große Rolle, denn ich bin seit gut 10 Jahren aus dem Haus und so besonders nahe war die Beziehung zu meinen Eltern nie. Zu der Distanz trug sicher auch das religiöse Klima in der Familie bei, das immer spöttisch und herablassend war. Ich selbst habe mich nie als sehr gläubig empfunden, aber diese oberflächliche Polemik war mir immer zu seicht und geistlos.

Herr B.

 

Das »Ach ja...« in Ihren letzten Zeilen klingt beiläufig, aber es wirkt wie ein Seufzen. Ich weiß nicht, ob es eine direkte Verbindung zwischen der Scheidung Ihrer Eltern und Ihrem Befinden gibt, aber vorstellbar ist es doch.

Die Scheidung der Eltern veranlasst Sie, sich noch einmal mit Ihrer Kindheit ausei­nander zu setzen. Da wird etwa der für unsere Entwicklung so bedeutende religiöse Bereich lebendig. Diese spöttische, herablassende, oberflächlich-polemische, seichte und geistlose Atmosphäre - spüren Sie, welch starke Worte Sie wählen? - hat vielleicht nicht nur eine Distanz geschaffen, sondern auch zu der Leere beigetragen, die Sie jetzt so stark empfinden.

Sie fragen sich, ob Sie nicht eine Depression entwickeln. Das Sich-wehren gegen diese Diagnose, die Scheu selbst vor dem Wort - wie aufmerksam Sie sich hier wahrnehmen! - spricht eher für diese Vermutung. Der Kontrast zu der »berstenden Lebenslust« der Kumpel und zu den an und für sich »guten Berufsaussichten« verstärkt Ihr Empfinden von Unausgefülltheit.

Folgen Sie doch Ihrem Impuls und suchen Sie Ihren Hausarzt auf. Die Depression, sollte sich diese Vermutung bestätigen, ist eine Krankheit, die behandelt werden muss und heute auch behandelt werden kann. Mit Ihrem Doktor werden Sie die unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten durchsprechen.

Zum Schluss: Als Ihr Brief kam, hatte ich gerade ein Wort aus den Herrnhuter Losungen meditiert, einer Zusammenstellung von Bibelsprüchen für jeden Tag des Jahres: »Ich, Gott, will Menschen trösten und sie wieder erfreuen nach ihrer Betrübnis« (Jeremia 31,13). Ich höre darin beides: Ja, es gibt Zeiten, in denen wir traurig und leer und unausgefüllt sind. Und: Dabei soll es nicht bleiben, denn Gott will, dass wir getröstet werden und zur Lebensfreude zurückfinden und weist uns dafür Wege.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Waldemar Pisarski

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:15 Uhr

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