Oldies statt Wellness
Der christliche Privatsender Radio Paradiso verliert seine Lizenz und klagt
Seit 1997 ist in Berlin ein evangelisches Privatradio auf Sendung. Nun hat die Landesmedienanstalt »Radio Paradiso« die Lizenz entzogen.
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 Vor dem Aus? Dem Berliner evangelischen Privatsender »Radio Paradiso« droht der Lizenzentzug.
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Es nützte alles nichts. Die öffentlichen Proteste der evangelischen Kirche, die Solidaritätsadressen von Politikern wie Frank-Walter Steinmeier (SPD) oder Volker Kauder (CDU), selbst Unterstützungsartikel in der BILD-Zeitung brachten keine Wende. Ende Juni entzog der Medienrat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) dem christlichen Berliner Sender radio paradiso endgültig die Lizenz. Ab Dezember, so die MABB, sollte der Kanal Oldiestar auf den entsprechenden UKW-Frequenzen in Berlin und Brandenburg zu hören sein.
Immer weniger Inhalte
Die Begründung der Berlin-Brandenburgischen Medienaufsicht liest sich wie eine Ohrfeige für die Programmpolitik des Senders: »Charakteristisch ist bisher eine vom Musikformat bestimmte Wellness-Ausrichtung unter Verzicht auf Programmelemente, die die an der Musik interessierten Hörer stören könnten.« Bereits in einer Analyse zur Berliner Radiolandschaft des Jahres 2008 hatte die MABB einen erheblichen »Substanzverlust« bei radio paradiso festgestellt. Demnach hatte sich der Wortanteil von 183,8 Minuten täglich (2006) auf 72,5 Minuten (2008) reduziert.
Hoffnung schöpfte der Sender, als Anfang Juni eine aktuellere Studie der MABB bekannt wurde. 2009 habe sich bei radio paradiso »einiges zum Positiven verändert«, hieß es darin. Doch die Medienanstalt ließ sich nicht umstimmen. Konkurrent Oldiestar habe trotz der geringeren technischen Reichweite »beachtliche Programmleistungen erbracht, insbesondere im journalistischen Bereich der Berichterstattung aus Berlin und Brandenburg«, hieß es. Dies begründe zusammen mit konkreten Zusagen auch für kirchliche Inhalte eine bessere »Vielfaltsprognose« als bei radio paradiso.
Das sieht der Geschäftsführer des christlichen Senders, Matthias Gülzow, ganz anders. Nach seiner Darstellung hat es im Jahr 2008 eine Phase gegeben, in der radio paradiso nach einem Umzug und »wirtschaftlich schwierigen Situationen« einen geringen Wortanteil gehabt habe. Dazu habe man bei der MABB Stellung genommen und anschließend nichts mehr von der Medienaufsicht gehört, so Gülzow. Gegen den Entzug der Sendelizenz will Gülzow nun juristisch vorgehen. Zunächst soll ein Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz beim Berliner Verwaltungsgericht gestellt werden. »Innerhalb der kommenden vier Wochen werden wir zudem Klage einreichen«, sagte der radio paradiso-Geschäftsführer.
Gülzow äußerte sich zudem erfreut über wachsende Zuhörerzahlen, die in dieser Woche von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse vorgelegt wurden. »Mit aktuell 40000 Hörern pro Durchschnitts-Stunde haben wir einen historischen Höchststand erreicht«, so Gülzow.
Die Geschichte von radio paradiso ist turbulent. Ein Jahr nach dem Sendestart 1997 hatte der Sender einen Konkursantrag stellen müssen. Das anfänglich aus Kirchenmitteln finanzierte Privatradio stand im Mittelpunkt eines innerkirchlichen Streits um die theologische Ausrichtung des Programms, die nordelbische evangelische Kirche zog ihre Zusage für einen größeren Betrag wieder zurück. Weil dann aber 120 Privatpersonen Anteile zeichneten, konnte der Konkurs abgewendet werden. Hauptgesellschafter sind heute die Evangelische Darlehnsgenossenschaft, die Berliner Immanuel-Diakonie sowie die Frankfurter EKD Media.
Bei radio paradiso und angeschlossenen Unternehmen würden 64 Stellen wegfallen, wenn der Sendebetrieb tatsächlich eingestellt werden müsste.
Nach Auskunft der EKD würden dadurch Investitionen in Millionenhöhe vernichtet. Welche Erfolgsaussichten die Klage des Senders beim Verwaltungsgericht hat, ist allerdings unklar. Bislang gibt es kaum Präzedenzfälle für einen Lizenzentzug bei einem Privatradio.
Im Internet unter www.paradiso.de.
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