Im Lichte Gottes
Glaubenskurs Teil 49: Die sieben Hauptsünden
Von
Andreas Ebert
Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit gelten in der Tradition als Hauptsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.
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 »Die Unmäßigkeit« (Gula), Detail aus dem Gemälde »Ein Tisch mit Szenen zu den sieben Todsünden, Hieronymus Bosch, 1480, Madrid, Museo del Prado.
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Die biblischen Begriffe für Sünde bedeuten ursprünglich so viel wie Zielverfehlung, etwa beim Bogenschießen. Zu unseren Möglichkeiten als Menschen gehört es, dass wir uns - im Gegensatz etwa zum Tier - verfehlen können. Unser Leben kann glücken oder misslingen. Wir können den Sinn unseres Daseins finden: in Beziehung zu sein mit Gott, mit uns selbst und mit unseren Mitgeschöpfen. Oder missglücken: entfremdet, isoliert und getrennt zu sein. Wir werden von Kindesbeinen an verletzt. Unser Urvertrauen wird irgendwann erschüttert. Und wir reagieren auf eigene Verletztheit, indem wir andere verletzen. Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden? Wie ist Heilung möglich?
Für Martin Luther bestand die gesundete Gottesbeziehung im Vertrauen auf Gottes Liebe, Gnade und Güte. Die einzige Sünde war für ihn das Festhalten am Misstrauen gegen Gott, die Verweigerung des Vertrauens, die dazu führt, dass der Mensch »verkrümmt in sich selbst« bleibt und sich nicht öffnet für Gott und den Nächsten. Alle konkreten Sünden sind für Luther deshalb nichts als Konsequenzen dieses Ur-Misstrauens. Die Sünde des verweigerten Vertrauens gebiert die Sünden.
Schon im Neuen Testament finden sich mehrere Lasterkataloge, die solche Fehlhaltungen konkret benennen, zum Beispiel Markus 7, 21f., wo Jesus sagt: »Aus dem Herzen der Menschen kommen böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft«. Oder Galater 5, 19-22, wo Paulus schreibt: »Offenkundig sind die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen«.
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 Ein Tisch mit Szenen zu den sieben Todsünden, Hieronymus Bosch, 1480, Madrid, Museo del Prado.
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Im frühen Mönchtum der Wüstenväter und Wüstenmütter Ägyptens (4. Jahrhundert) entwickelte sich eine psychologisch tiefschürfende Lehre von den Leidenschaften, mit denen der Mensch auf dem Weg zu seiner wahren Bestimmung und zu Gott ringen muss, um menschlich und geistlich zu reifen. Die frühen Wüsteneremiten waren aus der Zivilisation und einer verweltlichten Kirche geflohen, um in der Wüste Gott zu suchen. Aber anstatt Ruhe und Harmonie zu finden, wurden sie - wie Jesus in der Wüste - in der Einsamkeit mit sich selbst und mit den eigenen ungelösten Spannungen, Ängsten, Versuchungen und dunklen Antrieben konfrontiert. Antonius, der erste Wüsten-Einsiedler sprach in diesem Zusammenhang vom »Kampf mit den Dämonen«. Er personifizierte die Kräfte, die seine Seele besetzt hielten, trat mit ihnen in Dialog und rang mit ihnen. Ähnlich hatte es schon Jesus bei seiner Versuchung in der Wüste und bei seinen späteren Dämonenaustreibungen getan.
Evagrius Ponticus, ein junger intellektueller Wüstenmönch der zweiten Generation (gestorben 399), begann damit, die zerstörerischen Kräfte zu analysieren und zu katalogisieren. Er vermeidet dabei meist den Begriff Dämonen und benutzt stattdessen den Begriff »Leidenschaften« oder noch häufiger das überraschende Wort »Gedanken«. In seinen Lasterkatalogen benennt er meist acht, aber einmal auch neun solcher »Gedanken«, die den Menschen vom Weg zu Gott abbringen.
Die Sünde beginnt für ihn im Kopf! Dort manifestiert sich das Laster als Gedanke, als Konzept, als innere Stimme, als Trugbild. Erst dann lädt es sich emotional auf und wird irgendwann zur Tat. Die acht Laster Völlerei, Unzucht, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Lebensverdruss, Eitelkeit und Hochmut (bei seinem Neunlasterkatalog kommt als vorletzter Gedanke noch der Neid dazu) hindern die Einsiedler daran, an ihr Lebensziel zu gelangen und die Apatheia zu erreichen. Unter Apatheia verstand man in der Tradition der griechischen Philosophie die Freiheit von Leidenschaften, die Seelenruhe, die Einheit mit Gott.
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 Ein Tisch mit Szenen zu den sieben Todsünden, Hieronymus Bosch, 1480, Madrid, Museo del Prado (Gesamtansicht).
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In dieser Leidenschaftslehre geht es nicht um ein Sündenregister. Die Leidenschaften oder Gedanken selbst sind keine Sünden, aber sie können zur Sünde verleiten. Deswegen geht es den Wüstenvätern darum, die Herkunft der Gedanken und die Strategie der Dämonen zu durchschauen, um sie aushebeln zu können, bevor sie an ihr destruktives Ziel gelangt sind. Die gröberen Gedanken (Völlerei, Geldgier, Unzucht) werden vor allem durch Askese in Schach gehalten. Das ist vor allem für Anfänger auf dem spirituellen Weg wichtig. Sie brauchen eine klare Struktur und die Fähigkeit, sich schädigenden Impulsen zu verweigern, um geistlich zu wachsen. Die feinsinnigeren Gedanken (wie Traurigkeit, Überdruss, Zorn) sind nicht durch Askese zu bewältigen; sie bedürfen liebevoller seelsorgerischer Begleitung und Bearbeitung.
Die großen Mütter und Väter der Wüste waren Therapeuten. Es ging ihnen um die umfassende Heilung des Menschen, um seine leibliche, seelische und geistliche Integrität. Ihre Kompetenz stammte aus der eigenen Seelenarbeit. Sie wussten, wovon sie sprachen, wenn sie junge Menschen auf dem inneren Weg begleiteten.
Das Lasterschema des Evagrius wurde von Johannes Cassian (360-435) übernommen und dem lateinischen Westen überliefert. Obwohl Evagrius und Cassian mit vielen anderen Wüstenmönchen nach ihrem Tod als Ketzer verurteilt worden waren, hat zwei Jahrhunderte später Papst Gregor der Große (540-604) ihren Katalog aufgegriffen, aber einer grundlegenden Wandlung unterzogen. Gregor nimmt nur sieben Hauptlaster an, wobei der Stolz allen anderen als »Königin der Laster« oder »Wurzelsünde« vorangestellt wird, aus der die anderen Laster entspringen (vergleiche Luthers Auffassung, dass alle Sünden aus dem Unglauben und Misstrauen gegen Gott kommen!). Ferner führt Gregor wieder den Neid als Laster ein, fasst aber Verdruss und Traurigkeit zu einem einzigen Laster, der Traurigkeit (in etwas das, was wir Depression nennen), zusammen. Gregors Lasterkatalog hatte einen gewaltigen Einfluss auf die christliche Literatur des Abendlandes, wobei er immer wieder variiert wurde. Schließlich setzten sich die sieben Hauptlaster oder Wurzelsünden Stolz (superbia), Neid (invidia), Zorn (ira), Trägheit (acedia), Geiz (avaritia), Völlerei (gula) und Wollust (luxuria) durch.
Jesus hat von Sünde nur selten gesprochen
Der Volksmund nennt diesen Katalog der Hauptlaster oder Wurzelsünden bis heute die »Sieben Todsünden«. Anders die offizielle katholische Theologie. »Todsünden« nennt sie nicht diese sieben Laster, sondern schwerwiegende Sünden wie Mord, Ehebruch und Glaubensabfall. Davon grenzt sie einerseits die »himmelschreiende Sünde« als Steigerung gegenüber der Todsünde, andererseits die »lässliche Sünde« als minder schweres, geringfügiges Vergehen ab. Der Katechismus der Katholischen Kirche von 1997 führt fünf himmelschreiende Sünden auf: das beim Mord Kains an seinem Bruder Abel vergossene Blut; die Sünde der Sodomiter in der biblischen Geschichte von der Bestrafung Sodoms und Gomorras (Vergewaltigung von Fremdlingen), das Klagen des in Ägypten unterdrückten Volkes (systematische Versklavung), die Klagen von Fremden, Witwen und Waisen und die Lohnverweigerung für Arbeiter.
Jesus hat von Sünde nur selten gesprochen und dann meist im Zusammenhang mit Vergebung. Dem Gelähmten spricht er - ohne vorheriges Sündenbekenntnis - einfach zu: »Deine Sünden sind dir vergeben!« Auch seinen Jüngern gibt er die Vollmacht, Sünden zu erlassen. Denn nur im Licht der Vergebung und der bedingungslosen Liebe Gottes entsteht der Vertrauensraum, in dem Verfehlungen beim Namen genannt werden können.
Das geschieht in der recht verstandenen Beichte. Sie ist ein solidarisches Gespräch zwischen zwei fehlbaren Menschen, bei der das Dunkle ausgesprochen werden kann. In der geistlichen Begleitung können darüber hinaus behutsam die Ursachen und Hintergründe bestimmter destruktiver Verhaltensweisen aufgedeckt und bearbeitet werden. Dazu kann auch eine gute psychotherapeutische Behandlung beitragen.
Warum Martin Luther ein Befürworter der Beichte war
Martin Luther wandte sich gegen jede menschliche Leistung zur Sündenvergebung (sämtliche Sünden beichten zu müssen, Ablasshandel, Bußakte), befürwortete aber die Einzelbeichte. Er beichtete selbst regelmäßig, in schwierigen Zeiten sogar täglich! Allerdings war er ein guter Psychologe, der wusste, dass eine allumfassende Reue, die alle Sünden umfasst, gar nicht möglich ist, zumal - wie wir heute wissen - viele Ursachen von »Fehlverhalten« unzugänglich im Unterbewusstsein liegen.
In der lutherischen Beichtlehre ist der Mensch nicht Subjekt des Handelns, sondern Objekt. Der sündige Mensch wird von Gott als solcher erkannt. Erst wenn der Mensch sich im Licht der Liebe Gottes als Sünder erkennen lässt, wird ihm sein Sündersein bewusst. Dazu ist kein Pfarrer nötig. Nach Luthers Lehre kann jeder Christenmensch einem Bruder oder einer Schwester die Vergebung zusprechen.
In der Beichte geht es darum, dass wir aus der Isolation, Fixierung und Angst den Weg in die Freiheit finden. Die Kennzeichen des erneuerten Lebens beschreibt Paulus im Katalog der neun Geistesfrüchte ( Galater 5, 22f.): Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Dietrich Bonhoeffer hat betont, dass Früchte nicht machbar sind, sondern von selbst wachsen, wenn die Wurzel des Baumes heil wird. Auch er schätze die persönliche Beichte vor einem anderen Menschen, weil er wusste, dass die Vergebung, die mir zugesprochen wird, objektiver und wirkmächtiger ist als die »Selbstvergebung«. Er sagt: »Der Christus im Bruder (zu ergänzen: »in der Schwester«!) ist stärker als der Christus in mir!«
Geistliche Erneuerungsbewegungen auch in der evangelischen Kirche waren immer auch mit der Erneuerung der Beichte und der geschwisterlichen Seelsorge verbunden. Es ist schade, dass dieses wunderbare Werkzeug der Gnade bei uns so wenig praktiziert wird. Aber das kann sich ja auch wieder ändern. |
Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.
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