Mit Kippa, Stimme und Gefühl
Das Abraham-Geiger-Kolleg bildet jüdische Kantoren aus
Vom Abraham-Geiger-Kolleg gehen wichtige Impulse für das jüdische Leben in Deutschland aus: Seit 2001 bildet das Kolleg in Berlin und Potsdam Rabbiner aus, seit 2008 auch jüdische Kantoren. Es ist die erste akademische Ausbildungsstätte für jüdische Geistliche in Deutschland seit der Schließung der jüdischen Hochschule durch die Nationalsozialisten 1942.
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 Der Opernsänger Nikola David, der vor zwölf Jahren aus Serbien nach Deutschland kam, macht in Berlin die Ausbildung zum jüdischen Kantor.
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Mit einer Kippa auf dem Kopf und den Fingern auf den Tasten steht Israel Goldstein vor der Elektroorgel und wartet. Ein jüngerer Mann mit blondem Pferdeschwanz neben ihm versucht, sich mit geschlossenen Augen zu konzentrieren. Dann streift er die Sandalen von den Füßen und beginnt zu singen - ein Stück zum Abschluss des jüdischen Jom-Kippur-Festes, wenn alle vom Fasten erschöpft sind und doch noch einmal versuchen, mit einem Gebet zu Gott durchzudringen.
Es ist die letzte Unterrichtsstunde eines Gesangskurses, den Goldstein in Berlin gegeben hat. Drei Wochen lang hat der ehemalige Leiter der New Yorker »School of Sacred Music« an der jüdischen Kantorenschule des Abraham-Geiger-Kollegs unterrichtet. Was er den Schülern vermitteln will: im Gottesdienst in der Synagoge an den entscheidenden Stellen mit dem richtigen Maß an Gefühl zu singen.
Jüdischer Gottesdienst ist Musik
Das Kantorenstudium dauert vier Jahre, Praktika in Gemeinden, ein Jahr in Jerusalem und ein Abschluss der Universität Potsdam gehören dazu. Zwei Frauen und drei Männer bereiten sich derzeit am Kolleg auf ihre künftigen Aufgaben als Kantoren und Vorbeter vor. Und die sind groß: »Es geht um die Vermittlung spiritueller Werte an die Gemeinde«, sagt der akademische Direktor der Kantorenschule, Jascha Nemtsov. »Das ist der Kern des Berufs.«
Auf den Rabbiner könne man im Gottesdienst auch mal verzichten, urteilt er. Aber nicht auf den Kantor. Denn der jüdische Gottesdienst sei Musik.
»Der Kantor ist der wichtigste Träger des Gottesdienstes«, erklärt der 46-jährige Pianist und Musikwissenschaftler, der 1992 aus Russland nach Deutschland gekommen ist. »Es gibt nichts Gesprochenes, es wird alles gesungen.« 28 musikalische Motive mit Variationen sind bestimmten Wörtern zugeordnet, doch in der Tora-Rolle sind sie nicht verzeichnet. »Das muss der Kantor alles im Kopf haben«, sagt Nemtsov. Die Anforderungen an die Studierenden sind deshalb hoch. »Zu uns kommen keine Leute, die gerade Abitur gemacht haben«, betont er, sondern professionelle Musiker mit Bühnenerfahrung.
Nikola David ist einer von ihnen. 15 Jahre lang hat der ausgebildete Opernsänger aus Serbien Engagements an Bühnen im ehemaligen Jugoslawien und in Deutschland gehabt, in Belgrad, Eisenach, Augsburg, Pforzheim, München und anderen Städten. Er hat den Tamino in Mozarts »Zauberflöte« gesungen, den Basilio in der »Hochzeit des Figaro« oder den Nemorino in Donizettis »Liebestrank«. Letzte Station war das Dessauer Opernhaus. Dann ist er vor drei Jahren als Leiter des Kulturzentrums zur jüdischen Gemeinde nach Augsburg gegangen.
Die Musik habe ihn in Novi Sad in die jüdische Gemeinde gebracht, erzählt der 41-jährige Tenor, der seit zwölf Jahren in Deutschland lebt. »Ich habe immer so ein Gefühl gehabt, irgendwann wird das mein Beruf«, sagt er. In Augsburg hat ihn der Rabbiner der Gemeinde darin bestärkt. Nun pendelt er seit zwei Jahren zwischen Gemeinde und Familie in Bayern und dem Kolleg in Berlin. In zwei Jahren will er fertig sein, dann soll er in Augsburg als Kantor eingestellt werden.
Und im Herbst wird im Abraham-Geiger-Kolleg der nächste Studienanfänger erwartet, der eine Ausbildung zum jüdischen Kantor beginnt. |
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