Was die Bibel über Scham sagt
Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel
Schamgrenzen einzuhalten, ist keine altmodische Forderung, sondern eine Tugend. Die Bibel hilft, zu unterscheiden.
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sob
 Hans Baldung Grien: Adam und Eva, um 1525, Magyar Szépmüvészeti Múzeum Budapest.
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Schamlos im Paradies - 1 Mose 2-3
Schamlos ging es im Paradies zu: Adam und Eva lebten unbekleidet im Garten Eden und schämten sich ihrer Nacktheit nicht. Erst nachdem die beiden vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, kam die Scham in die Welt. Das erste Menschenpaar empfand den nackten Körper des/der anderen als Problem: »Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.« Die wurden wenig später von Gott gegen Fellröcke ausgetauscht. Seitdem gilt es als höchst schambesetzt, sich nackt zu zeigen - bis heute. Aus demselben Grund werden die Geschlechtsorgane der Menschen »Scham« genannt. ( 1 Mose 2-3)
Zitat: »Sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.«
Falsche und rechte Scham - Sirach 4, 25; 20, 25; 30, 2; 41, 18-29; 42, 11
Der weise Lehrer Jesus Sirach ist Scham-Experte der Bibel. Reiche Lebenserfahrung spricht durch die Ratschläge, die er seinem Sohn in Sachen Scham gibt. Zum Beispiel differenziert er zwischen falscher und angemessener Scham. Kein Grund zur Scham sei es, die Wahrheit zu sagen, die eigenen Sünden zu bekennen oder Gottes Gebote zu halten. Ebenso sei es falsch, einem Freund aus Schamgefühlen Versprechungen zu machen. Nur aus vorzeitlicher Väterlichkeit ist allerdings die Angst Jesus Sirachs zu verstehen, sich vor Bekannten für das Verhalten seiner Kinder zu schämen; ihr möchte er mit »Zucht« und »scharfer Bewachung« vorbeugen: Relikte nomadischen Paschatums, die leider bis in die abendländische »schwarze Pädagogik« des 20. Jahrhunderts Auswirkungen hatten. Doch Jesus Sirach nennt auch Situationen, in denen Scham angebracht ist: Verträge zu brechen, Geheimnisse auszuplaudern, sich von der Verwandtschaft abzuwenden, verheirateten Frauen oder Prostituierten hinterherzublicken: Das sind wahre Gründe, sich zu schämen. ( Sirach 4, 25, Sirach 42, 11)
Zitat: »Man kann sich so schämen, dass man in Sünde gerät, und man kann sich auch so schämen, dass man Gnade und Ehre davon hat.«
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 Hans Baldung Grien: Adam und Eva, um 1525, Magyar Szépmüvészeti Múzeum Budapest.
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Auch Gott schämt sich - Lukas 9, 29; Hebräerbrief 2, 11; 11, 16
Vor wem sollte Gott sich schämen, wenn er doch die höchste Instanz der Welt ist? Vor sich selbst? Der Hebräerbrief lässt diese Frage offen, nachdem er betont, dass Gott sich seines Volkes nicht schäme. Auch bei Jesus gibt es eine Schamgrenze. Der Hebräerbrief meint, Jesus schäme sich der Menschen nicht; die Evangelisten Matthäus und Lukas hingegen behaupten, dass sich Jesus vor Gott für Nichtgläubige schäme. ( Lukas 9, 29, Hebräerbrief 2, 11)
Zitat: »Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen.«
Wegen Gott muss man sich nicht schämen! - Sirach 51, 37; Markus 8, 38; Römer 1, 16
»Ich schäme mich des Evangeliums nicht«, lautet einer der bekanntesten Sätze des Apostels Paulus. Mutig und konsequent hatte er unter Juden wie Griechen und Römern die frohe Botschaft des Jesus von Nazareth verkündet, »eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben«. Wer sich für Gott schämt, kann sich dessen Gnade nicht sicher sein, hatte schon vorher Jesus seinen Jüngern erklärt. »Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.« ( Sirach 51, 37, Markus 8, 38, Römer 1, 16)
Zitat: »Freut euch an der Barmherzigkeit Gottes und schämt euch nicht, ihn zu loben.«
Gott tröstet die Schamvollen - Psalm 44, 16; 69, 20; 71, 13
Die Psalmbeter schildern oft scheinbar ausweglose Situationen, in denen sie Gott um Hilfe bitten. Auch Scham spielt dabei eine Rolle. »Du kennst meine Scham. Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank,« betet der Psalmist zu Gott und hofft auf Beistand. Gleichzeitig plädiert er für Gerechtigkeit auch in Schamesfragen: »Schämen sollen sich und umkommen, die meiner Seele Feind sind.« ( Psalm 44, 16)
Zitat: »Mein Antlitz ist voller Scham.«
Scham verjährt - Jesaja 54, 4
Viele Menschen schämen sich für Dinge und Verhaltensweisen, die Jahrzehnte zurückliegen. Doch für Jugendsünden muss man sich nicht schämen, meint der Prophet Jesaja. Schamvoll zurückzublicken lähmt - es gilt, frei von schlechten Gefühlen in die Zukunft zu blicken. ( Jesaja 54, 4)
Zitat: »Schäme dich nicht, denn du sollst nicht zum Spott werden, sondern du wirst die Schande deiner Jugend vergessen.«
Schamesröte - Jesaja 1, 29; 24, 23; Hesekiel 7, 18; 36, 32
Schon vor fast 3000 Jahren sind Menschen aus Scham errötet. Der Prophet Jesaja ruft die Israeliten auf, sich von Götzen ab- und Gott wieder zuzuwenden. Sie hätten allen Grund, schamrot anzulaufen - zum Beispiel wegen Lustorgien unter »heiligen« Bäumen. Das Verhalten von Gottes Volk führt Jesajas Meinung nach so weit, dass sich die Gestirne fremdschämen: »Der Mond wird schamrot werden und die Sonne sich schämen.« Neben dem Erröten sind gesenkter Kopf und betretene Schweigsamkeit Anzeichen für ehrliche Scham. ( Jesaja 1, 29, Hesekiel 7, 18)
Zitat: »Ihr werdet euch schämen müssen und schamrot werden.«
| BIBLE'S DIGEST
Alle » Folgen der Serie »Das Beste aus der Bibel« finden Sie » hier...
»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.
Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.
SCHAM
»Du solltest dich schämen!« Dieser elterliche Ratschlag kann nicht funktionieren. Denn Scham ist ein dem Menschen innewohnendes Gefühl, eine Mischung aus Schmach und Scheue, die mit Verlegenheit einhergeht. Wer aufgrund seiner Schwächen oder Fehler bloßgestellt wird, kann Schamgefühle sich selbst oder anderen gegenüber nicht verhindern. Die Bibel versucht, die Herkunft der Scham zu erklären. Und gibt viele weise Tipps, wie und wann man sich (nicht) schämen sollte.
Zum Weiterlesen: Udo Baer / Gabriele Frick-Baer (Hg.): Vom Schämen und Beschämtwerden, Weinheim 2008.
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