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Dieser Artikel: Ausgabe 34/2010 vom 22.08.2010
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ZEITZEICHEN


Das hätten wir uns nicht gefallen lassen, damals in den 60ern, um nicht zu sagen in den 68ern. Auf die Straße, ach was, auf die Barrikaden wären wir gegangen. Beschert uns ein krakenhafter Weltkonzern seit Jahren Bonbons zum Einschlafen respektive Einschläfern: wunderschöne Bilder Himmels und der Erde, Google Earth und Google Sky. Und wenn wir alle besoffen sind von all der Schönheit, dann machen sie mit uns, was sie wollen, und stecken ihre weltweiten Glotzer in Straßen und Häuser, Vorgärten und Hinterhöfe und nennen das Street View.

Eher hätten wir seinerzeit auf der Couch des Therapeuten unser Innerstes nach außen gekehrt, freiwillig, versteht sich, als dass wir unsere Garagen und Hasenställe, Gemüsebeete und Gartenzwerge ungefragt öffentlich zugänglich gemacht hätten. Reicht es denn nicht schon mit all den Einblicken ins Privateste! Da könnt ihr doch gleich Handbücher für Einbrecher und Spanner herausgeben.

Es soll eine Zeit gegeben haben, da haben die Menschen Bücher gelesen. Da sollen die Zukunftsromane »Animal Farm« und »1984« so bekannt gewesen sein wie die Bildzeitung. Da soll es Menschen gegeben haben, die »big brother« für eine reale Gefahr totaler Überwachung hielten. Jetzt hält man »big brother« für eine supergeile Rund-um-die-Uhr-Container-Gaudi.

Damals hätte es keiner gewagt, aus uns ungefragt eine weltweite Peepshow zu machen. Heute steht zu befürchten, dass sich im Falle eines Volksentscheids eine satte Mehrheit pro Street View entscheidet. Auch wenn Street View totaler und radikaler ausfällt, als wir uns das heute vorstellen können. Warum geht denn keiner auf die Straße!? Momentan scheinen alle restlichen widerborstigen Kräfte am Bahnhof Stuttgart gebunden zu sein.

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abgerufen 04.02.2012 - 06:40 Uhr

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