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Dieser Artikel: Ausgabe 35/2010 vom 29.08.2010
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Tiefsee in Gefahr

Die Wissenschaftsjournalistin Sarah Zierul warnt vor den langfristigen Folgen der Meeresverschmutzung


Der Ölteppich im Golf von Mexiko scheint sich schneller aufzulösen, als man vermutet hätte. Allerdings nur das Öl an der Oberfläche, nicht das Öl in der Tiefe. Auch sind die langfristigen Wirkungen der Öl zersetzenden Chemikalien, die BP massenhaft einsetzte, völlig ungewiss. Mit den möglichen Folgen dieser ökologischen Katastrophe hat sich Wissenschaftsjournalistin Sarah Zierul intensiv beschäftigt.

Das verseuchte Meer im Golf von Mexiko.
Foto: sob
   Das verseuchte Meer im Golf von Mexiko.

        

  Frau Zierul, Sie haben bereits viele Beiträge zum Thema Meer gedreht. Was fasziniert Sie am Meer?

Zierul: Schon als Kind haben mich beim Schnorcheln im Sommerurlaub die Fische und Landschaften unter Wasser in ihren Bann gezogen. Beim Eintauchen in diese ruhige, fremde, schöne Welt kann man ganz wunderbar den Alltag vergessen. Dass sich meine Arbeit einmal so sehr auf das Thema Meer konzentrieren würde, war nicht immer klar. Vielleicht hat mich das Thema gepackt, weil über die Meere und die Tiefsee bisher nur wenig berichtet wird. Dabei finden Forscher dort Unglaubliches heraus. Die Ozeane - der größte Lebensraum der Erde - spielen eine völlig unterschätzte Rolle für das Klima, die Artenvielfalt und die Nahrungskette. Und sie sind in großer Gefahr.

Sarah Zierul ist Autorin, Regisseurin und Wissenschaftsjournalistin. Von ihr erscheint in Kürze das Buch »Der Kampf um die Tiefsee - Wettlauf um die Rohstoffe der Erde«.
Foto: sob
   Sarah Zierul ist Autorin, Regisseurin und Wissenschaftsjournalistin. Von ihr erscheint in Kürze das Buch »Der Kampf um die Tiefsee - Wettlauf um die Rohstoffe der Erde«.

  Womit beschäftigen sich Ihre Beiträge?

Zierul: Zunächst habe ich unter anderem in der Sendung Monitor (ARD) über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane berichtet. Seit mehr als drei Jahren geht es in meinen Filmen sowie in meinem neuen Buch vor allem um die Tiefsee. Um ihre vielen fremdartigen, faszinierenden Bewohner und um die dort gefundenen Rohstoffe: von Gold und Kupfer bis Erdöl und Gas. Die Tiefsee gilt als größte Schatzkammer der Erde und wird schon heute an den ersten Orten ausgebeutet. Doch mit den ehrgeizigen Vorhaben drohen völlig neue politische Konflikte und Umweltzerstörungen. Oftmals ist nicht geklärt, wem die Rohstoffe am Tiefsee-Boden gehören. Und Forscher fürchten, dass Tierarten aussterben, bevor sie überhaupt entdeckt wurden.

  Welchen Gefahren ist das Meer ausgesetzt?

Zierul: Die größte Gefahr ist sicherlich die Fischerei. Lange Zeit galt das Meer als unerschöpflich. Nun sind zahlreiche Fischarten vom Aussterben bedroht oder bis an ihre Bestandsgrenzen befischt. Zudem wurde das Meer jahrzehntelang als Müllkippe missbraucht, riesige Plastikstrudel sammeln sich im Pazifik, der Boden der Tiefsee ist mancherorts mit Schichten giftiger Abfälle bedeckt. Auch der Klimawandel macht sich im Ozean bemerkbar: Höhere Temperaturen, steigende Pegel und eine Versauerung mit fatalen Folgen für kalkhaltige Korallen, Kieselalgen und Muscheln sind die Folge. Und nun kommt die Ausbeutung durch die Bergbau- und Erdöl­industrie hinzu. Welche enormen Umweltrisiken damit verbunden sind, zeigt die momentane Katastrophe im Golf von Mexiko.

  Warum interessiert uns die Tiefsee weniger als beispielsweise das Weltall?

Zierul: Leider trifft das Sprichwort »Aus den Augen, aus dem Sinn« hier wohl zu. Jeder kann nachts den Sternenhimmel und mit einem Fernglas den Mond oder sogar ferne Galaxien betrachten. Die Tiefsee ist jedoch weder von der Küste noch von Schiffen oder Satelliten aus zu sehen. Man muss mit Robotern oder U-Booten abtauchen, was einen enormen technischen und finanziellen Aufwand erfordert. Bisher haben sogar weniger Menschen den Boden der Tiefsee mit eigenen Augen gesehen, als Menschen im Weltall unterwegs waren. Aber man kann beob­achten, dass das Interesse an der Tiefsee zunimmt, je mehr Bilder und Neuigkeiten von dort ans Licht kommen.

  Sie haben sich intensiv mit der Katastrophe vor der US-Küste auseinandergesetzt. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Zierul: Auch Wochen nach dem Unfall war die Situation noch nicht unter Kontrolle. Dies macht deutlich, wie fahrlässig und sorglos Konzerne und Behörden bisher mit ihrem Vorstoß in die Tiefsee umgegangen sind - allerdings nicht nur im Golf von Mexiko. Auch vor der Küste Westafrikas und Südamerikas fördern die Ölmultis aus immer größeren Wassertiefen. Für meine Filme und das Buch habe ich die Anlagen des französischen Konzerns Total vor der Küste Angolas in Afrika besucht. Nirgendwo gibt es angemessene Kontrollen oder Umweltstudien, Sicherheitskonzepte werden den Ölmultis selbst überlassen, die politischen Vorschriften sind denkbar lasch. Das Bewusstsein für die Risiken in der Tiefsee, einer schwer zugänglichen, ewig dunklen Region mit eisigen Temperaturen und enormem Wasserdruck, ist nicht ausreichend vorhanden, weder bei den Regierungen noch bei den Konzernen.

  Welche langfristigen Folgen befürchten Sie?

Zierul: Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis sich die Küsten und das Meer im Golf von Mexiko von den schon jetzt riesigen Ölmengen und den eingesetzten Chemikalien vollständig erholt haben. Ich habe mit verschiedenen Tiefseeforschern gesprochen, die in der Umgebung des lecken Bohrlochs sensible Ökosysteme gefunden haben: Kaltwasserkorallen und sogenannte Cold-Seeps-Methanaustrittstellen, an denen ähnlich viele Tierarten leben wie im tropischen Regenwald. Die Forscher vermuten, dass das Öl diese Regionen verkleben, die Lebewesen ersticken und die gesamte Nahrungskette langfristig stören könnte. Noch schlimmer könnte sich der Einsatz des Lösungsmittels auswirken, das wochenlang auf die Oberfläche und ins Leck am Boden gespritzt wurde. Die Folgen des Chemiecocktails sind kaum erforscht.

  Haben wir etwas aus der Katastrophe gelernt?

Zierul: Das wird sich zeigen müssen. Es steht zu hoffen, dass weitere Aktivitäten in der Tiefsee nur unter sehr strengen Auflagen vonstattengehen dürfen. Was mich auch Wochen nach dem Unfall noch erstaunt: Während über die Folgen an den Küsten ausgiebig berichtet wird, fragt kaum jemand nach der Situation unter Wasser. Dabei sammeln sich die größten Ölmengen dort an und nicht an den Küsten. Doch während inzwischen über 1000 Boote an der Oberfläche im Einsatz sind, hat gerade mal eine einzige Expedition in der Tiefsee nach dem Rechten gesehen. Und auch das nur, weil die Forscher zufällig in der Region waren. Dabei sind schon die ersten Ergebnisse schockierend. Viele Fische, Quallen oder Krebse haben in der Tiefsee des Golfs von Mexiko ihre Kinderstube, Wale und Thunfische suchen dort nach Nahrung. Die Forscher fürchten, dass sich die Ölpest in der Tiefsee langfristig auf das gesamte Ökosystem des Golfs von Mexiko auswirken wird und damit letztlich auch auf uns Menschen.

DAS MEER

Spiegel der Fantasie. Das Meer und die Sehnsucht, immer wieder gerettet zu werden. Von Barbara Hauck. » lesen!

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abgerufen 04.02.2012 - 05:52 Uhr

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