Mit einem Eid gegen »Irrlehren«
Vor 100 Jahren eskalierte in der katholischen Kirche der Streit über den »Modernismus«
Im Reichstag ging es am 14. Dezember 1910 zur Sache: Adolf Gröber von der Zentrumspartei weigerte sich, das Wort »Verleumdung« zurückzunehmen, und wurde zur Ordnung gerufen. Erregt hatte Gröber ein Debattenbeitrag des Liberalen Ernst Müller-Meiningen, in dem dieser das katholische Zentrum einer »taktlosen Verquickung von Politik und Religion« geziehen hatte. Die Folie für die kulturkämpferischen Töne war eine weitere Eskalation im Modernismusstreit, der im Katholizismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts tobte.
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Lutherischer Weltbund
 Er stand 1956 unter Modernismus-Verdacht: der Theologe Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI.
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Papst Pius X., in mancher Hinsicht durchaus ein Reformer, hatte mit der Verlautbarung »Sacorum Antisitium« am 1. September 1910 für alle Priester und kirchlichen Amtsträger den Antimodernisten-Eid vorgeschrieben. In Form eines Glaubensbekenntnisses mit Eidesformel musste allen »Irrlehren« des sogenannten Modernismus abgeschworen werden.
Bereits drei Jahre zuvor hatte der Vatikan mit dem Dokument »Lamentabili« und der Enzyklika »Pascendi« Reformbestrebungen in der katholischen Theologie als geschlossenes System einer Verschwörung gegen Kirche und Lehramt ausgemacht. Verworfen wurden moderne Bibelkritik, Forderungen nach kirchlichen Strukturreformen und Theologen auf die scholastische Theologie verpflichtet. Darin werde die moderne historische Denkweise als Feind ausgemacht, urteilte der evangelische Theologieprofessor Ernst Troeltsch 1908 über das Lehrschreiben.
Drehte es sich bis dahin in der Modernismus-Debatte um die Unvereinbarkeit gesellschaftlicher und politischer Neuerungen mit den katholischen Positionen, so richtete sich der päpstliche Bann nunmehr gegen neues Denken in der Theologie. Unter Modernismusverdacht gerieten in erster Linie Theologen in Frankreich und Italien sowie Großbritannien. Zu Schlüsselfiguren gehörten der Franzose Alfred Loisy, aus Großbritannien George Tyrell und Friedrich von Hügel. In Deutschland gerieten etwa Joseph Schnitzer und der Theologieprofessor Hermann Schell unter Druck; seine Werke wurden auf den Index verbotener Bücher gesetzt.
Eine neue Qualität erhielt die Bekämpfung des kirchlich-theologischen Modernismus durch den Antimodernisten-Eid. Auf Betreiben des vatikanischen Untersekretärs Umberto Benigni entstand die Organisation Sodalitium Pianum, die mit geheimdienstlichen Methoden Jagd auf Abweichler machte. Mit Kampagnen und gezielter Desinformation entstand »ein unerträgliches Klima des Misstrauens und der Denunziation«, wie der Kirchenhistoriker Peter Neuner in seiner Studie über den Modernismus-Streit schreibt. Aufgelöst wurde die Geheimorganisation erst 1921. Den Antimodernisten-Eid mussten alle mit Seelsorge und Lehre betrauten Priester ablegen, daneben alle Kleriker vor dem Empfang der höheren Weihen, Pfarrer, Bischöfe vor Amtsantritt, Ordensobere sowie Theologieprofessoren.
Deutsche Theologieprofessoren konnten von der Eidesleistung befreit werden, wenn sie nicht als Seelsorger tätig waren. Weltweit haben nur wenige Priester den Eid verweigert. »Der Antimodernisten-Eid brachte viele Theologieprofessoren in schwere Gewissenskonflikte, an denen mancher zerbrach«, findet der Religionsphilosoph Eugen Biser rückschauend.
Stillschweigend abgeschafft wurde der Antimodernisten-Eid erst 1967, zwei Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, von dem etliche Anliegen der als »Modernisten« geziehenen Theologen aufgegriffen wurden. »Ich empfinde heute noch Scham, dass ich diesen Eid als junger Kleriker achtmal - auf Zureden meines Spirituals - abgelegt habe«, hielt der renommierte Professor für katholische Dogmatik, Peter Hünermann, schon 1989 in einem »offenen Brief« fest. Die Praxis des Antimodernisten-Eids war aus seiner Sicht eine Deformation des Bewusstseins durch kirchliche Autorität.
In seiner Wissenschaftlerlaufbahn geriet auch der Theologe Joseph Ratzinger unter Modernismus-Verdacht. Seine Habilitationsschrift über den mittelalterlichen Theologen Bonaventura wurde 1956 von einem Zweitgutachter wegen eines »gefährlichen Modernismus« abgelehnt. Ratzinger reichte daraufhin seine Arbeit ohne den beanstandeten Teil ein und wurde in Fundamentaltheologie habilitiert.
Keine Probleme mit dem Antimodernisten-Eid gibt es bis heute in der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X., die wesentliche Konzilsbeschlüsse ablehnt. Deren Priester legen den Eid weiterhin ab, so wie er von Papst Pius X. vorgeschrieben sei, sagt der Sprecher der Vereinigung, Pater Andreas Steiner. Für den Kirchenhistoriker Neuner steht fest: Die Kontroversen um den Modernismus und Antimodernismus seien keineswegs eine Sache der Vergangenheit.
BUCHTIPP: Peter Neuner, Der Streit um den katholischen Modernismus, Frankfurt am Main, 2009, 437 Seiten, 19,80 Euro.
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