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Dieser Artikel: Ausgabe 36/2010 vom 05.09.2010
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»Wir wollen spitze sein«

Warum evangelische Schulen in Bayern immer beliebter werden

Von Frank Wairer

In Bayern gibt es derzeit 137 evangelische Privatschulen, an denen mehr als 21.000 Kinder und Jugendliche lernen und an denen knapp 3.000 Lehrkräfte und Erzieher beschäftigt sind. Mit welchen Motiven melden Eltern ihre Kinder an einer privaten Konfessionsschule an?

Mit ihrer Schule sind sie auch viel unterwegs, zuletzt waren sie beim Ökumenischen Kirchentag in München: Kathrin Drescher (links) und Katharina Stahl besuchen die evangelische Christian-von-Bomhard-Schule in Uffenheim.
Foto: Wairer
   Mit ihrer Schule sind sie auch viel unterwegs, zuletzt waren sie beim Ökumenischen Kirchentag in München: Kathrin Drescher (links) und Katharina Stahl besuchen die evangelische Christian-von-Bomhard-Schule in Uffenheim.

        

Es ist 15 Uhr am Montagnachmittag, Wochenbeginn. Schon sieben Stunden sind die Gymnasiastinnen in der Schule. Die eine sagt: »Ich bin die Katharina Stahl, 18 Jahre alt, elfte Klasse, das nennt sich jetzt Q11, also die neue Oberstufe.« Die andere: »Ich bin ebenfalls in der Q11, ich heiße Kathrin Drescher und bin 17.« Beide besuchen die evangelische Christian-von-Bomhard-Schule in Uffenheim. Eine Stunde nehmen sie sich Zeit in der Aula, um ihren Alltag zu beschreiben. Zeit ist rar in ihrem Jahrgang. Im Mai steht das Abitur an - unter erschwerten Bedingungen: Sie als Erste werden das Gymnasium schon nach acht Jahren abschließen statt wie bisher nach neun Jahren.

Da wird aus der Schulzeit »ganz schnell eine 40-Stunden-Woche«, sagt Kathrin Drescher, »und außer vielleicht am Wochenende hat man keine Zeit mehr, sich anders zu beschäftigen.« Katharina Stahl wünscht sich, dass das neue G8 schnell wieder abgeschafft wird, »damit wenigstens unsere kleinen Geschwister verschont werden.«

In dieser Hinsicht fühlen die zwei Gymnasiastinnen einer evangelischen Privatschule genauso wie die, die eine staatliche Schule besuchen. Gibt es auch Unterschiede? »Es ist vom Unterricht oder von der Klassenstärke her nicht so ein gewaltiger Unterschied zu der staatlichen Schule, auf der ich war«, meint Katharina, die ein Jahr lang zur Realschule ging. »Aber ich finde, dass wir hier ein bisschen mehr Mitspracherecht haben, vielleicht weil unsere Eltern Schulgeld zahlen.«

Kathrin: »Wir machen sehr viele Schulfahrten, mehr, als es das an staatlichen Schulen gibt. Ich war dieses Jahr schon dreimal weg.« Sie findet es gut, so viel herumzukommen. Bald fliegt sie zusammen mit zehn Mitschülern und ihren Lehrern Gertraud und Friedrich Nöth nach North Carolina/USA. Ihr Seminarthema dort: Die Auswanderung mittelfränkischer Bürger und Bürgerinnen im 19. Jahrhundert nach Amerika.

Schwabachs Dekan Klaus Stiegler als Schulträger in spe: Er wird voraussichtlich eine evangelische Grundschule im Ortsteil Penzendorf eröffnen.
Foto: Wairer
   Schwabachs Dekan Klaus Stiegler als Schulträger in spe: Er wird voraussichtlich eine evangelische Grundschule im Ortsteil Penzendorf eröffnen.

        

Katharina bleibt daheim. Zuletzt war sie mit einer Mädchengruppe samt Lehrerin beim Ökumenischen Kirchentag in München. »So was schweißt natürlich zusammen. Ich denke, das gibt's an einer staatlichen Schule nicht unbedingt, solche Aktionen.«

Sie hat gerade eine freie Brückenstunde in ihrem langen Schultag herumgebracht (»Kann man bei uns im Garten genießen, wir haben viel Grünfläche an der Schule, das ist echt angenehm«), und davor hatte sie Kunstunterricht. Kathrin war in der Theatergruppe. »Das ist ein Wahlfach für die Oberstufe, zwei Stunden pro Woche. Wir führen demnächst das Stück 'Gott' von Woody Allen auf.«

Das Gespräch in der Aula fand drei Wochen vor den Sommerferien statt. Jetzt, Anfang September, liegt das Gelände verlassen da, nichts ist zu sehen von den knapp tausend Kindern und Jugendlichen, die an jedem Schultag hierherkommen. Die Bomhard-Schule ist eine evangelische Privatschule mit staatlicher Anerkennung, sie vereint Gymnasium, Realschule und Fachoberschule unter einem Dach. Sie heißt nach einem ehrbaren Bürger, der vor 200 Jahren in Uffenheim gelebt hat. 65 Schüler wohnen im schuleigenen Internat.

Die Uffenheimer Schule gehört einem Dachverband mit Sitz in Nürnberg an, der Evangelischen Schulstiftung in Bayern. Die gibt an, dass die Zahl evangelischer privater Unterrichtsstätten im Freistaat auf beinahe 140 gewachsen ist. Viele Förder- und Berufsschulen sind dabei, aber auch 36 allgemeinbildende Einrichtungen, an denen fast 10.000 Kinder lernen. Und die Nachfrage übersteigt das Angebot, denn immer mehr Eltern wollen ihr Kind an einer privaten Schule anmelden. Dem Verband Deutscher Privatschulenverbände zufolge besucht schon jeder 13. Schüler eine private Bildungseinrichtung - während manche staatliche Sprengelschule mangels Nachwuchs geschlossen wird.

Gruppenarbeit in der evangelischen Christian-von-Bomhard-Schule in Uffenheim.
Foto: Nöth
   Gruppenarbeit in der evangelischen Christian-von-Bomhard-Schule in Uffenheim.

        

Dieser Aufwind der Privaten dauert seit Jahren an und wird auch von kritischen Fragen begleitet: Was erhoffen sich Eltern, die ihr Kind anmelden? Ein sozial besser gestelltes Lernumfeld ohne Migranten? Schließt der Wunsch nach einer Werteerziehung evangelischen Zuschnitts die nicht religiösen oder andersgläubigen Schüler aus? Und wie ist es mit dem Schulgeld, das doch an staatlichen Schulen längst abgeschafft ist: Sind die privaten Schulen nur etwas für Reiche?

Diese Fragen bekam beispielsweise der evangelische Dekan Klaus Stiegler in Schwabach zu hören. Er möchte eine evangelische Privatschule gründen. Die Idee begründet er so: »Wir haben hier seit Langem fünf Kindergärten. Von daher wär das eine konsequente Weiterentwicklung unserer kirchlichen Arbeit für Familien, wenn wir nach den Kindergartenjahren dann auch die Möglichkeit anbieten, eine evangelische Schule zu besuchen.«

Die Ganztagsschule mit den Klassenstufen eins bis vier, die sich Stiegler vorstellt, wird offen sein wird für alle Konfessionen und Religionen. Das Schulgeld soll zwischen 60 und 120 Euro im Monat betragen, möglicherweise auch weniger. Denn das Schulhaus im Schwabacher Stadtteil Penzendorf soll nicht nur zahlungskräftigen Eltern offen stehen. Es soll eine Adresse für alle werden. »Eine Gesellschaft, die bunter und säkularer wird, in der Traditionen abbröckeln«, so Stiegler, »braucht eine klar positionierte kirchliche Arbeit gerade in Grundvollzügen des Lebens.«

Kinder werden als Ebenbilder Gottes gesehen

Pädagogisch und inhaltlich möchte man sich am christlichen Bildungsbegriff orientieren: »Die bewusste Sichtweise auf das Kind als ein Ebenbild Gottes. Und als solches gilt es dann auch, dieses Kind zu begleiten, zu fördern und auch zu fordern und ihm dazu helfen, dieses Bild, auf das es angelegt ist, auch zu werden.«

Im Schuljahr 2012/2013 könnte die Schule eröffnet werden. Kurz vor den Sommerferien hat die Mehrheit der Schwabacher Stadträte dem Vorhaben zugestimmt. Auch das Schulamt ist angesichts sinkender Kinderzahlen dafür, die Penzendorfer Grundschule in ein evangelisch-privates Projekt umzuwandeln. Kritik kommt von der SPD und einer Bürgerinitiative: Sie wollen, dass die wohnortsnahe Schule staatlich bleibt. Dem Dekan hat die Initiative einen Brief mit Fragen zu Schulgeld, Religionsfreiheit, Sprengelzugehörigkeit und Durchhaltevermögen einer evangelischen Schule geschrieben.

Im Juli gab es dazu auch eine Elternversammlung in der Penzendorfer Sportgaststätte; ihr Ablauf zeigt beispielhaft, dass sich die Kirche mit ihrem Schulangebot einer aufmerksamen Öffentlichkeit stellt. »Wir haben doch nicht in den Sechzigerjahren die Konfessionsschulen abgeschafft, um sie heute durch die Hintertür wieder einzuführen«, meinte ein Vater, »das finde ich einen Rückschritt sondergleichen.« Ein anderer: »Was wird der Fall sein, wenn nach zwei oder drei Jahren diese Schule nicht so läuft? Dann ist der Standort Penzendorf verloren und kommt nie mehr zurück.«

Die Stadträtin und Landtagsabgeordnete Helga Schmitt-Bussinger unterstreicht den Aspekt der Chancengleichheit: »Ich bin immer für eine staatliche Schule, da können alle Kinder reingehen, unabhängig von ihrer Konfession und unabhängig davon, ob sie Geld für ein Schulgeld haben oder nicht.«

In der emotional erregten Diskussion der verunsicherten Eltern sprach sich nur ein Teilnehmer dafür aus, »jeder Option nachzugehen« - der privaten ebenso wie der staatlichen. »Es ist mir egal, ob ich meine Kinder auf eine staatliche oder auf eine evangelische Schule schicke«, äußerte dieser Vater, »ich bin froh, wenn ich eine Schule vor der Haustür hab.« Dafür ist er »auch bereit, in vernünftigem Umfang Schulgeld zu entrichten«.

40 bis 60 Euro pro Monat, steuerlich absetzbar, sodass ein Drittel davon erstattet wird: So niedrig beziffert Ludwig Hock, der Geschäftsführer und Justitiar der Evangelischen Schulstiftung in Bayern, die durchschnittliche Monatsgebühr an einer evangelischen Privatschule. »Das ist kein Betrag, der es normal verdienenden Eltern unmöglich machen würde, ihre Kinder zu uns an die Schule zu geben«, sagt er beim Gespräch im Nürnberger Stiftungsbüro. Für Familien, die weniger Geld zur Verfügung haben, »besteht die Möglichkeit des Erlasses und der Ermäßigung.« Er weist die Vorstellung zurück, an evangelischen privaten Schulen würde soziale Auslese nach der Größe des Geldbeutels betrieben. Der Vorstandsvorsitzende Erwin Meister pflichtet ihm bei und dreht das Thema noch ein bisschen weiter: »Mit dem Wort Eliteschule wird auch die Tatsache verbunden, dass wir an unseren Schulen weniger Kinder mit Migrationshintergrund haben.« Das liegt daran, erklärt er, dass nur evangelische und katholische Religionslehre angeboten wird. »Das hindert natürlich Eltern muslimischen Glaubens daran, ihre Kinder an unsere Schulen zu tun.« Er würde in dieser Hinsicht eine Veränderung begrüßen: Evangelische Schulen sollten auch für Muslime zugeschnitten werden.

Meister: »Ich wünsche mir, dass wir Religionsunterricht anbieten wie bisher, keinen Ethikunterricht, aber eben auch muslimischen Religionsunterricht.« Denn »wenn wir die Jugendlichen in unseren Schulen für morgen fit machen wollen, gehört auch der Bereich interkulturelles und interreligiöses Leben dazu«. Im Gespräch ist laut Meister ein Ableger der Wilhelm-Löhe-Schule in der Nürnberger Südstadt, wo viele Migranten leben.

Der Nürnberger Dachverband unterstützt die bestehenden evangelischen Schulen in Bayern bei Veränderungsprozessen und fördert nach Kräften Neugründungen. Zurzeit gibt es gleich mehrere Projekte, sagt der Vorstandsvorsitzende. »Es wird ja in München ein Gymnasium eröffnet, und wenn's klappt, auch in Würzburg. Auch im Grund- und Hauptschulbereich - siehe Schwabach-Penzendorf - gibt es viele Initiativen.«

Die altehrwürdige Christian-von-Bomhard-Schule in Uffenheim bereitet sich unterdessen aufs neue Schuljahr vor. Mit dem neuen Schulleiter - Studiendirektor Thomas Kellner ist seit vier Jahren hier - sei das Lehrprogramm anspruchsvoller geworden, heißt es. Er selber sagt: »Wir wollen spitze sein und versuchen, uns im Rahmen unserer Abschlussergebnisse in der besseren Hälfte zu platzieren. Was uns auch gut gelingt.«

Mit Überzeugung vertritt Kellner das Konzept seiner evangelischen Privatschule. Das schließt auch ein, dass er dem Stichwort Elite eine positive, eine christlich und sozial interpretierte Bedeutung beimisst. Er spricht von »Verantwortungselite«: »Das heißt, die Menschen in unserem Land, die leistungsfähig sind, sollen das als ein Geschenk annehmen und sich verpflichtet fühlen, ihre Stärken für die Gesellschaft, auch für Schwächere, einzusetzen.«

 

  RADIOTIPP: »Evangelische Schulen im Aufwind - Auch in Bayern immer mehr konfessionelle Privatschulen«, ein Beitrag von Frank Wairer, Sonntag, 5. September, 8.30 Uhr, Bayern 2.

EVANGELISCHE SCHULEN

  SEIT DER REFORMATION entstanden an vielen Orten Bayerns evangelische Schulen und Internate. Vier zentrale Anliegen werden dabei verfolgt:

  1. Christliche Bildung soll allen Menschen zugutekommen.

  2. Christliche Liebestätigkeit braucht qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

  3. Christen sorgen besonders für Benachteiligte und Schwache.

  4. Bedürfnis nach eindeutig evangelisch geprägten Schulen.

  DERZEIT GIBT ES 137 evangelische Schulen und Internate in Bayern, die rund 21.000 Schülerinnen und Schülern besuchen und an denen knapp 3.000 Lehrkräfte und Erzieher beschäftigt sind.

  WEITERE INFORMATIONEN bei der Evangelischen Schulstiftung in Bayern:  www.essbay.de

 

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abgerufen 04.02.2012 - 05:58 Uhr

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