Absurde Gendebatte
Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin liegt mit seinen kruden Thesen über Juden voll daneben
Von
Ulrich Sahm
Die unselige und vom selbsternannten »Klartext-Redner« Thilo Sarrazin wiederbelebte Diskussion zur Frage, ob Juden nur »mosaischen Glaubens« sind, oder eine eigene Rasse seien wie Pudel und Schnauzer, hätte 1945 abgeschlossen sein sollen. Spätestens dann erfuhr die Welt, wohin die abstruse Erfindung der Aufklärung geführt hatte, den Menschen in Rassen einzuteilen.
Dennoch schwadronierte der Bundesbankvorstand Sarrazin in einem Zeitungsinterview über die kulturellen Eigenarten der Völker. »Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden«, wird Sarrazin zitiert.
Die Aufklärung bestimmte Rassen anhand von Sprachfamilien. Doch Sprachen verbreiteten sich ungeachtet der jeweiligen Völker. Die Ägypter zum Beispiel sprechen heute Arabisch und betrachten sich als Araber - zur Zeit der Pharaone war beides nicht der Fall. Also müssen sie sich nach der arabischen Eroberung allesamt einer Genwäsche unterzogen haben. Die Genforschung hat noch nicht verraten, wie das funktionieren soll.
Bei den Juden ist es noch komplizierter. Sie betrachten sich als Volk mit einer gemeinsamen Religion, Kultur und Geschichte. Da sie sich schon in biblischer Zeit vor 2600 Jahren über alle Welt verteilten, blieb nicht aus, dass sie sich mit der jeweiligen Lokalbevölkerung vermischten. Da jeder Mensch zum Judentum konvertieren kann und dann als vollgültiger Jude gilt, handelt es sich bei den Juden keinesfalls um eine biologische »Rasse«, wie von den Nazis propagiert.
Der mancherorts verbreitete Glaube, dass Juden ein eigenes Gen haben müssten, weil aus diesem Minivolk (weniger als ein Promille der Weltbevölkerung) über hundert Nobelpreisträger hervorgegangen sind, hat nichts mit den Genen zu tun - dafür um so mehr mit dem Bildungsanspruch des Judentums: Im Gegensatz zu Christen und Moslems ist jeder jüdische Junge an seiner Bar Mitzwa (vergleichbar mit der Konfirmation) gezwungen, in der Synagoge aus der Bibel vorzulesen. Deshalb gab es unter Juden keinen Analphabetismus, während im Mittelalter in Europa nur Mönche lesen und schreiben konnten. Lesen und Schreiben bildet und schärft den Geist. Diese Bildung pflegten die Juden, sie war Teil ihrer Kindererziehung. Die intelligentesten Gene nützen nichts ohne entsprechende Ausbildung.
Die Juden als Rasse zu bezeichnen, ist ein Produkt der europäischen Aufklärung. Es war der »wissenschaftliche« Ersatz für den alten, religiös motivierten Judenhass. Da der Vorwurf des »Gottesmordes« infolge der Aufklärung nicht mehr zog, musste die Abneigung gegen Juden anders begründet werden. Dazu diente die Rassentheorie. Unter Hitler führte sie zu den bekannten Exzessen.
Wer heute irgendwelchen Menschengruppen und speziell den Juden separate Gene nachsagt, stellt sich in eine Reihe mit den übelsten Rassisten und schlimmsten Antisemiten. |
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