ZEITZEICHEN
Wer verreisen will, sucht sich meist zuerst ein Ziel und dann ein dazu passendes Verkehrsmittel, was ihn im Idealfall schnell, bequem und günstig dorthin bringt. Heute ist das oft der Billigflieger, das eigene Auto oder manchmal die Bahn.
Eher ungewöhnlich ist es, sich zuerst das Verkehrsmittel und dann das Ziel auszusuchen. So geschah es jedoch - wenn auch unfreiwillig - vor ein paar Tagen den Reisenden eines spanischen Nachtzugs. Die eine Hälfte war von Barcelona auf dem Weg nach Mailand, die andere nach Zürich. In Lyon wurde der Zug planmäßig geteilt - nur leider schickten Bahn-Mitarbeiter die Hälften in die jeweils andere Stadt. Erst nach Stunden fiel der Irrtum auf. Die Reisenden seien nicht sehr glücklich gewesen, berichtet eine italienische Zeitung.
Das ist schade und auch undankbar. Eine Reise mit dem Nachtzug ist ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der das Reisen in der Nacht noch die maximale Zeitersparnis darstellte. Der Reisende bekommt wieder ein Gefühl für Distanz und für Zeit. Der Weg wird wieder wichtig, nicht nur das Ziel. Was für ein schönes Gefühl ist es doch, morgens aufzuwachen, den Vorhang zur Seite zu ziehen und zu raten, wo man sich gerade befindet. Je weiter weg von zu Hause die Fahrt, je andersartiger die Landschaft, umso aufregender.
Deshalb ist ein Sonnenaufgang in Mailand statt in Zürich die Krönung des Abenteuers Nachtzug. Und was für eine Chance der Völkerverständigung wäre das gewesen! Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Banken- und der Modemetropole herauszufinden, Termine sausen zu lassen, alte Freunde zu besuchen oder durch die Straßen der fremden Stadt zu bummeln. Unsere Idee für ein neues Bahn-Angebot: Eine Fahrkarte für den Nachtzug - die nächste Weiche bestimmt das Ziel. |
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