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Dieser Artikel: Ausgabe 35/2010 vom 29.08.2010
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Den Glauben medial verbreiten

Vor 100 Jahren wurde der kirchliche Publizistik-Pionier Robert Geisendörfer geboren

Von Achim Schmid

Die evangelische Publizistik in Bayern und im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde von Robert Geisendörfer geprägt. Vor 100 Jahren wurde der Medienpionier geboren.

Christliche Publizistik müsse »Fürsprache üben und Stimmen leihen für die Sprachlosen«, war Robert Geisendörfers Credo.
Foto: sob-Archiv
   Christliche Publizistik müsse »Fürsprache üben und Stimmen leihen für die Sprachlosen«, war Robert Geisendörfers Credo.

        

Ein unscheinbarer, eng beschriebener Gemeindebrief aus dem Kriegsjahr 1943 war der Anfangspunkt eines immensen publizistischen Werkes. Der junge evangelische Gemeindepfarrer Robert Geisendörfer schreibt seiner Gemeinde im oberbayerischen Brannenburg am 4. Advent 1943 von der christlichen Hoffnung in einer »Welt mit all ihrem Schrecken«. In den Nachkriegsjahren baut Geisendörfer, der vor 100 Jahren am 1. September 1910 in Würzburg geboren wurde, dann die evangelische Publizistik in Deutschland mit auf und hat prägenden Einfluss im Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV). Später wird er Gründungsdirektor des überregionalen Gemeinschaftswerks Evangelischer Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main, sorgt als erster Fernsehbeauftragter der EKD für regelmäßige kirchliche Sendeplätze und hebt eine Vielzahl von Zeitschriften und Medienorganisationen aus der Taufe.

Von 1937 bis 1947 hatte Geisendörfer die wenigen Protestanten in dem Diaspora-Gebiet an der bayerisch-österreichischen Grenze betreut. Seine Berufung in das Medienamt kam für ihn überraschend. Er sei dem damaligen Landesbischof Hans Meiser wohl durch seine Gemeindebriefe aufgefallen, mutmaßte Geisendörfer selbst. Die Anfänge in München sind bescheiden: Der Presseverband hatte nur provisorische Räume, in die bei starkem Regen Nässe drang: »Wir legten Ziegelsteine und Bretter aus, um nicht an unseren Schreibtischen mit den Füßen im Wasser zu sitzen«, schreibt Geisendörfer in seinen Erinnerungen.

Mit einigen wenigen Mitarbeitern gibt Geisendörfer mehrere Zeitschriften, wie etwa das Bayerische Sonntagsblatt, heraus. In der Anfangsphase mussten bei dem Versand der Direktor wie auch seine Frau Ingeborg, die später viele Jahre für die CSU im Bundestag saß, und die kleine Tochter Ursula mit Hand anlegen. 1960 zog der inzwischen auf über 100 Beschäftigte enorm angewachsene Presseverband in ein neu gebautes Medienzentrum in München um. Dieses Pressehaus am Rande der Innenstadt, das in zwei Gebäuden die Redaktionen von Kirchenzeitung, Nachrichtenagentur, Fachpublikationen und eine eigene Druckerei beherbergte, war damals ohne Beispiel in der kirchlichen Medienlandschaft.

Der evangelische Publizistik-Pionier Robert Geisendörfer am Schreibtisch...
Foto: sob-Archiv
   Der evangelische Publizistik-Pionier Robert Geisendörfer am Schreibtisch...

        

Geisendörfer fügte regionale kirchliche Publikationen in das Sonntagsblatt ein, das damit zu einer bis heute gewichtigen Plattform des bayerischen Protestantismus wurde. Die Nachrichtenagentur Evangelischer Pressedienst stattet er mit einem Netz von Bezirksredaktionen aus. In München begründet Geisendörfer die evangelische eikon-Filmgesellschaft. Diese Produktionsfirma nahm sich vor allem gesellschaftlicher Randgruppen an. Die eikon-Serie »Unser Walter« stellte zum ersten Mal im Vorabendprogramm ein behindertes Kind als »Serienhelden« in den Mittelpunkt.

Der jetzige EPV-Direktor Roland Gertz schätzt an Geisendörfer vor allem, dass er stets an der Spitze nötiger Veränderungen gestanden habe. Mediale Herausforderungen habe Geisendörfer engagiert und offensiv angegangen - zum Wohl der kirchlichen Publizistik in Bayern wie des Presseverbandes. Sein Postulat von der Freiheit der Publizistik sei aktueller denn je, so Gertz.

Seine organisatorischen Fähigkeiten und sein Vermögen, Talente an sich zu binden und Strukturen zu schaffen, kamen Geisendörfer beim Aufbau des überregionalen Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik zugute. Nach langen Vorarbeiten und mühseligen Gremien-Diskussionen konnte Geisendörfer am 5. Juli 1973 das »Gemeinschaftswerk« der kirchlichen Publizistik in Frankfurt starten. Damit waren alle wesentlichen publizistischen Kräfte innerhalb der EKD zum ersten Mal unter einem Dach vereint.

... mit Landesbischof Hans Meiser, der das Sonntagsblatt nach dem Krieg neu gründete...
Foto: sob-Archiv
   ... mit Landesbischof Hans Meiser, der das Sonntagsblatt nach dem Krieg neu gründete...

Bei seinen Bestrebungen, den kirchlichen Journalismus zu profilieren, ging Geisendörfer von einer glasklaren theologischen Grundlage aus. Wie die Kirche insgesamt habe auch die kirchliche Publizistik die Aufgabe, Stellvertreter zu sein für Menschen, die in der Gesellschaft am Rand stehen. Geisendörfers Credo lautete: Christliche Publizistik müsse »Fürsprache üben und Stimmen leihen für die Sprachlosen«. Es ist bis heute Richtschnur für Journalisten im kirchlichen Bereich.

Voraussetzung für diese Stellvertreteraufgabe war die journalistische Unabhängigkeit. Diese Freiheit von Gängelung, Zensur und Ansprüchen der Kirchenleitung vertrat Geisendörfer beharrlich. Genauso energisch ging der GEP-Direktor auch gegen den Einfluss der Parteien in den Rundfunkanstalten vor. In einem Brief an die Parteivorsitzenden von CDU, CSU, SPD und FDP warnt er im November 1973 eindringlich vor einem »Journalismus mit Parteibuch« und stellt als EKD-Fernsehbeauftragter die Frage, ob der »Rundfunk seinen Verfassungsauftrag in Unabhängigkeit und Staatsferne erfüllen kann, wenn es von den Parteien allein abhängt, wer an welchem Platz welche Aufgaben wahrzunehmen hat«.

Diese Unabhängigkeit hat Geisendörfer, der laut Zeitgenossen durchaus Freude an skurrilem Verhalten hatte, immer wieder selbst vorgelebt. Weil ihm beispielsweise das Zeitdiktat von Zugfahrplänen zuwider war, ging er grundsätzlich ohne jede Vorbuchung auf den Bahnhof und nahm den nächsten Zug, der kam. Genauso wichtig wie journalistische Freiheit war dem kirchlichen Medienmann Professionalität. Deshalb kämpfte er für Berufschancen gelernter Redakteure innerhalb der Kirche. Zur Professionalität gehörte für ihn auch die Nutzung von medialen Vermittlungsformen für christliche Inhalte. Tief beeindruckt hat ihn dabei eine Informationsreise 1949 in die USA, bei der Geisendörfer vor allem die Möglichkeiten der damals noch jungen Medien Radio und Film für christliche Verkündigung kennenlernt.

... und als kommunikativer Medienpfarrer am Telefon.
Foto: sob-Archiv
   ... und als kommunikativer Medienpfarrer am Telefon.

In Deutschland hat Geisendörfer mit dem Ende 1948 gegründeten evangelischen »Filmbeobachter« fast eine Monopolstellung und großen Einfluss im Filmgeschäft: Für die Kinobesitzer galt das Prinzip der »Blockbuchung«, was bedeutete, dass sie einen interessanten Film als Hauptfilm nur zusammen mit anderen Filmen vorführen durften, die sie jedoch noch nie gesehen hatten. Die nötigen Informationen über diese Begleitfilme lieferte ihnen der »Filmbeobachter«. Bis heute gehört der Fachdienst epd-medien zu den Markenzeichen des »Gemeinschaftswerks«.

Am 26. Februar 1976 stirbt Robert Geisendörfer, der schon lange an Angina Pectoris litt, in Frankfurt nach einer Dienstreise auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung an einem Herzinfarkt. Zu seiner Beerdigung drei Tage später auf dem Friedhof im oberbayerischen Oberaudorf kam Prominenz aus Kirche und Medien. Auf seiner Grabsäule steht der Spruch aus dem 139. Psalm: »Von allen Seiten umgibst Du mich«.

Auch wenn sich Geisendörfers Vision, dass auf 100.000 Protestanten ein professioneller Journalist kommen sollte, nicht erfüllte, hat sein Lebenswerk doch einen dauerhaften Einfluss in Kirche und Medien.

Durch seine Weitsicht ist die Medienarbeit heute ein unverzichtbarer Bestandteil der Kirche und der christlichen Verkündigung.

100 Jahre Robert Geisendörfer.

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abgerufen 04.02.2012 - 06:08 Uhr

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