Mit Fäusten zu mehr Integration
Ramazan Varisli trainiert im Neuperlacher Jugendzentrum Migrantenkinder im Thaiboxen
Straßenjungs als Integrationsmaßnahme zum Boxtraining schicken - ist das nicht paradox? Im Gegenteil, sagt Ramazan Varisli: Boxen vermittelt Regeln und stärkt das Selbstvertrauen. Für sein Engagement hat der Münchner Thaibox-Trainer das bayerische Ehrenzeichen bekommen.
 Foto:
McKee
 Thaiboxer Ramazan Varisli ist Trainer und Sozialarbeiter für 100 junge Männer aus 19 Nationen.
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Die Neuperlacher Jungs schlagen richtig fest zu. Mit Ellenbogen, Fäusten, Schienbeinen und Füßen bearbeiten sie ihre Gegner. »Der Ellenbogen ist der härteste Knochen im Körper. Schlägst du jemandem mit ihm auf den Kopf, gibt´s Platzwunden«, ruft Ramazan Varisli den Kämpfern im Ring zu. »Also Vorsicht!« Auf den ersten Blick ist unklar, ob die Jugendlichen nach Regeln aufeinander losgehen. Brutal wirkt der Kampf, der seine Wurzeln in Thailand hat und dort Nationalsport ist: »Muay Thai«, zu deutsch »Thaiboxen«.
Kontrolliert Dampf ablassen
Der türkischstämmige Ramazan Varisli trainiert im katholischen Jugendzentrum von Neuperlach - einem Münchner Stadtteil mit hohem Ausländeranteil - über 100 Jugendliche aus 19 Nationen. Einige kommen aus Deutschland, die meisten aber aus der Türkei, dem Irak, Albanien oder dem ehemaligen Jugoslawien. Varislis Ziel: Mit seinem Thaibox-Club »Leon Gym« die jungen Leuten von der Straße holen, ihnen eine Perspektive geben und sie über den Sport in Deutschland besser integrieren. Er sei zwar ausgebildeter Muay-Thai-Trainer, aber daneben sei er automatisch Sozialarbeiter, erzählt Varisli. »Die Jungs kommen zu mir, wenn sie Probleme in der Schule haben. Ich kenne sie fast schon besser als ihre Eltern.« Für seine ehrenamtliche Arbeit hat Varisli in diesem Jahr das Bayerische Ehrenverdienstkreuz verliehen bekommen.
Thaiboxen ist so ähnlich wie Kickboxen - mit dem Unterschied, dass die Kämpfer aggressiver zu Werke gehen. Beim »Muay Thai« darf mit Fäusten, dem Ellenbogen, Schienbein und Fuß zugeschlagen werden. Treffer unterhalb der Gürtellinie sind aber wie beim normalen Boxen tabu. Meist treffen Thaiboxer bei Fußtritten ihre Gegner am Oberschenkel - doch auch den Kopf dürfen sie anvisieren.
»Ich bilde keine Schläger aus«, stellt Varisli nach der ersten Trainingseinheit deswegen sofort klar. Thaiboxen sei zwar ein Extremsport, aber er gebe den Jugendlichen Selbstbestätigung und den Mut zur Zivilcourage. Vorher hätten sie oftmals nur unmotiviert auf der Straße herumgehangen ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz, erklärt Varisli, der einst Weltmeister im Judo und Thaiboxen war und seit 1995 im Jugendzentrum Thaiboxtraining anbietet. »Von daher sollen sie lieber im Ring Dampf ablassen, als auf der Straße für Ärger zu sorgen.«
Mit der Straße kennt sich der 35-Jährige selbst recht gut aus. Varisli bezeichnet sich rückblickend als »aggressiv«. In mehreren Geschäften hatte er als Jugendlicher Hausverbot. »Ich will nicht, dass die Jungs hier das Gleiche durchmachen müssen«, sagt er. Deshalb sei er stolz, dass von seinen älteren Jugendlichen alle eine Ausbildung bekommen haben. Sie seien damit Ansporn und Vorbild für die Jüngeren.
Stolz ist Varisli vor allem auf den 16-jährigen Mirwais Maudodi aus Afghanistan. Obwohl er erst vor rund drei Jahren mit der Kampfkunst begonnen hat, steht der für einen Muay-Thai-Boxer erstaunlich schlaksige Junge kurz davor, am King´s Cup in Thailand teilzunehmen - ein jährlich stattfindender Wettkampf zu Ehren des thailändischen Königs, zu dem nur die besten Kämpfer der Welt eingeladen werden.
Einen Qualifikationskampf müsse er noch überstehen, dann fliege er im November nach Asien, erzählt Mirwais und drischt mit Fäusten und Beinen auf den Sandsack ein. »Er kann es schaffen«, ist Trainer Varisli überzeugt. Mirwais Titelsammlung reicht vom Bayerischen Meister über den zweifachen Deutschen Meister im Thaiboxen bis hin zum Weltmeister des Weltverbands für Kickboxer.
Ein schöner Nebeneffekt: Mirwais, der bis zu sieben Mal pro Woche trainiert, kommt automatisch Varislis Integrationsarbeit zugute. »Früher hatten wir Vorbilder wie Mike Tyson«, sagt Varisli. Aber Mirwais sei in Neuperlach groß geworden. »Er ist einer von uns«, sagt sein Trainer - ein greifbares Vorbild eben. »Heute beim Training waren schon wieder sieben neue Jugendliche da«, freut sich Varisli. Um Nachwuchs braucht er sich keine Sorgen zu machen. |
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