Ikone der Nächstenliebe
Umstritten und angefeindet: Mutter Teresa wurde am 26. August vor 100 Jahren geboren
Von
Christian Feldmann
Das Leben der Teresa von Kalkutta (1910-1997) war durchaus nicht immer nur von Gottvertrauen und Zuversicht geprägt, sondern kannte auch Zweifel und Mutlosigkeit. Für ihr soziales Engagement für die ärmsten der Armen wurde sie sogar angefeindet.
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 Umstritten und verehrt: Mutter Teresas Leben in der Nachfolge Christi.
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Die Bildarchive lieferten der öffentlichen Doppeltrauer damals 1997 die geniale Vorlage: Eine strahlende Lady Di führt die verhutzelte, vom Rheuma gekrümmte Mutter Teresa, die ihr gerade bis zum Busen reicht, behutsam an der Hand. Doch die rührenden Erinnerungsfotos können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mediengesellschaft genauso unfair ist wie die Weltgeschichte: Während das britische Luxusgeschöpf nach seinem tragischen Unfalltod blitzschnell zur Heiligen mutierte und Dianas astronomische Klamottenrechnungen plötzlich ebenso vergessen waren wie verbale Instinktlosigkeiten und peinliche Liebschaften, mischte sich in die Nachrufe auf die kleine Nonne aus Kalkutta sogleich die altbekannte Kritik an der vermeintlich unpolitischen Caritas.
Hatte Teresa mit ihren zahllosen freundlichen Sisters nicht den Verursachern sozialen Elends einen gefährlichen Dienst geleistet? Kurierten Teresa und ihre Helfer nicht an Symptomen herum, statt die Ursachen der Not bewusst zu machen? Wäre es nicht wichtiger gewesen, todbringende Strukturen, mörderische Machtverhältnisse, die ungleiche Verteilung der Güter zu bekämpfen, statt Sterbenden die Hand zu halten?
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 »Wir müssen in die Armut hineintauchen, sie mit den anderen teilen«: Mutter Teresa.
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Teresa, Engel der Todgeweihten und fanatische Fundamentalistin mit einem intoleranten Kinderglauben. Schon Anfang der Achtzigerjahre hatte der scharfzüngige amerikanische Fernsehjournalist Christopher Hitchens den Vorwurf erhoben, die »heilige Kuh« der Frommen sei in Wirklichkeit eine »Demagogin, Feindin der Aufklärung und Dienerin weltlicher Mächte«.
Man kann der Paradekatholikin aus Kalkutta eine Menge vorhalten. Die Seelenruhe, mit der sie nach dem Chemieunglück in der indischen Industriestadt Bhopal den Angehörigen der Getöteten, Vergifteten, um ihr Augenlicht Gebrachten geraten hatte, »zu vergeben, zu vergeben, zu vergeben«! Kein Wort der Anklage gegen den amerikanischen Multi Dow Chemical, der die Katastrophe durch profitgeile Schlamperei verursacht hatte.
Auch Katholiken, die sich an Teresas Sterbehäusern und AIDS-Hospizen begeisterten, stöhnten über ihr Frauenbild und Demutsideal. Eine auch theologisch fragwürdige Schlagseite wurde offenbar, wenn sie menschliches Leid gar zu flott als Gnadengeschenk des Gekreuzigten interpretierte: Einer von wahnsinnigen Schmerzen geplagten Krebskranken versuchte Teresa mit dem Argument Mut zuzusprechen, Jesus müsse sie sehr lieb haben: »Deine Schmerzen sind Küsse Jesu«. Worauf die Todkranke unwirsch erwiderte: »Mutter, dann bitte Jesus, dass er aufhören soll, mich zu küssen!«
Mit guten Argumenten tadelte man den Verzicht auf professionelle medizinische Behandlung in ihren Sterbehäusern. Sinnvoll auch der Vorschlag, die schätzungsweise 50 Millionen US-Dollar, die Teresas Gemeinschaft in ihrer letzten Lebenszeit pro Jahr an Spenden erhielt, auf wenige ausgewählte, optimal ausgestattete Projekte zu konzentrieren, statt sie in tausend flüchtigen Hilfsmaßnahmen versickern zu lassen.
»Die Armut mit den anderen teilen«
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 Für die Menschen in den Slums von Kalkutta ist Teresa eine Heilige.
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Das alles mag richtig sein. Ob aber jene, die den Weg aus der sozialen Misere so genau kennen, auch fähig wären, einen von Teresas stinkenden, von Würmern zerfressenen Patienten anzufassen und so das gestörte Verhältnis zwischen Menschen zu verändern? Nur wer das Elend teile, könne die Elenden befreien, behauptete die eigensinnige Menschenfreundin und nervte ihre Kritiker mit der Gegenfrage: »Wie kann ich den Armen ins Gesicht sehen, wie könnte ich ihnen sagen, ich liebe und verstehe euch, wenn ich nicht wie sie lebe?«
Statt flammender Appelle die schlichte Probe aufs Exempel. Selbst zupacken, statt nur laut nach Gerechtigkeit zu schreien. Jener australische Geschäftsmann hatte eine Menge begriffen, der die Slums von Kalkutta sah, Teresa einen Scheck über eine sehr hohe Summe zusteckte und dann meinte, er sei überhaupt nicht mit sich zufrieden, er habe ja nichts von sich hergegeben. Auf Teresas Rat begann er täglich in das Haus der Sterbenden zu gehen, die alten Männer zu rasieren, die zu schwach waren, es selbst zu tun, und sich mit ihnen zu unterhalten. Naive Ablenkungsmanöver - oder der bessere Weg, die Welt zu verändern?
Die übliche »Charity«, diese feine Unterscheidung machte die alte Frau gern, diene einem Zweck - gewiss einem ehrenwerten und notwendigen. Die Liebe der Christen aber diene einer Person. Eine Ärztin, die im Sterbehaus von Kalkutta mitgearbeitet hat, erfuhr es als »unglaubliches Privileg«, dort helfen zu dürfen. Man überspringe eine Riesenkluft: »Wissen Sie, es sind dann nicht mehr diese Millionen armer Menschen, sondern es ist jemand, den man selbst berührt hat.«
Um den Einzelnen gehe es ihr, stellte Mutter Teresa hartnäckig klar. Um einen Menschen begreifen, lieben zu können, müsse man in enge Berührung mit ihm kommen. Anders ausgedrückt: »Das Problem der Armut vernunftmäßig zu erkennen, heißt noch nicht, dass man es auch versteht. Wir müssen in die Armut hineintauchen, sie leben und mit den anderen teilen.«
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 Mutter Teresa auf einem Glasfenster der Kirche »Unsere Liebe Frau von Lourdes« im kroatischen Rijeka.
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Man hat ihr vorgehalten, sie taste die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen nirgends an, sondern beschränke sich auf Appelle an den persönlichen Lebensstil. Man vermisst die Vernetzung ihrer Hilfsprogramme mit einer umfassenden politischen, die Ursachen des Elends aushebelnden Entwicklungsstrategie. Statt nur Spenden weiterzugeben und den Hungernden einen Fisch zu reichen, sollten ihnen die Missionaries of Charity lieber den Umgang mit der Angel beibringen - dann könnten sie sich in Zukunft selbst helfen. Nicht schlecht, pflegte Mutter Teresa zu antworten. »Aber die Leute, die auf der Straße aufgelesen und in unsere Heime gebracht werden, sind zu schwach, um auch nur eine Angel halten zu können! Wenn ich ihnen einen Fisch gebe, helfe ich ihnen, die Kraft zu gewinnen, die sie morgen zum Fischen brauchen.«
Sie hätte den Skeptikern auch vorrechnen können, wie viele der ins Sterbehaus Gebrachten überlebten, wie viele in Heimen und Reha-Zentren unterkamen oder eine Arbeit vermittelt erhielten. Wie vielen Kindern bettelarmer Witwen ihre Gemeinschaft eine solide Handwerkerausbildung gab und welche Erfolge die von ihr propagierte »Natürliche Familienplanung« erzielte (das Bevölkerungswachstum in Kalkutta sank in einem Jahr um mehr als 30000 Geburten).
Absurde Aufteilung in Herren und Knechte
Doch Teresa hat sich nie eingebildet, die Slums ausrotten zu können. Ihre mehr als 4000 Sisters in 130 Ländern der Erde versuchen einfach, eine persönliche Antwort auf die Not zu geben, die ihnen entgegenschreit. Sie haben keine Zeit, über große politische Programme nachzudenken. Sie konzentrieren sich auf die Mängel im Menschen selbst: Egoismus, Besitzdenken, Machtgier, Gleichgültigkeit. Altmodisch ausgedrückt, auf die ganz persönliche Sünde.
Dieses Signal, dass das Habenwollen nicht die einzige Möglichkeit menschlicher Existenz ist, kann freilich ein durchaus politisches sein: Wer so wie die Sisters gegen alle bürgerlichen Selbstverständlichkeiten anrennt und Besitzlosigkeit, Gewaltlosigkeit, ungeschütztes Vertrauen zum neuen Maßstab macht, der gefährdet die Aufteilung der Gesellschaft in Herren und Knechte möglicherweise nachhaltiger als jeder militante Revolutionär, weil er sie absurd erscheinen lässt. Armut, wie sie Teresas Gemeinschaft lebt, wird so zum Gericht über einen Luxus, der wenigen zugutekommt - auf Kosten der Vielen.
BUCHTIPP: Christian Feldmann: Die Liebe bleibt. Das Leben der Mutter Teresa. Aktualisierte Neuausgabe im Licht ihrer Aufzeichnungen. Freiburg: Herder Verlag. - 159 Seiten, 14,90 Euro.
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