Im Auge des Bösen
In Anlehnung an die sieben Todsünden beschreibt Mordermittler Wilfling seine Fälle
Von
Anja Boromandi
42 Jahre lang hat Josef Wilfling in München Mordfälle aufgeklärt und dabei Bilder gesehen, die er nie vergessen wird. Sieben seiner spektakulärsten Fälle schildert er im Buch »Abgründe«. In Anlehnung an die sieben Todsünden aus der Bibel (Hochmut, Habgier, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit) erzählt der Kommissar über seine Erfolge bei den Ermittlungen und auch über seine persönlichen Fehler.
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 Josef Wilfling: 42 Jahre auf der Jagd nach Mördern.
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Die Holzintarsie an der heimischen Esszimmerwand fällt sofort ins Auge. Es ist eine Stadtansicht mit den berühmtesten Gebäuden Münchens. Fein gearbeitet, mit viel Liebe zum Detail. »Das haben einige Jungs aus der JVA in Straubing für mich gemacht«, erklärt Josef Wilfling ein wenig stolz und fügt trocken hinzu, »na ja, Zeit genug hatten sie ja dafür.«
Das sagt der Mann, der die Künstler höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat. Das klingt irgendwie paradox - und auch wieder nicht. Beschreibt der inzwischen pensionierte Kriminalkommissar doch in seinem Buch, wie mutmaßliche Täter nach oft stundenlangen Verhören irgendwann Vertrauen zu ihm fassten. Wie sie einen Zuhörer in ihm fanden, bei dem sie sich endlich zum ersten Mal alles von der Seele reden konnten. Was nicht heißt, dass nicht ebenso viele Verbrecher ihn schon verflucht hätten. Der ehemalige Leiter der Münchner Mordkommission hat in seiner Laufbahn schon alles zu hören und sehen bekommen, das komplette Panoptikum kranker Seelenleben. Geständnisse mit den unterschiedlichsten Tatmotiven wie Eifersucht, Vergeltung oder Habgier. Umso beängstigender ist seine These: »Jeder von uns kann zum Mörder werden«, da ist sich der 63-Jährige sicher.
Als Nachkriegskind 1947 im oberfränkischen Münchberg geboren, wuchs Josef Wilfling zusammen mit vier Geschwistern in einem streng katholischen Elternhaus auf. Auch wenn er heute mit Gott hadert: Die christlichen Werte, sagt er, haben ihn geprägt. »Menschen ohne Glauben und Religion haben weniger Hemmungen, kriminell zu werden«, lautet seine Überzeugung. Als er zwölf Jahre alt war, starb sein Vater. Ein Schock für die Familie. Die Mutter war überfordert, an allen Ecken und Enden fehlt es an Geld. »Wir waren arm, aber trotzdem glücklich«, erinnert er sich. Gefühle wie Neid kannte er nicht, obwohl sein bester Freund ein Millionärssohn war. »Dafür war der in der Schule schlechter.«
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 Durch den Fall Moshammer (hier vor dem Haus des Modezaren) wurde Wilfling bundesweit bekannt.
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Wilfling erzählt, dass er weder ein Streber war noch Mitschüler verpetzte. Er übernahm in seiner Clique das Kommando, er wollte der Anführer sein. Nicht unwichtig für seinen späteren Beruf. Mit 16 bekam er einen Schuss vor den Bug: Nach einer harmlosen Rauferei bei einer Zeltjugend wurde der Jugendliche vom Richter nach Absprache mit der Mutter unter Freizeitarrest gestellt. Das Wochenende im Gefängnis sieht er als Schlüsselerlebnis in seinem Leben. »Das war ein heilsamer Warnschuss. Ich habe noch nie so erniedrigt und gedemütigt gefühlt wie in diesen Stunden hinter Gittern.« Danach stand für ihn fest, dass er Polizist wird. Er hatte Erfolg als Ermittler, 1987 wurde er Chef der Mordkommission München.
Eine Entscheidung, die Josef Wilfling nie bereut hat, ihn aber heute am Glauben zweifeln lässt. Weil er Dinge gesehen hat, die er niemals für möglich gehalten hätte: zerstückelte Leichen, Perversitäten, unvorstellbare Brutalität. Er musste einen Kollegen als Doppelmörder überführen, weil dieser zwei Menschen aus Habgier enthauptet hatte. Besonders schlimm sind für ihn Morde an Minderjährigen. »Da ist es doch kein Wunder, dass man an der Kindsleiche steht und fragt: 'Was bist du für ein Gott, dass du das zulässt?'« Er hofft, dass es ein Jenseits mit Himmel und Hölle gibt, »damit die nicht ungestraft davonkommen.«
Die Chancen auf Erden stehen dafür gut. Sein Team hatte eine Aufklärungsrate von nahezu 100 Prozent. Und dank der DNA-Analyse wird der perfekte Mord immer schwieriger. Durch die Technik ist es heute möglich, Mordfälle aufzuklären, die schon 30, 40 Jahre zurückliegen. Dabei fand Wilfling es immer wieder überraschend, wie erleichtert die Täter auch nach so langer Zeit waren und bei der Verhaftung sagten: »Endlich haben Sie mich geschnappt!«
»Jeder Mensch hat den Wunsch, in Würde zu sterben«
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 Nach stundenlangen Verhören fassten viele mutmaßliche Täter Vertrauen zu ihm: Mordermittler Josef Wilfling bei der Präsentation seines Buchs.
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Wilfling pauschalisiert nicht. Für ihn ist Mörder nicht gleich Mörder. »Man kann nicht alle in einen Topf werfen«, warnt er. »Es gibt hoffnungslose Fälle, bei denen Hopfen und Malz verloren ist und jede Resozialisierungsmaßnahme rausgeworfenes Geld ist. Und dann die, die echte Reue zeigen.« Eine Frau, die jahrelang misshandelt wurde und ihren Mann umgebracht hat, beurteilt er anders als jemanden, der aus Habgier tötet. Generell, so zeige die Erfahrung bei Beziehungstaten, morden Frauen meist, um jemanden loszuwerden, Männer hingegen, um jemanden zu behalten. Auf seinen Buchlesungen hat er für das weibliche Geschlecht einen nicht ganz ernst gemeinten Tipp parat: »Ich rate Frauen immer, von vorne anzugreifen, sonst ist der Tatbestand der Heimtücke gegeben.«
Im Vorwort seines Buchs schreibt Josef Wilfling: »Jeder Mensch hat den Wunsch, in Würde zu sterben. Wird jemand ermordet, nimmt man ihm diese Würde.« Der Kripochef a.D. kennt nicht nur die Seite der Täter, sondern auch das Leid der Opfer und der Angehörigen. Unzählige Male hat er Trost gespendet, zugehört und - wenn notwendig - auch gelogen. »Musste mein Mann leiden, oder war er gleich tot?«, wurde ich oft gefragt und habe 'Nein' gesagt, obwohl ich es besser wusste.« Nur einmal war er auf einer Beerdigung eines Opfers - privat. 2005 war das, beim achtjährigen Peter, der von einem Serientäter getötet wurde. Eine Ausnahme. »Man sollte professionelle Distanz bewahren, schon aus Gründen der Objektivität.« Ein Mann mit Prinzipien. Sich von Zeugen oder Beschuldigten duzen zu lassen war bei ihm ebenfalls tabu.
Auf die Frage, warum in der Regel Täter und nicht Opfer bzw. Angehörige im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen, hat er eine einfache Antwort. »So ist unser Strafprozess leider ausgerichtet. Der Mörder bekommt mehr Aufmerksamkeit, weil er lebt. So einfach ist das. Die Opfer werden dabei oft vergessen. Andersrum verhält es sich nur, wenn das Opfer prominent ist, wie bei seinen beiden Fällen Moshammer und Sedlmayr: Da waren die Täter für die Öffentlichkeit kaum interessant.« Dafür die Opfer, was die Absperrung des Tatorts erschwerte. »Die wichtigste Regel vor Ort lautet ja: Nichts berühren oder anlangen, sonst gibt's Ärger.« Beim Sedlmayr-Fall liefen Unbefugte am Tatort herum, um Fotos vom Toten zu knipsen, bedauert Wilfling. »Bei so was bekomme ich einen echten Tobsuchtsanfall.«
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 Wilfling: »Jeder Mensch hat den Wunsch, in Würde zu sterben. Wird jemand ermordet, nimmt man ihm diese Würde.«
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Bewegt haben den Kommissar in seinem Berufsleben nicht nur Verbrechen, auch ganz normale Ablebensfälle, »bei denen sich die Mutter nach 70 Jahren Ehe auf den toten Vater schmeißt, das war ebenso herzzerreißend.« Obwohl der Tod sein täglicher Begleiter war, hat der 63-Jährige keine Angst vor ihm. »Vorm qualvollen Sterben ja, da wünsche ich mir wie jeder einen schnellen Tod. Eine Zigeunerin hat mir ja mal vorausgesagt, dass ich erschossen werde, aber so was halte ich für Humbug, es hat mich eher amüsiert.«
Mit Hellsehern und Wahrsagern steht der 63-Jährige eh auf Kriegsfuß. »Die haben schon Familien zerstört. Bei jedem Mordfall nehmen sie Kontakt mit verzweifelten Angehörigen auf, um ein Geschäft zu machen. Noch nie hat ein Wahrsager eine Leiche oder einen Entführten gefunden, und wenn einer zu mir käme und das behaupten würde, würde ich ihn festnehmen und fragen, woher er das weiß, weil das Täterwissen ist,« schnaubt er.
Im Beruf durfte sich der Ermittler keine Emotionen leisten. Da musste er immer Distanz wahren, um nichts an sich ranzulassen, »sonst gehst du kaputt dabei«, das war ihm schnell klar. Auch seine Familie bekam nie Details zu hören, das hat Josef Wilfling immer sauber getrennt. Ein Schutzmechanismus, immer mit der Gefahr verbunden, irgendwann abzustumpfen. So weit ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Ja, er könne noch weinen. Gerade letzte Woche habe er das getan. »Da ist nämlich mein geliebter Zwergpapagei gestorben, die Batzi. Sie flog noch auf mich zu, und plötzlich lag sie tot am Boden.«
Im Blick auf die heutige Jugend sorgt ihn die wachsende Verrohung, die Mordlust aus Langeweile. Es gibt ihm zu denken, wenn er sieht, was die fehlende Erziehung bewirken kann. Und was das Internet dabei für eine Rolle spielt. Er ist für ein Verbot von Killerspielen: »Dieser Dreck gehört runter vom Markt. Alle Amokläufer an Schulen haben diesen Schund konsumiert.« Die Leute fragen ihn immer, wie er die Bilder in meinem Beruf verarbeitet habe. »Aber keiner fragt sich, wie ein Kind Videospiele verarbeitet, in denen Szenen so realistisch dargestellt werden, dass die Kids ja praktisch schon im virtuellen Raum leben. Kriegsspielzeug ist verboten, Killerspiele sind erlaubt. Das kann nicht sein.«
Im »Unruhestand« hat Wilfling mehr Zeit zum Fernsehen. Auch wenn er über die Fernsehkrimis à la Derrick und Co. schmunzeln muss, einen guten Columbo-Krimi schaut sich der Münchner dann doch gerne an. Den Modetrend, dass im TV immer mehr Frauen ermitteln, hält er für einen Wunschgedanken. »Mordermittlung ist immer noch ein reines Männergeschäft. Im Bereich der Rechtsmedizin fällt mir allerdings auf, dass es immer mehr Frauen gibt, die sich für diesen Job interessieren.«
Was der Senior künftig mit seiner Freizeit anstellt, weiß er noch nicht so genau, einen Kommissar Rex wird er sich jedenfalls nicht zulegen. »Vor Hunden hab ich Angst. Ich mag sie gern, aber sie mich nicht. Sobald mich einer sieht, geht er garantiert auf mich los. Sogar unsere Polizeihunde haben mich schon angegriffen, da stand ich in der Tiefgarage mit erhobenen Händen. Das ist kein Witz.«
BUCHTIPP: Josef Wilfling. Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden - Der legendäre Mordermittler deckt auf, Heyne-Verlag 2010, 19,95 Euro.
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