Jesus der Heiler
Glaubenskurs Teil 14: In den Heilungen manifestiert Jesus das Reich Gottes im Jetzt
Von
Eckhard Nagel
Jesus heilte Aussätzige, Blinde, Taubstumme und andere Kranke. In vielen Fällen legt er dazu die Hand auf, manchmal erfolgt die Heilung auch schrittweise, wie bei einem Arzt. Jesus fragt die Kranken nicht nach ihrem Glauben, die Heilung wird in der Regel nicht an Bedingungen geknüpft.
 Foto:
sob
 Jesus heilt einen Aussätzigen. Echternach-Evangeliar um 1040. Brüssel, Bibliothèque Royale.
|
»Uns ist heute der Heiland geboren...«. In den Sommermonaten scheint diese - wohl allen Menschen in unserem Lebensumfeld - so bekannte Textzeile ein wenig fremd, wenn die Tage kürzer werden, wird sie wieder vertrauter sein. Aber sie spricht in uns etwas an, was mit dem Gottesbild Jesu besonders verbunden wird: Jesus ist gekommen, um Heil zu bringen, Heilung möglich zu machen, das bisweilen aus den Fugen geratene Leben zu ordnen.
Heil und Heilung, das sind die Begriffe, die wir wohl am intensivsten mit dem Wirken Jesu verbinden. Die faszinierenden Geschichten über Jesus als Heiler beflügeln die Fantasie von uns Menschen seit jeher. Dabei scheint es heute, gut 2000 Jahre später, doch angesichts des beständigen Fortschritts einer hochtechnologisierten Wissenschaftsmedizin schwer vorstellbar, dass da ein Mann lebte, der Blinde und Lahme augenblicklich heilte, der Dämonen austrieb und sogar Tote wieder zum Leben erwecken konnte. Im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin fragt man nach den Beweisen, nach den Mechanismen, nach den Erklärungsmustern.
Es sind Fragen an die Glaubwürdigkeit - an die Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferungen sowie an die Glaubwürdigkeit von uns Menschen selbst: Inwieweit können wir glauben und inwieweit nehmen wir Menschen ernst, die glauben?
Da kann ich mich an viele Kongresse erinnern, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eifrig darüber diskutieren, ob bestimmte beobachtbare Phänomene sich wirklich so zutragen, oder aber ob Erkenntnisse und Schlussfolgerungen nicht doch in Zweifel zu ziehen sind. Auch scheinbar gesicherte Erkenntnistheorie führt keineswegs zu eindeutigen Aussagen. Stattdessen ist auch heute die Medizin ein Sich-Annähern an einen kranken Menschen, eine Begegnung, ein stetiger Suchprozess, die Feststellung einer Diagnose, die nicht mit einer bekannten Strategie behandelt werden kann. Wenn es dennoch völlig unerwartet, spontan Verbesserungen oder Heilungen gibt, bezeichnen wir dies auch heute noch als Wunder.
 Foto:
epd-bild
 Heilung mit Gebet, Salbung mit Öl und Handauflegung: Der Leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, Mark S. Hanson, und Pfarrerin Susan Peterson segnen einen Mann in einem Heilungsgottesdienst in der anglikanischen Holy Trinity Church in Winnipeg Kanada.
|
Diese erfahrbaren Nachweise von der Existenz Gottes - die Anthropologie des Wunders - sollten wir viel öfter und klarer mit Christi Wirken in Verbindung bringen, mit seinem heute noch spürbaren Wirken. So wie im Neuen Testament, in dem Jesus den Menschen ihr Leib- und Seelenheil wieder zurückgibt und hilft, lebensfähig zu werden: »Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.« ( Lukas 2, 11) Was nach raschem Zauber klingt ist ein komplexes Geschehen: Der Betroffene erfährt, dass sich bei seiner Begegnung mit Jesus neue Ebenen auftun für das Vertrauen in Gott und dadurch in das Leben und in sich selbst.
Hier wird deutlich, dass wir die Kernfrage nach dem Wunder der Heilung trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte, trotz aller intellektuellen Fähigkeiten im Grunde nicht erkenntnistheoretisch erklären können. Stattdessen betrachten wir immer nur einen Ausschnitt. So dienen uns neue biologische Erkenntnisse als Mosaiksteine beim Ausfüllen der biochemischen und physiologischen Landkarte unserer Existenz, aber eine umfassende Topographie des Menschen kann daraus nicht entstehen.
Eine Einheit aus Leib, Seele und Geist
Sir John Eccles, Nobelpreisträger für Medizin und der wohl bekannteste Neurophysiologe des zurückliegenden Jahrhunderts, ist es zu danken, dass die Strukturen von Rückenmark, spinaler Ebene, Hirnstamm, Kleinhirn, Mittelhirn und Großhirnrinde heute ein funktionelles Bilder ergeben, das viele Krankheiten im neurologischen Bereich besser erklären hilft und theoretische Überlegungen zur Behandlung bei morphologischen Schäden möglich macht. Eindrucksvoll ist sein Fazit nach fast 50-jähriger wissenschaftlicher Tätigkeit, in dem er keineswegs resigniert feststellt, dass trotz aller Erkenntnisse aus Experiment und Beobachtung, die Individualität des Einzelnen, der Zusammenhang von Materie und Gemüt, der Zusammenhang zwischen Geist und Psyche oder ein Hinweis für den Sitz der Seele im Körper nicht zu finden war. Auch nach Eccles gibt es solche Hinweise nicht.
Bleibt die Arbeitshypothese, auch für die moderne Wissenschaft, dass der Mensch mehr ist als Materie, dass der Mensch eine leiblich-seelisch-geistige Einheit darstellt, in der Körper, Seele und Geist miteinander im Einklang stehen müssen, um heil zu werden. Diese Einheit ist es, der Jesus sich nähert. Zunächst im Kontext des Widerstreits zwischen finsteren Mächten, die Unheil stiften, und der göttlichen Ordnung.
 Foto:
sob
 Die Heilung eines geborenen Blinden, Wassilij Iwanowitsch Surikow, 1888, Moskau, Theologische Hochschule.
|
Wir können heute wohl sagen, dass Jesus die Menschen immer als Teil der göttlichen Schöpfung gesehen hat: Leiden und Schmerzen gehören dazu, aber sie können überwunden werden. Jesus begründete sein heilendes Tun nicht mit dem Hinweis auf das Wohlbefinden des Einzelnen. Zwar bezog sich sein Wirken ganz auf das Individuum und nicht bloß auf die singuläre Person. Vielmehr aber bekam Heilung bei Jesus stets eine übergeordnete Bedeutung zugemessen und ist insofern nicht von dem umfassenden Heil zu unterscheiden, das Gott dem Menschen zugesprochen hat. Jesus trieb böse Geister aus oder heilte Kranke - konkrete Hilfe für eine Person und doch gleichzeitig universelles Ereignis. Es ging und geht wohl darum, dass jede einzelne Person Teil der göttlichen Ordnung ist, in all seinen Nöten, in all seinen Freuden, in seinem Handeln, in seinem Ruhen.
Das macht schon aus menschlicher Gerechtigkeitsperspektive Sinn. Denn nicht erst meine neunjährige Tochter hat sich die Frage gestellt, warum Jesus gerade vor 2000 Jahren in Palästina auftrat und dort die Personen heilte und nicht zu einer anderen Zeit anderen Menschen half. Indem Jesus zur physischen und seelisch-geistigen Vervollkommnung eines einzelnen Menschen beitrug, demonstrierte er, dass die Gottesherrschaft angebrochen und das Reich Gottes gegenwärtig ist. Heilung ist für Jesus eine Umwandlung der Welt zum Guten, eine Manifestierung des Gottesreichs im Hier und Jetzt. Die Radikalität, mit der Jesus die Universalität und das Schon-Jetzt des Heils verkündete, macht das Besondere und Unvorhergesehene seines Heilens aus.
Bei allem Versuch kleinteiliger Erklärung, hat die Medizin lange gebraucht, um diese faszinierende natürliche Ordnung in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen und zu pflegen. Es ist die besondere Herausforderung, bestimmte Symptome in Augenschein zu nehmen und dabei doch die ganze Person nicht aus dem Auge zu verlieren. Und auch von einem Leidenden wird erwartet, dass er sich auf die Möglichkeit der Heilung einlässt. Schließlich geht es nicht um die Reparatur eines Maschinendefektes, es geht um die göttliche Ordnung.
Was Jesus von Kranken erwartet
So erwartet Jesus von den Menschen, die er heilt, wenig und doch sehr viel zugleich: Er erwartet Glauben. Glauben verstanden als die Gewissheit, dass er als der Heiland dazu im Stande ist, den Betroffenen zu heilen - Glauben als das vorbehaltlose Vertrauen auf Gottes Zusage. Wir sprechen heute - gerade auch im Kontext der Medizin - viel über Selbstbestimmung. Jesus setzt sie voraus und geht gleichzeitig über sie hinaus: Er formuliert als Grundlage des Heilens die gläubige Offenheit des Leidenden. Wie heißt es in seinem Dialog mit den Blinden: »Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.« ( Lukas 18, 41-43)
Das bedeutet im Grunde für jeden Einzelnen von uns, wir sind aufgefordert: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, zu dem Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Rainer Maria Rilke stellt hierzu etwas resigniert fest: »Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man 'Erscheinungen' nennt, die ganze sogenannte 'Geisterwelt', der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr herausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden.«
Nicht die Angst vor dem Unklaren macht uns als Mensch ärmer. Die fehlende Bereitschaft, Unerklärbares wahrzunehmen und anzuerkennen, das lähmt und blockiert uns. Aber nur wer auf alles gefasst ist, wer nichts ausschließt, kann sich berühren lassen, wie in den biblischen Geschichten die leidenden Menschen von Jesus - der Weg zum Heil setzt die Bereitschaft zum »liebenden Herzen« voraus. Das ist die Grundlage des Wirkens Jesu Christi als Heiler und Heiland: die Unfassbarkeit der göttlichen Schöpfung, offen und empfänglich zu sein für eine Anthropologie des Wunders!
Darf man dann heute noch von der Erfahrbarkeit des Wirkens Christi auch für uns und unsere Zeit ausgehen? Ich denke ja. Denn Jesus hat nicht nur selbst geheilt, er hat auch seine Jünger zum Heilen bevollmächtigt und ihnen damit aufgetragen, die Botschaft von der Gegenwärtigkeit Gottes zu verkünden: »Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.« ( Matthäus 9, 35) Als er aber sah, dass es der Leidenden und Kranken zu viele waren, rief er seine zwölf Junger zu sich, »gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen« ( Matthäus 10, 1) und sprach: »Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.« ( Matthäus 10, 78) Schon in der Apostelgeschichte bekommt der Sendungsgedanke eine etwas andere Schwerpunktsetzung: Nicht mehr die Vergegenwärtigung Gottes steht im Vordergrund der Erzählung, sondern die 'Wundertat' wird verstärkt zur Legitimierung der Ausgesendeten und als wirksames Mittel zur Missionierung der Nicht-Christen eingesetzt.
Es geht um unsere innere Haltung
Vielleicht liegt in dieser anderen Betonung schon der Grund, warum wir die ursprüngliche Perspektive ein Stück weit aus den Augen verloren haben. Und wenn dem so ist, sollten wir auf die Suche gehen, wie wir auch heute Jesus als Heiler und Heiland nachfolgen und begegnen können. Vermutlich geht es dabei nicht um eine konkrete diagnostische oder therapeutische Strategie, sondern vor allem um unsere innere Haltung, sowohl um die Haltung derer, die Heil erfahren, als auch jener, die Heil in der Liebe Gottes übermitteln. Wir sollten uns darum bemühen, uns in ärztlicher Praxis oder therapeutischen Tätigkeit bewusst anzuschließen an das, was Jesus Christus mit seinem Heil offenbart hat: Barmherzigkeit.
Gerade in der Stunde der Not gilt es, jede Hand anzulegen - nicht nur durch chirurgische Eingriffe, sondern auch durch Handauflegen. Und es braucht die Bereitschaft, an die Wundertätigkeit Gottes zu glauben. Wenn wir das beherzigen, in unser Herz nehmen, dann werden die zentralen Handlungen unseres Bruders Jesus Christus auch für unser Leben spürbar heilend wirken. |
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |