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Dieser Artikel: Ausgabe 35/2010 vom 29.08.2010
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Der segnende Blick Gottes

Sonntagsblatt-Sprechstunde


»Nicht nur an andere lege ich strenge Maßstäbe, ich bin mir auch selbst die schärfste Kritikerin. Woher kommt mein Selbsthass?«

Ich bin Lehrerin und sehr anspruchsvoll in dem, was ich verlange. Die meisten Schüler achten mich, weil sie wissen, dass ich gerecht bin und sie viel bei mir lernen können. Außerdem lege ich nicht nur an andere strenge Maßstäbe an sondern bin mir selbst die schärfste Kritikerin. Ich weiß, dass vieles, was ich mache, nicht gut genug ist, bzw. immer noch besser sein könnte. Erschrocken allerdings bin ich neulich, als eine Freundin mich gefragt hat: Wo kommt nur dein ganzer Selbsthass her? Seitdem überlege ich: Was kann ich tun, um da etwas gegenzusteuern? Sagen Sie mir nicht, dass das alles aus der Kindheit kommt - ich weiß das, aber es hilft mir nicht.

Frau T.

 

Das haben Sie gut gelernt: Menschen zu beurteilen, ihnen zu sagen, was sie nicht und was sie gut können. Denn auch das tun Sie als Lehrerin vermutlich ab und an und Ihre Schülerinnen und Schüler wissen das zu schätzen. Aber sie fürchten zugleich Ihre harten Urteile. Sie selbst nehmen sich davon nicht aus. Nun sind Sie erschrocken, wie das auf andere wirken kann. Und vielleicht spüren Sie, dass es dabei auch um die Angst geht, wertlos zu sein, es nicht zu verdienen, geliebt zu werden.

Solche Urteile über uns selbst rühren sehr oft her aus Urteilen, die wir Jahrzehnte zuvor von anderen zu hören bekommen haben. Die Stimmen in unserem Kopf, die uns verurteilen, sind nicht die eigenen Stimmen, sondern die Stimmen anderer, der Eltern, der Lehrer. Es ist gut, das zu wissen, aber es genügt nicht, um die Negativität, ja den Selbsthass zu mindern. Dazu, so sagen Psychologen, ist es notwendig, die negativen Gedanken zu stoppen, die wir anderen Menschen gegenüber haben.

Jeder von uns sagt schnell mal über Bekannte oder Familienmitglieder: »Der ist inkompetent. Die ist viel zu kompliziert. Die kann das bestimmt nicht...«. Dabei werten wir einerseits jemand anderen ab, andererseits werten wir uns selbst für einen Augenblick auf. Eine winzige Dosis Selbst-Befriedigung - aber sie hält nicht lange vor.

Im Gegenteil: Diese dauernde Kritik an anderen bestätigt uns darin, dass wir in einer Welt leben, in der es nur Opfer oder Angreifer gibt. Und irgendwann sind wir selbst dann wieder an der Reihe damit, uns unterlegen zu fühlen, schlecht zu sein. Nur wenn wir selbst aus dieser Haltung, andere zu kritisieren, bewusst rausgehen, werden die kritischen Stimmen in uns selbst auch verstummen.

Man bräuchte so etwas wie eine Formel, die einem hilft, aus diesem Kreislauf von Be- und Verurteilung rauszutreten. Mir ist der aaronitische Segen eingefallen. Da heißt es: Gott »lasse sein Angesicht leuchten über dir...«. Was auch immer ich gerade tue, gut oder schlecht, was auch immer andere tun - Gott lässt sein Angesicht leuchten und lässt mich und Sie so, für den Augen-Blick, gut sein. Das zu wissen, wird nichts daran ändern, dass ich manche Leute inkompetent und unausstehlich finde. Auch mich selbst. Aber es hilft, mir klarzumachen, dass jedem Menschen dieser segnende Blick Gottes zugesprochen ist. Und dieser Zuspruch verändert auf Dauer auch meine Art, den anderen (und mich) zu sehen.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Barbara Hauck

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:07 Uhr

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