»Ein Jahrhundert-Erlebnis«
Die Evangelische Kirche in Oberösterreich erlebt ein außergewöhnliches Jahr
Die Kirchen der Reformation haben eine meist spannende und nicht immer ruhmreiche Geschichte. Doch kaum irgendwo fußt evangelisches Leben auf einer derart bestaunenswerten Tradition wie in Teilen Österreichs, wo Luthers Lehre über fünf Generationen im Verborgenen weitergegeben wurde, ehe sie der Staat tolerierte. Der Protestantismus hat vor allem in Oberösterreich eine beachtliche und meist unterschätzte Rolle gespielt: Daran erinnern die oberösterreichische Landesausstellung 2010 auf Schloss Parz (siehe Seite 6) und das Evangelische Museum Oberösterreich in Rutzenmoos, das heuer sein zehnjähriges Bestehen feiert.
 Foto:
Greif
 Wilhelm Stadler vor dem einzigen evangelischen Museum Österreichs.
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Die Kirchen der Reformation haben eine meist spannende und nicht immer ruhmreiche Geschichte. Doch kaum irgendwo fußt evangelisches Leben auf einer derart bestaunenswerten Tradition wie in Teilen Österreichs, wo Luthers Lehre über fünf Generationen im Verborgenen weitergegeben wurde, ehe sie der Staat tolerierte. Der Protestantismus hat vor allem in Oberösterreich eine beachtliche und meist unterschätzte Rolle gespielt: Daran erinnern die oberösterreichische Landesausstellung 2010 auf Schloss Parz (siehe Seite 6) und das Evangelische Museum Oberösterreich in Rutzenmoos, das heuer sein zehnjähriges Bestehen feiert.
Wilhelm Stadler ist ein zurückhaltender Erzähler. Stadler, Lektor und ehrenamtlicher Museumsmitarbeiter in Rutzenmoos, ringt manchmal mit Gesten um Worte und sucht nach sprachlichen Inseln der Unverbindlichkeit. Nur nichts Falsches sagen! Immer bescheiden bleiben! Wenn so jemand das große Wort vom »Jahrhunderterlebnis« in den Mund nimmt, kann man das nicht als Werbespruch in eigener Sache verbuchen.
»Das Jahr 2010 ist für die Evangelischen in Oberösterreich ein Jahrhunderterlebnis«, sagt Stadler: »Keiner von uns wird es noch mal erleben, dass evangelisches Leben so im Mittelpunkt steht wie jetzt.« Das liegt zunächst an der Landesausstellung, die mit einem Zehn-Millionen-Etat im Mittelpunkt des kulturellen Lebens im viertgrößten Bundesland Österreichs steht und die in der vorvergangenen Woche die 100000-Besucher-Marke geknackt hat. Das liegt aber vor allem auch daran, dass sich aus der Ausstellung ungeahnte Impulse in die Gesellschaft ergeben: Oberösterreich entdeckt seine protestantische Geschichte. Und darin hat Rutzenmoos mit Stadlers Museum einen besonderen Platz.
Hundert Jahre lang blühte zwischen Mühlviertel und Salzkammergut evangelisches Leben. Staatsreligion war in dem habsburgischen Teilfürstentum nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens zwar der katholische Glaube. Doch Bürger und Adelige scherten sich darum wenig, beschäftigten eigene Pfarrer und pflegten ein reges, evangelisch inspiriertes Kulturleben. Man schätzt, dass gegen Ende des 16. Jahrhunderts etwa 80 Prozent der Bevölkerung evangelisch waren.
Die konfessionelle Wende kam, wie für die Oberpfalz, mit der Schlacht am Weißen Berg im Herbst 1620. Denn die Stände Oberösterreichs hatten sich mit den unterlegenen Glaubensbrüdern in Böhmen und Ungarn verbündet und wurden nun vom siegreichen Habsburgerkaiser Ferdinand II. vor die Wahl gestellt, das Land zu verlassen oder zu konvertieren. Im Laufe des 17. Jahrhunderts verließen Zehntausende von Bürgern, Bauern und Adeligen das Land - viele von ihnen gen Mittelfranken, wo in vielen Dörfern bis heute die Erinnerung an die »Exulanten« lebendig ist.
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Museum Rutzenmoos
 Ein Bücherversteck im Gemäuer eines oberösterreichischen Bauernhauses: Über fünf Generationen wurde Luthers Lehre hier unter großen Gefahren im Geheimen weitergegeben.
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Einige Jahre stand das Land unter baierischer Verwaltung. Bei Vöcklamarkt exekutierte 1625 der berüchtigte baierische Statthalter Adam Graf von Herberstorff das »Frankenburger Würfelspiel«, bei dem 36 Bauern und Bürger paarweise unter einer Linde um ihr Leben würfeln mussten. Mehrere blutige Bauernaufstände folgten. Doch am Ende hatte sich die Bevölkerung wieder zur katholischen Kirche zu bekennen und tat dies auch - wenigstens formell.
Predigt im Geheimen
Tatsächlich aber blieb das reformatorische Gedankengut vor allem in abgelegenen und schwer kontrollierbaren ländlichen Gegenden lebendig. Man traf sich an geheimen Predigtorten wie der »Kalmoskirche« in der Gosau oder in Bauernhäusern, deren Wohnstuben die Fenster zum Innenhof hatten, damit abendlicher Lichtschein nicht auffiel. In doppelten Dielenböden oder ausgehöhlten Balken wurden reformatorische Schriften versteckt, die von Bücherschmugglern wie dem Nürnberger Kaufmann Tobias Kießling aus Nürnberg oder Regensburg herbeigeschafft wurden.
»Sie haben darinnen immer gelesen und gebettet, weilen sie den Inhalt darvohr zur Seeligkeit nuzbahr gehalten«, klagt ein Pfarreiprotokoll aus Wallern noch im Jahr 1770. Noch deutlicher formulierte einige Jahre zuvor der Vikar von Laakirchen: »Die Lutheraner erweisen sich hartnäckig und frech in ihrem Sau- und Hundsglauben, als hätten sie zusammengeschworen, wie Stein und Bein zu verharren.« Ihre Standhaftigkeit und vor allem ihre Lesefähigkeit macht die evangelischen Bauern der Obrigkeit suspekt. Höhepunkt im Leben der »Geheimprotestanten« war das »Auslaufen« in die nahe Reichsgrafschaft Ortenburg (Niederbayern), wo es ihnen möglich war, den evangelischen Gottesdienst zu besuchen. Damit der Schein gewahrt blieb, gab man daheim eine Wallfahrt nach Altötting als Reisegrund an.
Immer wieder flogen einzelne Familien oder Gemeinschaften auf, wurden bestraft, von Missionaren umworben, nach Siebenbürgen zwangsausgesiedelt. »Anstatt Protestanten innerlich zurück in den Schoß der katholischen Kirche zu führen, wurde oftmals das Gegenteil erreicht«, schreibt Andreas Hochmair im Katalog zur Landesausstellung.
Als Kaiser Joseph II. 1781 das sogenannte »Toleranzpatent« erließ, das evangelische Gemeinden und Gottesdienste unter bestimmten, eingeschränkten Umständen ermöglichte, bekannten sich zum Schrecken der kaiserlichen Beamten in Oberösterreich binnen weniger Wochen über 10000 Menschen zur Lehre Luthers. Am 9. Juni 1782 fand in der Scheune des Meier zu Erdt in Scharten der erste öffentliche evangelische Gottesdienst seit über 150 Jahren statt. Die Predigt hielt der aus Teschen (Schlesien), der einzigen evangelischen Stadt im Habsburgerreich, stammende Pfarrer Johann Christian Thielisch vor rund 4000 Menschen. Die Originalkanzel ist in der Landesausstellung zu bestaunen.
An neun Orten in Oberösterreich, an denen sich mindestens 100 Familien zum evangelischen Glauben bekannten, wurden »Toleranzgemeinden« gegründet. Eine von ihnen war die Gemeinde Rutzenmoos, einige Kilometer nördlich des Salzkammerguts gelegen. In dem Ort, der zur politischen Gemeinde Regau gehört, ist heute rund ein Drittel der Bevölkerung evangelisch - ein österreichischer Spitzenwert, üblich sind im Schnitt rund vier Prozent.
»Bei dieser Geschichte, bei diesen vielen Opfern, die unsere Vorfahren gebracht haben, fühlt man sich einfach in der Verpflichtung«, bekennt Christine Kröpfel, die als Kuratorin dem Pfarrer in der Gemeindeleitung gleichberechtigt zur Seite gestellt ist. In Rutzenmoos wuchs über die Jahrhunderte nicht nur eines der stattlichsten architektonischen Ensembles der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A.B.) in ganz Österreich, sondern die Gemeinde kann auch mit weiteren Pfunden wuchern: Hier musiziert einer der ganz wenigen Posaunenchöre des Landes, und zwar mit stolzen 30 Mitgliedern, und hier steht seit zehn Jahren das Evangelische Museum Oberösterreich, das anschaulich und professionell Nachhilfeunterricht in Sachen Konfessionsgeschichte gibt.
Einer offensiven Frontstellung gegenüber der katholischen Kirche, wie sie den Evangelischen in Österreich dank der schwierigen Vergangenheit über viele Jahrzehnte zu eigen war, hat man sich hier bewusst enthalten. So kommen viele katholische Gruppen zu Besuch und gehen voller Staunen und Hochachtung: »Es entsteht sogar eine gewisse Brüderlichkeit«, findet Wilhelm Stadler. Die Offenheit, die er hier an der Kirchenbasis erlebt, wünscht er sich auch von den Würdenträgern: »Man soll doch die Unterschiede nicht betonieren.«
Wie an vielen Orten in Oberösterreich blühen auch in Rutzenmoos seit einigen Jahrzehnten die Kontakte zu mittelfränkischen Gemeinden, in denen die Menschen oft die gleichen Nachnamen tragen - es sind die Nachfahren jener »Exulanten«, die im 17. und 18. Jahrhundert das Land verlassen mussten. Als 1979 erstmals ein Bus aus der heutigen Partnergemeinde Ostheim (Dekanat Heidenheim) in Vöcklabruck vorfuhr, hatten die Leute noch aufgelöst beim (katholischen) Pfarrer angerufen: »Da stehen Leute vor der Tür, die sagen, dass sie aus unserem Haus stammen!«
Und das stimmte sogar.
 Foto:
Greif
 Pfarrkirche, Schule (heute: Evangelisches Museum), Pfarrhaus und Gemeindezentrum in Rutzenmoos bilden eines der seltenen und ältesten Bauensembles evangelischen Lebens in Österreich.
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