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Dieser Artikel: Ausgabe 35/2010 vom 29.08.2010
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Freiwillige vor

Bundeswehr und Zivildienst von der Dienstpflicht zur Freiwilligkeit

Von Lutz Taubert

Die Wehrpflicht, wie wir sie aus der Bundeswehr des letzten halben Jahrhunderts kennen, beruft sich auf eine gute, republikanische Tradition und setzt eine moralische Messlatte: Papa Heuss, unser allererster Bundespräsident, nannte sie »das legitime Kind der Demokratie«, geboren durch die Französische Revolution, und Politiker, die sie heute noch immer befürworten, sprechen gern vom »Markenkern« (wahlweise unserer Nachkriegsrepublik oder ihres jeweiligen Parteiprogramms). Merke: Bei der Wehrpflicht geht es um ein wahrhaft hohes Gut.

Und nun also läutet ihr, des Verteidigungsministers aussichtsreichen Plänen zufolge, das Sterbeglöcklein. Es wird eher eine Beerdigung zweiter Klasse bereitet, nachdem man ihre Dauer auf sechs Monate zusammengestrichen hat. Nun aber wird - ein in sich widersprüchlicher und deshalb fauler Kompromiss - die Wehrpflicht zwar faktisch, also in der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit, ausgesetzt sprich beseitigt, dafür aber lässt man, zur Beruhigung ihrer weniger gewordenen Befürworter, sie im Grundgesetz normativ bestehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine einmal ausgesetzte Wehrpflicht je wieder »reaktiviert« oder auch wiederbelebt wird, ist gleich Null.

Für unsere Gesellschaft aber wird mit dem Ende der Wehrpflichtarmee ein Paradigmenwechsel offenbar, in dem wir freilich schon seit Jahren stecken: Wenn die Pflichtarmee durch eine Freiwilligenarmee ersetzt wird, dann steckt da viel mehr und anderes als Militärstrategie dahinter. Die Wehrpflicht war so etwas wie ein verordneter Dienst für das Gemeinwohl; das also wird abgeschafft; in der Zukunft bauen wir auf Freiwilligkeit.

Schon zur Wehrpflichtzeit selbst legte und legt sich diese Generalisierung zur Gemeinwohlorientierung dar. Der Wehrdienst soll, wie es zum Beispiel in einer Werbebroschüre des Bundeswehrverbandes heißt »Lust machen, dem eigenen Land und dessen Werten zu dienen.« Mit demselben Spruch könnte man für den - ebenfalls obligatorischen - Zivildienst werben. Faktisch haben sich ja junge Leute, wenn sie denn einmal gemustert waren, schon immer entschieden zwischen Wehrdienst und Zivildienst, weil beide Dienstformen als Engagement für das Gemeinwohl interpretiert wurden. Allerdings ist die Wehrgerechtigkeit schon längst nicht mehr gewährleistet. Zuletzt leisteten nur noch 16 Prozent eines Jahrgangs den Dienst bei der Bundeswehr.

So wird sich, was nur folgerichtig ist, zum künftigen freiwilligen Dienst bei der Bundeswehr der freiwillige Zivildienst gesellen. Da sind freilich, gegenüber der gesund geschrumpften Bundeswehr, ganz andere Zahlen von sich engagierenden jungen Leuten nötig, um den vielen sozialen Einrichtungen zu helfen, die bisher auf den »Pflicht-Zivi« setzen. Es wird spannend, wie in unserer Gesellschaft die Umorientierung von der Dienstpflicht zur Freiwilligkeit gelingt.

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abgerufen 04.02.2012 - 05:51 Uhr

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